In Anlehnung an die IBA Emscher-Park initiiert ein Partnernetzwerk rund um die Ruhrgebietskonferenz-Pflege ein neues „Dekadenprojekt“ für das Revier. Am 05. und 06. Mai fand der Auftakt im Wissenschaftspark Gelsenkirchen statt. „Das Ruhrgebiet braucht Qualität in der Fläche! Gute Gesundheits- und Pflegeimmobilien können der Schlüssel sein, um städtebauliche und architektonische Qualität in jeden Stadtteil und jedes Quartier zu bringen. Das bietet den älteren Menschen Wohnzukunft vor der Haustür und stiftet Aufbruchstimmung in den Nachbarschaften des Reviers“, fasst Prof. Torsten Bölting von der EBZ-Business School – University of Applied Sciences in Bochum die Zielsetzung der Internationalen Pflegebauausstellung 2022plus zusammen. Gemeinsam mit Tanja Ehret von CareTRIALOG, Prof. Josef Hilbert vom Institut Arbeit und Technik und MedEcon Ruhr sowie Roland Weigel von der Ruhrgebietskonferenz-Pflege hat er am vergangenen Donnerstag die Ziele und Inhalte der Pflegebauausstellung vorgestellt. 

Mit der Internationalen Pflegebauausstellung soll eine Plattform für Zusammenarbeit entstehen. Prof. Josef Hilbert erinnerte in seinem Auftaktstatement an den kürzlich verstorbenen Karl Ganser, der als geistiger Vater der Internationalen Bauausstellung Emscherpark gilt und rief zur Netzwerkbildung im Ruhrgebiet auf: „Es ist Zeit für Kollaboration. Die Herausforderungen der Zukunft lassen sich nicht von einzelnen Akteuren allein lösen. Die IBA-Emscherpark hat es uns vorgemacht! Hier wollen wir anknüpfen.“ 

Garanten für den sozialen Zusammenhalt

Für Roland Weigel von der Arbeitgeberinitiative Ruhrgebietskonferenz-Pflege ist klar: „Strukturwandel braucht Pflege!“ Gesundheits- und Pflegewirtschaft sind nicht nur Motoren für mehr Beschäftigung im Revier sondern auch Garanten für den sozialen Zusammenhalt. In zahlreichen Projekten wurden Quartiere und ganze Stadtteile durch Unternehmen der Gesundheits- und Pflegewirtschaft wiederbelebt. „Schauen Sie sich nur die erfolgreichen Umbaumaßnahmen in Kirchen im Revier an“, sagt der Koordinator der Ruhrgebietskonferenz-Pflege und verweist auf einen Beitrag auf der Fachtagung von Ursula Kleefisch-Jobst, die jahrelang für die Stadtbaukultur NRW die Umnutzung von Kirchen und umliegenden Gemeindehäusern begleitet hat. 

Es kann niemand sagen, wir hätten es nicht kommen sehen

Die Herausforderungen sind riesig. Das betont auch Bodo de Vries, stellvertretender Geschäftsführer des Johanneswerks, einem evangelischen Träger der Altenhilfe, der zahlreiche Einrichtungen im östlichen Ruhrgebiet unterhält und ein eigenes „Alters Institut“ betreibt. „Wir müssen endlich aufwachen. Die Baby-Boomer-Generation leistet heute immense Pflegearbeit, weil sie jetzt gerade ihre Eltern versorgt. Was passiert aber, wenn diese Menschen in einigen Jahren selber Hilfe benötigen? Es kann niemand sagen, wir hätten es nicht kommen sehen. Wir müssen jetzt planen, bauen und die notwendigen Netzwerke für die Versorgung auf den Weg bringen“, appelliert der gelernte Soziologe nicht nur an die Politik. Michael von der Mühlen, ehemaliger Staatssekretär im Landesbauministerium und Ex-Stadtdirektor aus Gelsenkirchen unterstreicht den hohen Handlungsdruck für alle und ruft zu mehr Experimentierfreudigkeit und Offenheit auf: „Wir müssen alle Vorschriften und Vorgaben auf den Prüfstand stellen!“ Für ihn geht es nicht nur um „Best Practice sondern um Next Practice“. Da konnte Ralf Licht von Carestone, einem der größten Projektentwickler für Seniorenimmobilien in Deutschland nicht ganz mitgehen: „Wir bauen jetzt für die nächsten 20 Jahre. Das muss schon passen und verlässlich sein. Das erwarten die Betreiber und Mieter gleichermaßen.“ 

v.l.n.r.: Dr. Bodo de Vries, Ev. Johanneswerk / Dr. Ursula Kleefisch-Jobst, Baukultur NRW / Ralf Licht, Carestone Group / Michael von der Mühlen, Staatssekretär a.D. / Melanie Wielens, Moderation

Daumen hoch für IPBA 2022plus

In zwei großen Talkrunden, moderiert von Melanie Wielens, wurden die vielfältigen Herausforderungen und Ansatzpunkte für einen gelingenden Strukturwandel diskutiert. Die Runde der Landtagsabgeordneten (Heike Gebhard von der SPD, Mehrdad Mostofizadeh von den GRÜNEN, Susanne Schneider von der FDP und Wilhelm Hausmann von der CDU), alles ausgewiesene Fachpolitiker*innen für Gesundheit und Soziales, hat auf jeden Fall am Ende geschlossen die Daumen hochgestreckt, als es um das Versprechen ging, die Internationale Pflegebauausstellung in den Koalitionsvertrag der neuen Landesregierung in NRW aufzunehmen. 

