Mitten im Herzen von München befindet sich die Schön Klinik München Schwabing, in der das gesamte Behandlungsspektrum der Neurologie unter einem Dach angeboten wird. Die neurologische Klinik blickt auf eine mehr als 90-jährige Geschichte zurück und ist eine der führenden zertifizierten Parkinson-Fachkliniken in Deutschland mit weithin anerkannter Expertise und bietet gleichzeitig die größte neurologische Frührehabilitation in München; www.schoen-klinik.de/muenchen-schwabing.

Dr. Jürgen Herzog ist Facharzt für Neurologie und leitet an der Schön Klinik München Schwabing die Abteilung Neurologische Rehabilitation und Frührehabilitation. Er ist zudem Chefarzt der Schön Klinik Neurologische Tagesklinik München sowie der Tagesklinik für Demenz und Ambulanz. 

Gegen Ende 2018 hat die erste neurologische Tagesklinik für Demenzerkrankte in München ihren Betrieb aufgenommen. Was macht die Tagesklinik aus, was macht sie besonders?

Dr. Jürgen Herzog: Generell sind in Deutschland tagesklinische Behandlungsangebote für Demenzpatienten immer noch eine absolute Rarität. Die erste Tagesklinik für Demenz entstand in Mainz, Vergleichbares findet man hierzulande kaum. Kurioserweise befinden sich hier in München aber deren vier. Unsere Besonderheit und wichtiges Unterscheidungsmerkmal:  Wir bieten tagesklinische Behandlungsangebote mit einem neurologischen Schwerpunkt. In allen anderen, mir bekannten Tageskliniken ist der Schwerpunkt psychiatrisch oder geriatrisch. 

Demenz ist eine degenerative Erkrankung des Gehirns. Und Spezialisten für krankhafte Veränderungen des Gehirns im Alter sind per se die Neurologen.

Wir haben dieses Erkrankungsfeld als Fachbereich in den letzten Jahrzehnten ein bisschen vernachlässigt, deshalb tun wir gut daran, unsere besondere Expertise zukünftig stärker einzubringen. 

Es gibt enorm viele klassisch-neurologische Erkrankungen, wie etwa Parkinson, Multiple Sklerose, Schlaganfälle, Multiinfarktsyndrome, die selbstverständlich von Neurologen behandelt werden, die im Verlauf aber sehr häufig auch eine Demenz entwickeln. So lag und liegt es nahe, auch für diese Art von Demenzen ein spezialisiertes Konzept zu schaffen, nicht nur für den typischen Alzheimer. 

Des Weiteren verknüpfen wir die tagesklinische Struktur mit unserem stationären Bereich, das heißt wir nutzen viele diagnostische, therapeutische und personelle Ressourcen aus dem Krankenhaussektor, da sich alle Einrichtungen im selben Gebäudekomplex befinden und ziehen daraus Stärken und Vorteile wie kurze Wege, ein großes Expertenwissen usw.


Beschreiben Sie uns bitte einen typischen Aufenthalt bzw. ein typisches Programm einer an Demenz erkrankten Person in Ihrem Haus. Welche konkreten Angebote können Ihre Patienten wahrnehmen.

Dr. Jürgen Herzog: An unsere Tagesklinik für Demenz ist die „Ambulanz für kognitive Störungen“ angegliedert (häufig wird auch der Begriff Gedächtnisambulanz verwendet). Diese ist die erste, unverbindliche Anlaufstelle für Diagnostik und Beratung. Menschen – auch mit einer noch nicht bestehenden Diagnose – können dort, ähnlich wie bei einem spezialisierten niedergelassenen Arzt, eine Demenz feststellen lassen oder die Informationsangebote in Anspruch nehmen. 

Die Tagesklinik ist anders als eine soziotherapeutische Tagesstätte. Denn ein tagesklinischer Aufenthalt setzt einen medizinischen Behandlungsgrund voraus. Es muss also ein mehr oder weniger akutes, ärztlich festgestelltes Problem vorliegen.

Unsere Tagesklinik bietet wochentags von 9:00 Uhr bis 17:00 Uhr ihre medizinischen Leistungen an. Bei Betreuungsbedarf ist die Klinik auch an Samstagen geöffnet. Zunächst einmal sichten wir gemeinsam mit den Patienten und den Angehörigen die Bedürfnisse und legen fest, an wie vielen und an welchen Tagen Behandlungen stattfinden sollen. Grundsätzlich sieht das Konzept eine Behandlung von drei Tagen pro Woche vor, fünf Tage wären meist ideal. Das ist allerdings für ältere, teilweise in ihrer Mobilität eingeschränkte Menschen manchmal nicht realisierbar.

