Demografischer Wandel, Fachkräftemangel und eine zunehmend individualisierte Gesellschaft stellen die stationäre Pflege in der Zukunft vor große Herausforderungen. Wie sieht die Zukunft der Pflege aus? Wo geht es hin und wie kann Zukunft gelingen?

Wir haben wir mit Herrn Hermann Josef Thiel, Prokurist und Bereichsleiter Altenhilfe bei der Katharina Kasper ViaSalus GmbH, gesprochen, was die stationäre Pflege braucht, um mit der Zukunft Schritt zu halten.

Herr Thiel, vor dem Hintergrund des demografischen Wandels erhält die Pflege immer stärkere Bedeutung. Wie ist es aktuell um die stationäre Pflege in Deutschland bestellt?

Hermann Josef Thiel: Es wäre sehr einfach, hier kurz zu antworten: Schlecht!

Aber das Bild ist – wie Vieles heutzutage – komplexer.

Pflege, egal ob ambulant oder stationär, leidet unter einem allgemeinen Arbeitskräftemangel.

Die wirtschaftlichen Folgen der vielen Reformen der letzten meisten Jahre tragen überwiegend die Betroffenen und ihre Familien. Andererseits wird in den deutschen Pflegeheimen nachweislich tagtäglich eine hervorragende Arbeit geleistet.

Nirgendwo sonst wird verlässliche, professionelle Pflege an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr geleistet. Warum leidet die stationäre Pflege offensichtlich dennoch unter einem Imageproblem? 

Hermann Josef Thiel: Die Branche konnte die rasante fachliche und inhaltliche Entwicklung seit Einführung der Pflegeversicherung in ihren Häusern nicht in die Öffentlichkeit transportieren. In der Gesellschaft herrscht noch immer das Bild des klassischen Pflegeheims alter Prägung vor. Lange Gänge, Mehrbettzimmer und ein unangenehmer Geruch sind die ersten Assoziationen, die man auf die Frage nach dem Begriff „Pflegeheim“ gespiegelt bekommt. 

Beschäftigt sich Ihres Erachtens die stationäre Pflege zu wenig mit Zukunftsbildern?

Hermann Josef Thiel: Nach meiner Auffassung trifft das nicht zu – ich glaube vielmehr, dass wir als Gesellschaft die Erwartungen an Veränderungen, die wir uns wünschen, mit denen besprechen sollten, die das letztendlich umsetzen sollen. Pflegereformen müssen aus der Pflege kommen. Nicht über die Pflege, sondern mit der Pflege müssen wir sprechen. 

Braucht die stationäre Pflege Ihres Erachtens eine neue „Denke“?

Hermann Josef Thiel: Ja und nein. Selbstbewusstsein einerseits ist gefordert, Veränderungsbereitschaft anderseits. Beides ist nicht neu, sollte aber einmal anders und von anderen gedacht werden. 

Braucht die stationäre Pflege für die Zukunft neue Strukturen und Organisationsformen? Wenn ja, welche?

Hermann Josef Thiel: Wenn es neuer Strukturen bedarf, dann müssen diese aus der Branche heraus entwickelt und nicht von außen auferlegt werden. 

Grundsätzlich gibt es stationäre Pflege, genau wie Krankenhäuser, weil es betriebs- und volkswirtschaftlich sinnvoll ist, komplexe Dienstleistungen zusammenzufassen. 

Eine allgegenwärtige Einzelbetreuung können wir uns – auch als soziale Gesellschaft – nicht leisten. Insofern wird es immer Pflegeheime geben.

Wie diese innerbetrieblich so organisiert werden können, dass möglichst viel Individualität erhalten bleibt, ist die große Herausforderung für die kommenden Jahre. Insofern lautet die Antwort ja. 

Die Lebensphase des Alters wird immer bunter, pluraler und individueller. Wie kann die stationäre Pflege auf diese gesellschaftliche Veränderung antworten?

Hermann Josef Thiel: Ich sehe die Lösung für diese buntere Welt der Altenpflege in erster Linie in der Aufhebung der Trennung zwischen ambulant und stationär. Ein gut aufgestelltes Pflegeheim muss sich vor dem Wettbewerb mit anderen Angebotsformen nicht fürchten. 

Ist aus Ihrer Sicht eine stärkere Sozialraumorientierung der stationären Einrichtungen erforderlich?

Hermann Josef Thiel: Wenn es an der Sozialraumorientierung in einer bestehenden Einrichtung mangelt, dann ja. Aber dies ist nach meiner Erfahrung mittlerweile die Ausnahme. Pflegeheime sind für mich Orte mit Öffentlichkeit und einer entsprechenden Verantwortung für das Umfeld. 

Die stationäre Pflege leidet unter dramatischen Fachkräftemangel. Welche Faktoren würden Sie sofort verändern, um hier zukunftssicher gegenzusteuern? 

Hermann Josef Thiel: Den Stein der Weisen habe auch ich nicht. Aber wir müssen meines Erachtens nicht mehr über die Lohnhöhe sprechen, sondern über Arbeitsbedingungen und die seit ewigen Zeiten geltenden Stellenschlüssel. Ich mache mir aktuell große Sorgen über die möglichen Auswirkungen der Generalistik in der Ausbildung. Wir stehen so in einem harten Wettbewerb mit den Krankenhäusern um ausbildungswillige junge Menschen. 

Welche zukunftsfähigen Rahmenbedingungen wünschen Sie sich von der Politik? 

Mein größter Wunsch an die Politik ist es, die Wirkungen der vielen Reformen der letzten Jahre erst einmal zu evaluieren, bevor man schon wieder etwas Neues anstößt. 

Hermann Josef Thiel: Die Branche kommt seit 2010 nicht zur Ruhe und von Vielem, was seitdem auf den Weg gebracht wurde, wissen wir heute nicht, ob es Wirkung entfaltet hätte. 

Als gebürtiger Hamburger bin ich im Grunde überzeugter Föderalist, aber für die Pflege ist der Missklang der Legislativen in Bund und Ländern nahezu unerträglich. Schon wenn man, wie wir – die ViaSalus – in drei Bundesländern aktiv ist, muss man völlige widersprüchliche Landesregelungen umsetzen. 

Die Rückkehr zu einem einheitlichen Bundesheimgesetz wäre mein größter – wenn auch irrealer – Wunsch an die Zukunft.

Herr Thiel, vielen Dank für das Interview!

Weitere Information: www.vialsalus.de

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