Wir sprachen mit Beate Baberske, Künstlerische Leitung, DIAKONEO – Paramentik – Textilkunst (www.paramentenwerkstatt.de), über ganz besondere Paramente, die in drei fränkischen Seniorenzentren zu finden sind.

Können Sie uns bitte in ein paar kurzen Sätzen erläutern, was Paramentik bedeutet?

Beate Baberske: Paramentik verstärkt Mithilfe der unmittelbaren Wirkung von Farben und Formen, also mithilfe der Farbwirkung von Dingen im Raum, die Liturgie, die im Gottesdienst eine Rolle spielt. Sie schreibt damit die Traditionen der Kirche in der Sprache von heute fort. Farben und Formen spielen für uns Menschen dabei eine ganz wesentliche Rolle. Gehe ich in die Kirche oder in einen Gottesdienst, höre ich nicht nur einfach die Predigt, sondern nehme auch den Kirchenraum mit all meinen Sinnen wahr. Deswegen spielen die verschiedenen Kirchenelemente, die zum Beispiel beim Gottesdienst verwendet werden, eine sehr große Rolle.

Diese Paramente bedienen die visuelle Wahrnehmung. Und über ihre Farbbotschaft wirken sie ganz direkt, denn wir verbinden Farben, wo und in welcher Form sie auftreten, immer mit unseren kulturellen Erfahrungen.

Die Kirche setzt Wirkungen und Botschaften von Formen und Farben bereits seit dem Mittelalter ein, um einem Raum eine ganz bestimmte Atmosphäre zu verleihen und um damit das gesprochene Wort zu unterstützen.

In Senioreneinrichtungen in Altdorf, Forchheim und Bad Windsheim wurden drei Paramente installiert. Es handelt sich um 52 faustgroße Kugeln, die sich spiralförmig (in einem Kreis von circa 70 cm Durchmesser) von der Decke hinabwinden. Was hat es mit diesen Objekten auf sich? 

Beate Baberske:

Gesellschaftlich befinden wir uns gerade in einer Zeit, in der sich Glaubenstraditionen und die Art und Weise, wie man mit Glauben umgeht und welche Rolle Glauben im eigenen Leben spielt, stark verändern.

Wir erleben das ganz deutlich in der Bestattungskultur. Deswegen stehen wir schon seit Längerem mit dem Dienst für Senioren von Diakoneo in einem sehr engen Dialog, da auch dort ein Wandel der Abschieds- und Erinnerungskultur spürbar wird. Zum Beispiel haben wir 2019 bereits unser Wegbegleitertuch entwickelt, das auf ein Bett gelegt werden kann. Als eine der wenigen Paramentiken Deutschlands konzipieren wir seit einigen Jahren zusammen mit wechselnden bildenden Künstlern Räumlichkeiten, die mit ihren Farben und Formen der Meditation ihren Raum geben. 

Welche Räume sind das? 

Beate Baberske: Das sind vor allem Andachtsräume, Räume der Stille und Kapellen. Hier spiegeln sich die Werte von Diakoneo wider. Menschen mit christlicher oder anderer religiöser Prägung können und dürfen diese bei Diakoneo leben. Dies ist ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal zu weltlichen Einrichtungen. In Bad Windsheim habe ich in Kooperation mit dem Allgäuer Künstler Christian Hörl die Kapelle gestaltet und ja, wir freuen uns, wenn die Abschiedsspiralen auch in Einrichtungen anderer Träger ihren Platz finden.

Selbst, wenn es keine Kapelle gibt, schafft das raumgreifende Objekt einen besonderen Ort. Egal, wo es platziert wird.

Um nochmal auf die Abschiedsspiralen zu kommen, wie wurde die Idee dazu geboren?

Beate Baberske: Es ist sehr wichtig, dass Kapellen oder Andachtsräume einen speziellen Ort zum Abschiednehmen haben. In der Regel ist es jeder Einrichtung freigestellt, wie sie diese Rituale bewusst unterstützen und etablieren. Allerdings gibt es Traditionen, die in Senioreneinrichtungen nicht ganz unkritisch sein können. Oft wird ein Stein mit dem Namen eines Verstorbenen beschriftet und zum Abschied und als Erinnerung ausgelegt. Dieser Brauch wird auch im Judentum gepflegt. Hier werden kleine Steine auf einem Grabstein abgelegt, um die Toten zu ehren und in Stille Anteil zu nehmen. 

Allerdings haben Steine etwas Hartes, Kaltes, und gerade bei Menschen mit Demenz besteht die Gefahr, dass sie andere oder sich selbst verletzen oder Gegenstände damit zerstören. So entstand erst einmal die Idee, das kalte, harte Material durch etwas Warmes, Weiches, Angenehmes und Tröstliches in schwierigen Zeiten zu ersetzen: durch Textil. In welcher Form auch immer. 

