Welche Wege müssen eingeschlagen werden, damit das Konzept Pflegeheim nicht zum Auslaufmodell wird?


Seit dem es der demografische Wandel von einer viel zitierten Gesellschaftsentwicklung auch in das tatsächliche Stadtbild geschafft hat, scheint die Beschäftigung mit der Wohnfrage im Alter deutlich zugenommen zu haben. Präsent ist die Frage, ob klassische Altersheime noch zeitgemäß sind und ein Leben darin gewollt ist. “Nach Möglichkeit, nicht.”, lassen sich verschiedenste Umfragen und Statistiken zusammenfassen.  Wir werden älter, als Individuum und auch als Gesellschaft. Damit sitzen wir nun am längeren Hebel, was Altersfragen angeht. Kurz: Mit der Masse kommt die Wucht. Es lässt sich durchaus von wachsender Emanzipation “der Älteren” sprechen. Wünsche werden lauter und mit Nachdruck stehen Betroffene wie Angehörige dafür ein. Doch was wollen wir, was ist möglich und was ist machbar? Dieser Beitrag nimmt Sie mit auf einen Rundgang durch ein fiktives Pflegeheim der neuesten Generation, wie es schon bald zum Standard werden könnte.

Vorab: Eine Runde durch die Nachbarschaft 


Lassen Sie uns zunächst eine Runde durch die unmittelbare Nachbarschaft drehen, bevor wir in die Strasse zur neuen Pflegesiedlung einbiegen. Im Viertel schlagen sich die Entwicklungen des globalisierten Anbietermarktes deutlich wieder: Ein zunehmend starker Dienstleistungsgedanke und entsprechend hoher Konkurrenzdruck brachten über die Jahre verschiedenst spezialisierte Fachgeschäfte und Anbieter zahlreicher Services in die Nachbarschaft. Barbiere, Friseure, gemütliche Teestuben, originelle Floristen, Massage-Praxen, Waschsalons etc. zieren die umliegenden Straßenzüge. Die Nachbarschaft liegt im Stadtkern, Autos sind hier nicht mehr erlaubt. Stattdessen zieht ein Elektrobus seine Runden, vorbei an der Pflegesiedlung, am Wochenmarkt, am Bahnhof, vorbei an Bank, Post, Gesundheitsklinik, Geschäften und vorbei am Park. Die allgemeine Infrastruktur spielt allen in die Karten, die in ihrer Mobilität zwar eingeschränkt, aber dennoch möglichst lange im eigenen Zuhause leben möchten. Die verkehrsberuhigten Straßen laden zum Spazieren auf den breiten Gehwegen ein. Und so laufen wir in Richtung Pflegesiedlung. 

Verabschiedung vom Klinik-Charakter 


Wir stehen vor der Pflegesiedlung, oder auch “Senior-Housing” genannt. Nichts erinnert mehr an das klassische Altersheim mit Klinik-Charakter. Acht Häuser stehen sich im Kreis angeordnet gegenüber, in der Mitte befinden sich Empfang, Info-Zentrale und Räumlichkeiten zur gemeinschaftlichen Nutzung. Hier sind zudem ein Restaurant, ein Café, ein kleiner Kinosaal und Räume für die Belegschaft untergebracht. Pflegesiedlungen wie diese gibt es in der nahen Umgebung viele, jedoch umfassen sie selten mehr als acht Häuser. Ganz im Sinne der Öffnung gegenüber des Quartiers lädt das Restaurant auch die Nachbarn zum offenen Mittagstisch ein. Die Preise sind fair und das Essen gut, weshalb es nicht lange dauerte, bis das Angebot dankend von umliegenden Anwohnern außerhalb der Pflegesiedlung angenommen wurde. Außerdem nehmen diese gern den Service des Pflegestützpunktes in Anspruch, der sich im Mittelgebäude befindet. Hier werden alle Fragen rund um Pflege und Leistungen im Alter an Interessierte getragen. Die zweiwöchentlichen Vorstellungen im kleinen Kino der Siedlung haben mittlerweile wahren Kultstatus. Die Film-Klassiker kommen gut an, sei es bei den Bewohnerinnen und Bewohnern der Pflegesiedlung oder dem Studentenwohnheim nebenan. Im Sommer lädt der Marktplatz in der Mitte der Siedlung zum Verweilen ein. Viele Sitzgelegenheiten finden sich hier.  Junge und alte Musikerinnen und Musiker haben den lauschigen Marktplatz der Siedlung längst für sich entdeckt und bieten hier am Abend ihre Künste dar. 