Schließlich gilt es auch, die Stärken des Ruhrgebiets herauszustellen und weiter zu entwickeln. Heinz Diste, ehemaliger Geschäftsführer eines großen Krankenhausträgers in Essen, hat das in seinem Statement so auf den Punkt gebracht: „Wir können im Ruhrgebiet nicht nur Kohle, Stahl und Wasserstoff. Wir können auch Pflege!“ 

Bei Pflege geht es aber nicht immer „nur“ um alte Menschen. Das hat Claudia Middendorf unterstrichen, die als Beauftragte des Landes NRW für Menschen mit Behinderung sowie Patientinnen und Patienten die Vielzahl von Zielgruppen für gute Wohn- und Versorgungskonzepte beschrieben hat. 

„Glücksmomente stiften“

Die Internationale Pflegebauausstellung will die Bedeutung, Leistungsfähigkeit und Innovationsbereitschaft der Pflege- und Gesundheitswirtschaft unterstreichen und fördern. Sie will auch zu neuen Ideen anregen. Deshalb hat der Verein „Glücksmomente stiften“ einen Preis ausgelobt, mit dem Projekte, Technikentwicklung oder gelungene Kooperationen ausgezeichnet werden, mit denen im Quartier mehr Lebensqualität und gute Versorgung unterstützt werden kann. Manfred Heider und Tanja Ehret wollen hier nicht nur einfach einen Pokal oder Scheck überreichen. Stellvertretend für den Vorstand erklärt Manfred Heider: „Wir wollen die Gewinner nicht nur finanziell belohnen, sondern ihnen konkrete Unterstützung für die erfolgreiche Umsetzung anbieten.“ Ende des Jahres, auf einer weiteren Tagung der Internationalen Pflegebauausstellung, sollen die Preisträger gekürt werden. 

Projekte in die Fläche tragen

Am zweiten Tag der Auftaktveranstaltung zur Internationalen Pflegebauausstellung haben sich zahlreiche Bau- und Umgestaltungsprojekte aus dem Revier und von innovativen Industriepartnern präsentiert, die das Spektrum der Netzwerkpartner in der Bauausstellung abbilden sollten. (Alle Beiträge in Kürze auf der Website www.ipba-ruhr.de oder www.ruhrgebietskonferenz-pflege.de

„Es geht uns um den Aufruf zur Zusammenarbeit und zur Bildung von Netzwerken. Unternehmen der Pflege- und Gesundheitswirtschaft brauchen die Kollaboration mit Architekten, Stadtentwicklern, Wohnungs- und Bauwirtschaft sowie Industrie und Dienstleistungen rund um Planung und Bauen. Wir brauchen aber auch die Politik*innen und Verwaltungen in der Region, um Netzwerke und Projekte für die Zukunft realisieren und in die Fläche tragen zu können“, fasst Roland Weigel die Idee für die Pflegebauausstellung zusammen. Mit der Auftaktveranstaltung ist jetzt der Startschuss gefallen. 

Mitdenken, mitmachen, mitfinanzieren

Die Netzwerkpartner haben die Kosten und die Arbeitszeit aus ihren bisher vorhandenen Budgets bestritten. Das geht auf Dauer nicht. Roland Weigel formuliert das zum Abschluss der zwei Tage dann so: „Wir brauchen die drei „Ms“. Sie stehen für mitdenken, mitmachen und mitfinanzieren.“ Damit die Internationale Pflegebauausstellung ein Erfolg wird, müssen noch viel mehr Akteure ins Boot geholt werden und muss das Netzwerk noch weiter an seinen Strukturen arbeiten. Für Torsten Bölting ist der Anfang gemacht: „Wir meinen es ernst und sind für jeden Impuls dankbar!“ Bis Ende des Jahres soll es noch zwei weitere Fachtagungen geben. Mehr dazu in Kürze auf den Mediakanälen der Netzwerkpartner der Internationalen Pflegebauausstellung 2022plus. 

Mehr Informationen über die IPBA und die Ruhrgebietskonferenz-Pflege:
www.ipba-ruhr.de und www.ruhrgebietskonferenz-pflege.de

Am Folgetag schloss sich das 2. Architektursymposium Bauen im Revier an. Es wurden innovative Bauprojekte aus unterschiedlichen Perspektiven dargestellt. Hauptsponsor der Veranstaltung war die Carestone Gruppe aus Hannover.

Roland Weigel, Moderation

Quelle Fotos: KCR Konkret Consult Ruhr / MedEcon Ruhr

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