Jochen Gust ist examinierter Altenpfleger, Buchautor sowie Sachverständiger im „Wegweiser Demenz“ des Bundesfamilienministeriums. Wir sprachen mit ihm u. a. darüber, wie sich das Thema Demenz in der öffentlichen Wahrnehmung in den letzten Jahren verändert hat, und welche Auswirkungen Corona auf die Menschen mit Demenz hatte.

Wie hat sich Ihrer Einschätzung nach das Thema Demenz in der öffentlichen Wahrnehmung / Diskussion in den letzten Jahren verändert?

Jochen Gust: Es steht besser da als noch vor 10 oder 20 Jahren. Das Thema Demenz ist heute kein Tabuthema mehr und in den Medien findet es sich regelmäßig wieder. Allerdings ist es nach wie vor so, dass es häufig nur vage Befürchtungen unter dem Stichwort gibt. Verläufe und damit einhergehende Veränderungen sind sehr individuell und vielfältig. Und keineswegs bedeutet die Diagnose an sich, dass von nun an Betroffene nichts mehr selbst bestimmen können oder keinerlei Freude am Leben mehr haben. Auch und gerade deshalb ist Wissen um Demenzerkrankungen so wichtig. Um nicht nur ein einseitiges Zerrbild des Vergessens und der Traurigkeit zu haben, sobald man „Demenz“ hört oder liest. Beim ersten Online DEMENZFORUM 2021 schaffen verschiedene Experten aus dem Bereich der Pflege und Betreuung bei Demenz die Brücke zwischen der Krankheit und den notwendigen Informationen. Dank des vielseitigen Programms, ist für jeden in der Gesellschaft ein passender Programmtag dabei.  Wenn man Menschen mit Demenz pflegt und betreut, sollte man sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen. 

Gewinnt der Einsatz von Technik in der Betreuung von Menschen mit Demenz an Bedeutung? Welche Technologien machen Ihrer Meinung nach Sinn?

Jochen Gust: Ja, wie in allen Lebensbereichen gewinnt auch beim Thema Demenz Technik weiter an Bedeutung. Intelligente, assistierende Technik hilft dabei länger selbständig zu Leben und kann auch Gefahren reduzieren. Entscheidend ist dabei, dass Entwickler die Perspektiven von betroffenen, pflegenden Angehörigen und professionell Pflegenden bei der Entwicklung einbeziehen. Sinnvolle technische Anwendungen haben dabei nicht zum Ziel, menschlichen Kontakt zu reduzieren oder gar zu ersetzen. Vielmehr dienen sie dazu, den Alltag zu erleichtern und zu unterstützen. Gerade im Rahmen der Coronapandemie war doch zu merken, wie wichtig Videotelefonie ist, um Kontakt zu Angehörigen zu halten und sich sehen zu können. Entwicklungen, die es Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen ermöglichen, ohne die Hilfe Dritter dann Kontakt miteinander zu halten sind begrüßenswert. Auch ansonsten gibt es gerade in der sozialen Betreuung vielfältige technologische Anwendungen, von Klangkissen bis Betreuungstablets, Fahrräder die eine Radtour simulieren und und und…. .  Und auch in der Diagnostik ist der Einsatz von Technik nicht mehr wegzudenken. Beim diesjährigen DEMENZFORUM 2021 wird neben Prof. Dr. Hohenberg, Leiter der Stabsstelle für Digitalisierung und Wissensmanagement an der Hochschule Hamm-Lippstadt und 1. Vorsitzender der Alzheimer Gesellschaft in Hamm, einen Vortrag darüber halten, wie Technik und Digitalisierung in der Pflege am sinnvollsten zur Anwendung kommen. Auch am Freitag, den 10.9.2021, gibt es außerdem eine virtuelle Wohnraumführung durch eine demenzgerechte Wohnung, die ebenfalls einen realistischen Einblick in den sinnvollen Einsatz von Technik bietet. Eine Anmeldung lohnt sich also in jedem Fall, unter: www.demenz-forum.org.

Sind Spielfilme über Demenz hilfreich in der Aufklärung und im Umgang? Tragen sie dazu bei, den Fokus wieder auf das Thema zu lenken?

Jochen Gust: Spielfilme sind insofern wichtig, weil sie je nach Machart auch Menschen zum Zusehen locken, die ansonsten nichts mit dem Thema zu tun haben. Gerade bekannte Schauspieler die entsprechenden Rollen annehmen, können viel zum Bewusstsein zum Thema Demenz in der Allgemeinbevölkerung beitragen. Jedoch: bei vielen Filmen wird das Thema verzerrt, romantisiert und auch verdichtet. Wenn man in ca. 90 Minuten den Verlauf einer Demenz darstellen will, packen Regisseure möglichst viele ungewöhnliche, skurrile, trauriger oder abwegige Verhaltensweisen hinein, die eine betroffene Person in dieser Dichte normalerweise eher nicht zeigt, schon gar nicht in einem sehr kurzen Zeitablauf. Von daher begrüße ich es, wenn bekannte Institutionen oder auch Einzelpersonen durch Kommentare und Rezensionen helfen, solche Filme ein bisschen einzuordnen. Zudem sollten sich gerade Pflege- und Betreuungsfachpersonen regelmäßig fortbilden – auch zum Beispiel beim Demenzforum 2021. Auf diese Weise fällt Ihnen nicht nur die Arbeit leichter und sie werden Betroffenen gerechter – auch können Sie in Gesprächen mit Dritten das Thema besser darstellen und korrigieren, wenn sie mit dem entsprechenden Wissen ausgestattet sind.