Barrierefreie und smarte Häuser

Bei den acht Häusern handelt es sich um Zweigeschosser, ein Fahrstuhl führt die Bewohnerinnen und Bewohner auf Wunsch direkt in einen sicheren Dachgarten. Unten leben sie in Einzel-oder auf Wunsch auch in Zweibett-Zimmern mit angegliedertem eigenen Bad und Küchenzeile. Wer möchte, trifft sich tagsüber in der größeren Wohnküche. In Begleitung wird hier ab und zu zusammen gekocht und gemeinsam gegessen. Geschaffen wurde hier eine Balance aus Möglichkeit zur Teilhabe und zum Rückzug. Häuser, die diesen Bedürfnissen nicht gerecht wurden, hielten sich langfristig nicht am Markt. – Wer sich im Haus umblickt, merkt außerdem:

Ästhetik und Barrierefreiheit schließen sich nicht aus.

Die Häuser sind liebevoll, aber simpel und pragmatisch eingerichtet. Es gibt keine Stolperfallen, dezente Lichtleitsysteme führen zu den WCs. Die WCs passen sich mittels Sensoren automatisch an die benötigte Höhe an. Hilfreiche Griffe an Dusche und WC  fügen sich stilvoll in das Design ein und geben sicheren Halt. Da hier dennoch die meisten Stürze passieren, ist der Boden des Bades mit gefederten Sturzmatten ausgelegt. Sie sind leicht zu reinigen, puffern den Fall ab und lösen ein akustisches Signal an der Rezeption aus. Diese sendet bei Bedarf umgehend eine Pflegekraft vorbei. Auf diese Weise wird auch Bewohner*innen in misslichen Lagen geholfen, die nicht an einen der SOS-Knöpfe in der Wohnung gelangen. Wie das gesamte Gelände, sind natürlich die Häuser selbst barrierefrei gebaut. Auch mit breiten Rollatoren oder Scootern können die Bewohner*innen problemlos durch Räume und Flure fahren. Die Betten sind elektrisch höhenverstellbar, Wechseldruckmatratzen beugen Druckgeschwüren vor und die Fenster sind (dort, wo gewollt) leicht zu öffnen. In den dunklen Jahreszeiten unterstützt ein spezielles Lichtsystem den Biorhythmus und das Wohlbefinden der Bewohner*innen: In den Morgenstunden überwiegen kühlere blaue Lichtanteile, gegen Abend überwiegen wärmere Töne und läuten die ruhigeren Stunden ein.

Gesteigerte Beachtung differenzierter Bedürfnisse 

Während wir durch die verschiedenen Häuser laufen, fällt uns aus, dass die Bewohner*innen des einen Hauses deutlich jünger sind, als die der anderen sieben Häuser. Hier leben vergleichsweise jüngere Personen mit Pflegebedürftigkeit und werden von entsprechend geschultem Personal unterstützt. Zum Beispiel treffen wir einen Herren und eine Dame Mitte fünfzig, die aufgrund einer früh einsetzenden Demenz in die Pflegesiedlung gezogen sind. Umgeben von Gleichaltrigen fühlen sie sich sichtlich wohl. Die Pflegesiedlung beschäftigt unter anderem Pflegende, die zuvor eine generalistische Pflegeausbildung absolviert haben. Das qualifiziert sie also nicht “nur” für die Altenpflege, sondern auch für die Pflege von Menschen aller Altersstufen und in allen Versorgungsbereichen. Hier in der Pflegesiedlung wird also so gut wie möglich auf die verschiedenen Bedürfnisse der Pflegebedürftigen eingegangen. Was hier entstanden ist, ist ein offenes Zentrum der Fürsorge und der Begegnung, das sich weder physisch nach außen abgrenzt noch Altersgrenzen hinsichtlich der Aufnahme kennt.

Wachsende Bedeutung des Ehrenamtes


Nach wie vor ist das Thema Fachkräftemangel in der Pflege akut. Zum Teil aber wird dieser Mangel von steigenden Zahlen an Ehrenämtlern aufgefangen. Sie sind aus dem Bild der Pflegelandschaft nicht wegzudenken.

Das Ehrenamt schließt die Lücke zwischen zergliederten Familien, Kinderlosigkeit und der kostenintensiven Profipflege.

Die Ehrenamtler sind auch über die Grenzen der Pflegesiedlung hinaus sehr aktiv. So etwa in den Privathaushalten, die die Siedlung umgeben. Nebst privat buchbaren Unterstützungs- und Begleitdienste ist es das Ehrenamt, dass es Älteren erlaubt so lange wie möglich im eigenen Zuhause zu wohnen. Da der Staat davon profitiert, unterstützt er das ehrenamtliche Engagement z. B. durch umfassende Kampagnen zur neuen Mitgliedergewinnung aber auch in Form von Vergünstigungen für alle Aktiven. Der Grund für das Wachstum des Ehrenamtsektors geht unabhängig davon auf diese Entwicklungen zurück: Personen höheren Alters freuen sich nach Ausscheiden aus dem Berufsleben über eine wachsende gesunde Lebensspanne, haben Lust und Energie weiterhin gesellschaftlich aktiv zu bleiben. Das Thema Alter(n) selbst ist präsenter geworden, damit auch die Auseinandersetzung damit. Ein steigendes Engagement im Bereich der Seniorenbetreuung, -begleitung, und -pflege ist daher nicht abwegig. 

