Torben Lindbæk-Larsen ist Leiter für Pflege und Behandlung, Verwaltung für Gesundheit, Kultur und Entwicklung der dänischen Kommune Tønder.

Beschreiben Sie uns bitte den Pflegemarkt in Dänemark. Wie ist der Pflegemarkt in Ihrem Land strukturiert?

Torben Lindbæk-Larsen: Ein Teil pflegerischer Leistung findet in den Krankenhäusern des Landes statt.

Das gesamte dänische Gesundheitswesen durchläuft seit etwa zehn Jahren einen Prozess der Spezialisierung und Zentralisierung.

Hierfür wurden viele Krankenhäuser in der Vergangenheit geschlossen oder umgewidmet. Parallel dazu entstanden und entstehen in den kommenden Jahren an 18 Standorten hoch spezialisierte Superkrankenhäuser, die fast alle medizinischen Fachrichtungen unter einem Dach vereinen. Klinische Behandlungen werden zentralisiert und effizienter. 

Während die Krankenhäuser von den fünf dänischen Regionen geführt werden, verantworten die 98 Kommunen des Landes den größten Teil des Pflegemarktes, das heißt die stationäre Pflege in Seniorenheimen und die ambulante Pflege zu Hause. Zudem wandern immer mehr Aufgaben von den Krankenhäusern in die lokalen Arztpraxen. Das passiert über eine hausarztzentrierte, medizinische Primärversorgung. 

Hausärzte haben im dänischen Gesundheitssystem eine Schlüsselfunktion. Sie decken alle medizinischen Leistungen ab, für die keine hoch spezialisierte, fachmedizinische Behandlung im Krankenhaus nötig ist.

Es wird strikt die Philospohie verfolgt: Alles, was ambulant behandelt werden kann, wird ambulant durchgeführt. 

In Dänemark gibt es eine Ausbildung zur Krankenschwester bzw. zum Pflegefachpersonal auf Bachelorniveau, und einige haben einen Master- und/oder Doktortitel in Krankenpflege. In den Kommunen arbeiten viele sehr gut ausgebildete Pflegekräfte mit der ambulanten Pflege zusammen.

Wie wird Pflege in Dänemark finanziert? Welche Rolle spielen dabei die Kommunen?

Torben Lindbæk-Larsen:

Das gesamte staatliche Gesundheitssystem finanziert sich komplett aus Steuergeldern (über eine sehr hohe Einkommensteuer) und wird auf drei Ebenen organisiert und geregelt.

Die nationale Ebene ist mit seinen nationalen Organen wie das Gesundheitsministerium für die Gesetzgebung, die Ziele der Gesundheitspolitik, den Budgetrahmen der Gesundheitsausgaben (der jährlich zwischen Staat, Regionen und Kommunen verbindlich ausgehandelt wird) und die Überwachung der Ärzteausbildung zuständig.

Die fünf Regionen (2. Ebene) sind für die Krankenhausversorgung verantwortlich und betreiben auch die Hausarztpraxen.

Den Kommunen (3. Ebene) obliegt auf lokaler Ebene die Zuständigkeit für Rehabilitation & Nachsorge, Tagespflege, ambulante Krankenpflege zu Hause, Pflege im Seniorenheim sowie zahnmedizinische Versorgung und gesundheitliche Präventionsmaßnahmen. Rund 80 Prozent aller Gesundheitsausgaben übernimmt der Staat, etwa 15 Prozent laufen über die Zuzahlungen der Versicherten (zum Beispiel für Arzneimittel, Physiotherapie, Zahnbehandlungen), die verbleibenden fünf Prozent kommen aus privaten Zusatzversicherungen.

Wie unterscheidet sich der dänische Pflegemarkt zu Deutschland? Was machen die Dänen besser/anders als die Deutschen?

Torben Lindbæk-Larsen: Ein großer Unterschied liegt, wie eben bereits angesprochen, in der Finanzierung. Zudem gibt es in Dänemark im Gegensatz zu Deutschland nur eine staatliche Einheitskasse. 

Ein weiterer Unterschied liegt, wie in der ersten Frage bereits angesprochen, in der längeren Ausbildung von Krankenschwestern und Pflegern.

In Dänemark werden den Krankenschwestern und dem Pflegefachpersonal mehr Kompetenzen übertragen. Sie arbeiten selbstverständlich sehr eng mit den Ärzten zusammen, doch sie sind autorisiert, viele Behandlungen selbst durchzuführen. Sie genießen bei ihrer Arbeit mehr Eigenverantwortung und Selbstständigkeit.

Darüber hinaus ist Dänemark deutlich besser digitalisiert. Die erste E-Health-Strategie wurde bereits im Jahr 1999 verabschiedet. Elektronischer Datenaustausch zwischen den Gesundheitsversorgern, elektronische Patientenakte, elektronische Medikationslisten und Rezepte, ein nationales Gesundheitsportal sowie ein personalisiertes Patientenportal: Alle genannten Digital-Health-Lösungen sind bereits seit Jahren landesweit verfügbar und werden von der dänischen Bevölkerung rege genutzt.