Sobald der Patient mit seinem Aufenthalt startet, beginnt als Teil unseres therapeutischen Konzeptes eine relativ feste Tagesstruktur, die in Stundenblöcken gestaffelt ist. Diese Stundenblöcke bestehen zum einen aus Funktionstherapien, in denen störungsspezifisch Physio-, Ergo-, Musik-, Sprach- und Schlucktherapeuten, Neuropsychologen und speziell geschulte Pflegekräfte sowohl in Einzel- als auch in Gruppensitzungen behandeln. Jeder Patient erhält hierfür sein individuelles Trainingsprogramm. Zum anderen gibt es gezielte Phasen in losen Gruppenverbänden, die der Kommunikation und der sozialen Interaktion der Patienten untereinander dienen. Es finden beispielsweise gemeinsame Spiele statt, es wird gegenseitig Biografisches erzählt, oder es wird gemeinschaftlich Kaffee und Kuchen vorbereitet oder Essen portioniert. Und ein weiterer Teil der Stundenblöcke ist für medizinisch-diagnostische Maßnahmen reserviert – wie Bildgebung des Gehirns, EEG, internistische Diagnostik, Arztvisiten, Tablettenein- und -umstellungen usw.

Die Patienten erhalten somit pro Tag ein achtstündiges, ebenso forderndes wie förderndes Programm, das einen therapeutischen, einen diagnostischen und einen medizinisch-optimierenden Effekt unter einem Dach hat.

Wir können Demenz noch nicht heilen, aber in vielerlei Hinsicht durch Medikamentenumstellungen und eine symptomorientierte Therapie helfen.  

Zusätzlich stellt neben der Ambulanz und der Tagesklinik die Angehörigenbetreuung und -beratung eine ganz wichtige Säule unseres Konzepts dar, die überwiegend von Sozialpädagogen mit Demenzexpertise, Neuropsychologen und Ergotherapeuten getragen wird. Angehörige finden hier vielfache Beratung für alle möglichen Fragestellungen. Das Spektrum reicht von klassischen sozialdienstlichen Tätigkeiten wie Pflegegrad beantragen, Organisation von Unterstützungsmaßnahmen, Ausfüllen von Patientenverfügungen, Schwerbehindertengrad verändern bis hin zur Vermittlung von heimatnahen Heimplätzen. Bei Anzeichen von Überlastung können wir für die Angehörigen auch kurzfristig entlastende Psycho- und Gesprächstherapien anbieten. Zudem machen unsere Ergotherapeuten bei Bedarf Hausbegehungen und Beratungen zur Wohnraumgestaltung. 


Inwieweit kommen in Ihrer Klinik hervorzuhebende innenarchitektonische Besonderheiten, Material- und Lichtkonzepte zum Einsatz, um das Wohlbefinden der Patienten zu fördern?

Dr. Jürgen Herzog: Wir hatten das Glück, dass wir mit einer konzerninternen Innenarchitektin zusammenarbeiten konnten, die sich patienten- und seniorengerechte Krankenhausarchitektur auf die Fahnen geschrieben hat. Begonnen haben wir mit der großflächigen Entkernung der bestehenden Räumlichkeiten, um diese von Grund auf deutlich großzügiger und demenzorientiert umzubauen.

Die Umbauten sehen eine ganze Reihe von Besonderheiten vor. Es gibt zum Beispiel ein spezifisches Lichtkonzept. Die Ausleuchtung ist angenehm hell, um einerseits rastlose Patienten zu beruhigen. Andererseits werden weglaufgefährdete Patienten durch die Lichtführung (unbewusst) immer wieder zu einem zentralen Punkt in der Tagesklinik geführt, den wir Marktplatz nennen – und der wie ein Dorfanger gestaltet ist. Hier werden Therapien abgehalten oder die Patienten können sich einfach ausruhen und sitzen.

Die gesamte Tagesklinik ist selbstverständlich barrierefrei und ohne Stolperfallen angelegt. Sie besitzt eine besondere Gestaltung der Böden, durch diese werden verschiedene Bereiche klar und einfach kenntlich gemacht und abgegrenzt. Außerdem finden sich großflächige Signets und Logos, die den Patienten die Orientierung erleichtern. Wir sind zwar eine offene Tagesklinik, doch behandeln wir auch viele weglaufgefährdete oder orientierungsgestörte Patienten. Deswegen ist unserer Eingangstür von innen verbrämt (es wurde eine Folie angebracht, die einer Blumenhecke entspricht) und dient so als Weglaufschutz, da die betreffenden Patienten den Ein- und Ausgang nicht als Tür identifizieren.

Bei demenzorientierter Architektur ist es ein bisschen Mode geworden, die Innenräume so zu gestalten, dass sie der Erlebniswelt der Senioren bzw. der Demenzkranken entsprechen, an die sie sich mit ihrem Langzeitgedächtnis noch gut erinnern – meist die 1950er- und 1960er-Jahre. Wir haben uns bewusst dagegen entschieden, da es uns etwas zu betulich vorkommt. Als verbindende Klammer haben wir stattdessen hier am Standort München das Thema „Heimat Bayern“ definiert.