Pflegekräfte aus aller Welt


Wir schauen uns weiter in der Pflegesiedlung um. Uns fällt auf: Die Pflegeteams sind international und multikulturell aufgestellt. Die Bewohnerinnen und Bewohner freut es, denn sie haben ebenfalls die verschiedensten Wurzeln und kulturellen Hintergründe. – Durch umfassende Kampagnen des Staates gewinnt Deutschland zusätzliche Pflegekräfte aus dem Ausland für sich. Dabei nehmen die Zahlen der Pflegenden aus Ost-Europa stark ab. Zu gering ist mittlerweile der zuvor verlockende Unterschied im Lebensstandard. In Osteuropa können die Firmen mittlerweile vergleichbare Löhne zahlen, Pflegekräfte zieht es trotz staatlicher Subventionen und allgemein gestiegener Pflege-Löhne nicht mehr nach Deutschland. Allerdings steigen die Zahlen an Pflege-Arbeitnehmern aus Indien, Afrika, Südamerika und Südostasien.

Weniger Zeit am Schreibtisch, mehr beim Menschen


Digitale, “mitdenkende” Pflegeprotokolle und leicht bedienbare Übergabeprogramme verringern nicht nur die Fehlerquote der Pflegenden, sondern schaffen auch wertvolle Zeit für menschliches Miteinander. Ein lang geforderter Punkt findet damit endlich Umsetzung. Zudem generieren EDV-gestützte Dienstpläne größtenteils automatisch die Schichtpläne. Wiederholte Wünsche der Mitarbeitenden und generelle Infos lassen sich vorab einpflegen und werden auf diese Weise automatisch beachtet. Ein abschließender Check durch die Pflegedienstleitung und ggf. kleine Anpassungen nehmen weit weniger Zeit in Anspruch, als die bisherige Planung und Erstellung des Dienstplanes.

Technische Unterstützung auch bei der Pflege


Schauen wir den Pflegenden bei Ihrer Arbeit zu, fällt eine allgemeine Technisierung des Arbeitsalltags auf. Beim schweren Heben unterstützt nebst weiteren Hebehilfen ein belastbares Exoskelett die Muskulatur der Angestellten. Über eine moderne doch leicht bedienbare Kommunikationszentrale kann der Kontakt zu Angehörigen schnell und unkompliziert gesucht werden. Via Video-Telefonie lässt sich die Familie über das W-LAN ins Zimmer holen, auch wenn diese viele hundert Kilometer weit entfernt wohnt. Hauswirtschafts-Roboter helfen bei der Beförderung verschiedenster Utensilien und stellen eine geistige Stütz für die Angestellten dar. Was fehlt gerade in Wohnung drei? Was gilt es heute bei Frau Schulze zu beachten? etc.

Finanzielle Förderung der Gesundheits-Immobilien durch private Investoren

Die Rolle privater Investoren auf dem Markt der Gesundheitsimmobilien wächst stark an. Grund dafür sind unter anderem attraktive Renditen. Um interessant für Anleger zu werden, achten klassische Altenheimbetreiber auf moderne Umbauten. Wer dies versäumt, wird früher oder später ausscheiden. Besonders tragend sind hier Barrierefreiheit, Einbettzimmer sowie der Verzicht auf ein eigenes Hauswirtschaftsteam. Letzteres wird tendenziell ausgegliedert und kosteneffizient durch verschiedene Anbieter ersetzt.

Die Nachfrage nach klassischen vollstationären Lösungen sinkt, da das Quartier ein verlängertes Leben Zuhause ermöglicht.

Erhöhte Nachfrage aber besteht für Hybrid-Pflegelösungen, wie Tages- und ambulante Pflege. Entsprechend gelagert ist das Interesse moderner Investoren.  Wir verlassen die Pflegesiedlung über die unsichtbare Lichtschranke, ein Mitarbeiter von der Rezeption blickt auf und wünscht uns durch sein Fenster einen guten Tag. Unsere Gesichter sind dem System bekannt, wir sind oft gesehen Mittagsgäste. 

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Der Rundgang basiert in großen Teilen auf Prognosen und aktuell bereits eingeführten Lösungen, die hier im Detail beschrieben  sind: 

http://www.pflegeportal.ch/pflegeportal/pub/Pflegeheim_Zukunft_Schw_
Pfl_12_11_2399_1.pdf 
(zuletzt abgerufen am: 12.12.2019)
https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/wohnen/die-zukunft-der-altenheime/ (zuletzt abgerufen am: 12.12.2019)
https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/immobilien/gesundheitsimmobilien-wie-sieht-die-zukunft-der-pflegeheime-aus/19899982.html (zuletzt abgerufen am: 12.12.2019) 

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