Der Erfolg hat sehr viel damit zu tun, dass zum einen bei der Entwicklung von Digital-Health-Anwendungen die eigentlichen User (Patienten, Ärzte, Angehörige) mit einbezogen werden, zum anderen, dass die Dänen ein sehr hohes Vertrauen in ihre Regierung haben.

Generell ist es so, dass die Politiker eine sehr große Nähe zu den Bürgerinnen und Bürgern pflegen, was das Vertrauen stärkt, da die Politik immer genau weiß, was im Land (gerade in Bezug auf Pflege) gut läuft und was nicht und sofort darauf reagieren kann. Entscheidungen werden so schneller getroffen und umgesetzt, als das in Deutschland der Fall ist.

Welche Wohnkonzepte für Senioren haben sich in Dänemark durchgesetzt?

Torben Lindbæk-Larsen: Es gab in Dänemark (bei der Baugenossenschaft) bereits in den Jahren 2008/2009 ein Modellkonzept. Dazu muss man einbeziehen, dass ein sehr großer Anteil der Bewohnerinnen und Bewohner in Pflegeheimen mittlerweile an Demenz leidet, was zu sehr großen Herausforderungen führt. Wichtig ist, dass über die Architektur und durch geeignete Aktivitäten dafür gesorgt wird, dass eine gute Teilhabe am gesellschaftlichen Leben so lange wie möglich bestehen bleibt.

Unsere Wohnkonzepte entsprechen eher einer betreuten Wohngemeinschaft und sie sind baulich großzügig (große Räume) gestaltet, die Seniorinnen und Senioren haben mehr Feiheiten als in Deutschland.

Unsere Wohnkonzepte sind bewusst offen für das soziale Umfeld und die Gesellschaft. Für ältere Menschen werden viele unterschiedliche Aktivitäten angeboten. So finden beispielsweise Pflegeheimolympiaden statt oder es sind betreute Urlaube in einem Sommerhaus oder am Meer möglich.

Die Pflege wird – wie in allen kommunalen Heimen Dänemarks – von der öffentlichen Hand bezahlt, sodass sich auch Menschen mit einer Durchschnittsrente einen Aufenthalt leisten können.

Es hält sich hartnäckig die Mär, dass es keine Pflegeheime in Dänemark gibt. Stimmt das?

Torben Lindbæk-Larsen: Das ist tatsächlich ein Gerücht. Es gibt noch Pflegeheime in Dänemark, und es werden auch neue Pflegeheime gebaut.

Unsere Pflegeheime sind allerdings in erster Linie für Menschen mit Demenz gedacht, da Menschen mit somatischen Erkrankungen und Problemen überwiegend zu Hause gepflegt werden.

Dänemark ist auch in Sachen Digitalisierung des Gesundheitswesens/der Pflegebranche Vorreiter in Europa. Digitale Technologien werden ganz selbstverständlich verwendet. Können Sie konkrete Anwendungsbeispiele zum Beispiel aus Pflegeheimen und/oder Krankenhäusern nennen?

Torben Lindbæk-Larsen: Gerade durch die Corona-Pandemie findet ein Großteil der Kommunikation mittlerweile ganz selbstverständlich über Teams/Zoom statt.

Seit Jahren ist die Digitalisierung und die einheitliche Vernetzung des Gesundheitswesens in Dänemark schon Realität.

Der Datenaustausch zwischen Patienten und Fachpersonal (Ärzte, Pfleger, Krankenschwestern) sowie auch Gesundheitsbehörden findet über ein landesweit verfügbares Portal statt. Es gibt eine Vielzahl an Applikationen, die medizinisches Fachpersonal in ihrer Arbeit unterstützt. Es werden Video-/Telemedizinsysteme eingesetzt (zum Beispiel für Arztgespräche oder für kognitive Trainings oder zur Rehabilitation u.v.m.).

Wie hat es die Politik geschafft, die richtigen Rahmenbedingungen für den Einsatz von digitalen Technologien zu schaffen? Welche Rahmenbedingungen sind das?

Torben Lindbæk-Larsen: Die dänische Regierung verfolgt schon seit Jahrzehnten eine konsequente E-Health-Strategie und hat bis heute gemeinsam mit den Regionen und Kommunen in enger Zusammenarbeit eine gut funktionierende, einheitlich vernetzte, digitale Infrastruktur geschaffen.

Beschleunigt beziehungsweise vereinfacht wurde dieser dynamische Prozess, der sich immer weiterentwickelt, sicherlich auch durch die neue Verwaltungsgliederung ab 1. Januar 2007.

Die bis dahin existierenden 275 Kommunen wurden in 98 größere Kommunen mit erweiterten kommunalen Aufgaben zusammengefasst. Die bis dahin noch bestehenden Kreise wurden im Zug dieser Kommunalreform ganz abgeschafft, und deren Zuständigkeiten wurden auf die regionalen und lokalen Ebenen verteilt. 

Herzlichen Dank für dieses Gespräch.

Bildnachweis: Jacob Bøtter (photo), Bjoertvedt (crop) (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dannebrog_IMG_8692.JPG ), „Dannebrog IMG 8692“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode

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