In wie weit hat Corona Einfluss gehabt auf die Menschen mit Demenz, die im stationären Umfeld versorgt worden sind?

Jochen Gust: Die Corona-Pandemie hat sicher weitreichende und ganz verschiedene Auswirkungen auch auf Menschen mit Demenz in Einrichtungen gehabt. Grundsätzlich gehören Menschen mit Demenz zu den besonders vulnerablen Gruppen, die entsprechend auch geschützt werden müssen. Die Umsetzung der Schutzmaßnahmen führte jedoch zu einer Reihe von Problemen. Immer auch abhängig vom Stadium der Demenz, erlebten Betroffene dies auch unterschiedlich einschneidend. Wobei ich dazu sagen möchte: Schlagzeilen und Artikel, die sich darüber ausließen, dass die armen alten Menschen nun in den Heimen völlig sich selbst überlassen wären und auf jeden Fall völlig vereinsamt wären, zielten auch hier auf Clickbait und Stimmungsmache. Denn die Seniorinnen und Senioren waren nicht völlig vereinsamt und auch nicht einfach sich selbst überlassen. Jeden Tag und jede Nacht, sieben Tage die Woche, 30 Tage im Monat: immer gingen Pflegefachleute und Pflegehilfskräfte, Betreuungskräfte Hauswirtschaftskräfte dort ein und aus. Trotz und mit großem persönlichem Risiko und Einsatz. Natürlich ersetzt auch eine Pflegefachperson keinen nahen Angehörigen. Aber die sensationsheischende Katastrophenschreibe darüber war einfach ungerecht und sachlich falsch. Dennoch lässt sich sagen und auch belegen: 

Richtig ist, dass Menschen mit Demenz häufig sehr sensibel auf Veränderungen reagieren. Und dies über Verhaltensweisen ausdrücken, die zuvor vielleicht gar nicht vorkamen. Und es kann gerade für einen Menschen mit Demenz ein extremer Einschnitt sein, wenn plötzlich die Tochter oder der Ehepartner nicht mehr zu Besuch kommt. Dann bleibt oft das Verlustgefühl oder der Wunsch nach Kontakt – die rationale Erklärung, warum das momentan nicht möglich ist, kann sich aber kaum gemerkt werden. Die Stimmung leidet. Auch der Verlust an Kontakt und Unternehmungen wirkte sicherlich bei einem Teil der Betroffenen nicht gut auf die kognitive Leistungsfähigkeit und -reserven. 

Mund-und-Nasen-Schutz behinderten zudem die Kontaktaufnahme und die Kommunikation – was Verunsicherung, Ängste und Missverständnisse provozieren konnte und kann. Doch auch bei dieser neuen Herausforderung liefert das DEMENZFORUM 2021 Antworten – über Kommunikation bei Demenz, Anwendung von Validationsmethoden und dem Umgang mit Angehörigen. Schauen Sie einfach direkt einmal ins Programm und nutzen Sie diese 3 Nachmittage, um das Thema Demenz gemeinsam und in all seinen Facetten zu beleuchten.

Wie hat sich der Umgang mit der Krankheit und der Umgang mit den Menschen mit Demenz verändert?

Jochen Gust: Also ich erlebe schon, dass heute mehr zum Thema gelehrt und gewusst wird. Verstehen und sich verständlich-machen-können hat dabei an Bedeutung gewonnen, ist konkreter geworden. Denn es ist eine Sache genau zu wissen, was pathologisch im Gehirn eines Menschen mit Alzheimerkrankheit abläuft, aber eine ganz andere, auf seine Wünsche Bedürfnisse und mögliche Verhaltensweisen angemessen reagieren zu können. Dennoch: der fortbestehende und sich in Teilen verschlimmernde Personalmangel trifft Menschen mit Demenz besonders hat. Denn er hat einen Zeitmangel zur Folge, den diese besonders schmerzhaft erfahren müssen. Wenn keine Zeit mehr ist für Begegnung, echte Beziehung und Kreativität, reduziert sich der Kontakt zu Betroffenen auf Verrichtungen. Und die müssen schnell erledigt werden. Kann oder will der Betroffene das nicht mitgehen, oder wenigstens aushalten, wird es schnell kritisch – und zwar für ihn. 

Andererseits wird auch viel theoretisches Wissen auf Pflege- und Betreuungsfachpersonen gekippt. Demenzerkrankungen sind auch ein Markt, von dem viele ein Stück abhaben wollen. Und nicht immer schauen sich PflegedienstleiterInnen gut genug an, ob da wirklich praktikables Wissen vermittelt wird, oder jemand im „Schön wäre es“-Modus doziert. Das schafft für die Mitarbeitenden, für die, die jeden Tag Betroffene unterstützen und versorgen zusätzlichen Frust – weil sie „Wissen“ erhalten, dass aufgrund des Arbeitsdrucks keine oder kaum praktische Relevanz hat. 

Es grüßt Sie Jochen Gust

>>> Jetzt teilnehmen <<<
 Mittwoch, den 08.09.2021 – Freitag, den 10.09.2021
 
Keine graue Theorie, sondern Praxis, Praxis, Praxis – das erste DEMENZFORUM 2021 vereint an 3 Nachmittagen, 11 Referenten zu verschiedenen Fachthemen rund um Demenz! Nehmen Sie jetzt flexibel entweder 1, 2 oder 3 Tage teil und sichern Sie sich das Expertenwissen aus der Pflege- und Betreuung von Menschen mit Demenz. Im Nachgang erhalten Sie die Veranstaltungsunterlagen für Ihre Verwendung und können so auch im Team das Wissen teilen. 
Wir freuen uns auf Sie!

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