Wir haben viele großflächige Fototapeten und Gestaltungselemente mit bayerischen Motiven angebracht. Zum Bespiel finden sich auf dem Marktplatz, den ich vorhin beschrieb, Schilder vom Viktualienmarkt, auf einer großen Glasfläche in einem Gruppenraum spiegelt sich die Silhouette von München und den Alpen, es steht ein Maibaum in der Klinik usw. Alle Elemente gestalten die Atmosphäre auf eine optisch sehr ansprechende Art und Weise schön und heimelig.


Seit Beginn des offiziellen Regelbetriebs, wie fällt Ihr Resümee aus? Welche Fortschritte und Vorteile sehen Sie bei Ihren Patienten im Vergleich zu anderen Einrichtungen?

Dr. Jürgen Herzog: Wir sind vor allem von der Akzeptanz, aber auch von den Behandlungseffekten der Tagesklinik begeistert. Wir sehen sowohl bei Angehörigen als auch bei Patienten eine unglaublich hohe Therapietreue und Konstanz in ihren Besuchen. Zu Beginn waren wir noch etwas skeptisch, denn kein Demenzkranker geht gerne zum Arzt und schon gar nicht in ein Krankenhaus. Und dieses Unbehagen, diese Aversion fällt in unseren tagesklinischen Strukturen fast völlig weg. In den vergangenen eineinhalb Jahren haben wir knapp 200 Patienten behandelt, von denen lediglich drei Patienten ihren Aufenthalt abgebrochen haben oder ihn gar nicht beginnen wollten, da sie sich auf das Konzept nicht einlassen konnten. Sämtliche anderen Patienten haben ihren Aufenthalt und die Behandlungen motiviert zu Ende geführt und wären am Ende sogar gerne noch länger geblieben. 

Wir haben es bei sehr vielen Menschen durch die speziellen Tagesstrukturen und Programme geschafft, die Lebensqualität zu steigern und ihre Ressourcen zu fördern. Am meisten spürt man das, wenn man die Effekte analysiert: Denn es gelingt uns, Einweisungen in Pflegeheime hinauszuzögern oder sogar zu verhindern.

Wir sind in der Lage, psychische Verfassungen zu stabilisieren und Depressionen zu behandeln. Hinzu kommt, dass wir durch unsere Arbeit die Interaktion zwischen pflegenden Angehörigen und Demenzpatienten verbessern.


Gibt es auch Ansatzpunkte, wo aus Ihrer Sicht Optimierungsbedarf besteht?

Dr. Jürgen Herzog: Optimierungsbedarf gibt es immer. Wir versuchen, unsere Behandlungsschwerpunkte, die aufgrund der Räumlichkeiten, Strukturen und Personalressourcen zurzeit eher auf leichte bis mittelschwere Demenzen ausgerichtet sind, auch auf den mittelschweren bis schweren Bereich auszuweiten. Wir haben 22 Plätze, aktuell müssen wir aufgrund der gebotenen Abstandsregeln während der Corona-Pandemie allerdings Plätze reduzieren. In der Regel haben wir die Möglichkeit, zwei bis drei wirklich schwer betroffene Patienten in die Tagesklinik zu integrieren. Schwer betroffen heißt zum Beispiel rollstuhlpflichtig, gelegentlich inkontinent oder erheblich sturzgefährdet. Es ist ebenso spannend wie notwendig, die Kapazitäten für solche Patienten auszudehnen.

Gerade die schwerer betroffenen Menschen müssen ansonsten auch bei uns bislang stationär im Krankenhaus behandelt werden. Es sind aber gerade diese Patienten, die von unserer besonderen, offenen Struktur profitieren können, da sie nicht optimal in das stationäre Setting hineinpassen, weil sie dort eher unruhig und delirant werden und sich im Krankenhaus tendenziell erstmal verschlechtern, anstatt sich zu verbessern. Diesen Effekt beobachten wir in der Tagesklinik praktisch gar nicht!

 Sprich, wir brauchen noch mehr Räumlichkeiten und Personal.


Wie wird das Fachpersonal – seien es Ärzte, Therapeuten oder Pfleger und Krankenschwestern – speziell für den Umgang mit Demenz geschult?

Dr. Jürgen Herzog: Bevor die Tagesklinik für Demenz eröffnet wurde, haben wir bereits seit mehr als zehn Jahren eine teilbeschützende Station für Demenzerkrankungen in unserem Haus betrieben und betreiben diese bis heute. Dort haben die heute in der neuen Tagesklinik tätigen Ärzte, Schwestern, Pfleger, Therapeuten bereits vorher teils jahrelang gearbeitet und haben sich ihre Expertise und Erfahrung erworben. Einzelne Mitarbeiter, die wir neu eingestellt haben, haben wir ganz bewusst aus Einrichtungen mit Demenzschwerpunkt angeworben. Das heißt, wir greifen auf Mitarbeiter zurück, die schon viel Know-how mitbringen.

Herzlichen Dank für dieses Gespräch!


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