Ich machte mir also Gedanken, wie ein Abschiedsritual mit textilen Elementen aussehen könnte.

Es ist keine gute Idee, in den Senioreneinrichtungen für alle jemals Verstorbenen einen Gedenkort einzurichten. Das Lebensende gehört dazu, wir müssen ihm jedoch kein Denkmal errichten. Es geht vielmehr um die Visualisierung des Abschiednehmens, und das ist ein lebendiger Prozess.

Üblicherweise wird meist zum Ende des Kirchenjahres, also um den Ewigkeitssonntag und Buß- und Bettag herum, eine Andacht abgehalten, um der Menschen, die im vergangenen Jahr in der Einrichtung gestorben sind, zu gedenken. Während des Gottesdienstes werden sie sozusagen noch einmal durch biografische Geschichten und Erlebnisse im Geiste zum Leben erweckt. Am Ende der Andacht wird eine Kerze an die Angehörigen übergeben. Ab da beginnt alles wieder von vorn.

Daher wollte ich das Jahr mit seinen 52 Wochen visualisieren. So wurde die Idee einer Abschiedsspirale mit 52 Kugeln aus Filz geboren.

Zum Thema Spirale hatte ich ein interessantes Aha-Erlebnis. Ich bin nun schon seit über 25 Jahren bei Diakoneo, und ganz zu Beginn habe ich ein halbes Jahr lang an einem Wandteppich gearbeitet, der vom Architekten Jürgen Lemke aus Schwabach für den Wohnpark von Diakoneo in Neuendettelsau entworfen wurde und auf dem als Motiv eine Spirale mit aufgehenden Kugeln abgebildet war. Meine sechsmonatige Beschäftigung mit dieser Bildweberei und der farblichen Modellierung der Kugeln mit Wollgarn war damals so intensiv und prägend, dass ich jetzt die Spirale und die Symbolik dahinter in eine neue Form gebracht habe. Nun ist sie zu meinem eigenen Objekt geworden. Als Mittzwanzigerin war mir die spirituelle Aussagekraft der Spirale und der Kugeln, die alle ihren Platz haben, noch gar nicht so sehr bewusst, wenn man jung ist, dann ist der Ruhestand in weiter Ferne und man denkt, als alter Mensch im Seniorenzentrum ist das Leben – überspitzt formuliert – praktisch vorbei, wie soll sich ein Mensch im Pflegeheim noch einbringen?

Doch im Laufe der Arbeit wurde mir klar, dass auch das Alter ein sehr großer und auch fruchtbringender Lebensabschnitt ist, in dem Teilhabe und Selbstverwirklichung großgeschrieben werden.

Die Spiralform, der Zeithorizont und der textile Grundstoff waren nun fassbar. Doch wie sind Sie auf das konkrete Material der Kugeln gekommen? 

Beate Baberske: Meine Überlegung war, welches textile Material die Menschen ansprechen könnte, über das ein Bezug zu ihrem Alltag herstellbar ist. Für das Seniorenzentrum in Bad Windsheim hatte ich bereits mit Filz gearbeitet. Und zwar mit einer Filzfläche, die ich zur Herstellung eines Kreuzes gefaltet habe.

Filz besitzt einen ganz eigenen Charakter, er strahlt Wärme, Ruhe und Geborgenheit aus.

Denken Sie zum Beispiel auch an die vielen Kunstwerke, die Joseph Beuys während seines künstlerischen Schaffens aus Filz fertigte. Er war fasziniert von Filz. Diese Faszination konnte ich plötzlich beim Arbeiten mit dem Material spüren. So entstand die Idee, für die 52 Kugeln, die fest auf einer spiralförmig gebogenen Eisenstange fixiert sind, dieses Material zu wählen. An den faustgroßen Kugeln können dann wiederum Namenszettelchen und farblich identische kleinere Filzkugeln angebracht werden, die nach Ablauf des Kirchenjahres und Abschluss der jährlichen Abschiedsandacht an die Angehörigen als Erinnerungsstücke übergeben werden. Ob man sie in der Tasche trägt, in der Hand hält oder auf dem Schreibtisch platziert, diese kleinen Filzkugeln, die bei Berührung warm und weich sind, strahlen auch visuell etwas Tröstliches aus und werden mit positiven Dingen verbunden.

Wie und warum wurde die jeweilige Farbgestaltung ausgewählt und unterscheidet sich die Farbauswahl in den drei Einrichtungen?

Beate Baberske: Mir war wichtig, dass die einzelnen Einrichtungen ihre eigene Farbgestaltung wählen, damit über die Farbwahl ein direkter Bezug und eine Verbindung zu den einzelnen Einrichtungen hergestellt wird. Es gibt zwar einige Parallelen und Ähnlichkeiten, und doch weisen die drei Abschiedsspiralen in Altdorf, Forchheim und Bad Windsheim ganz unterschiedliche Farbverläufe auf. Beispielsweise wurden in der Senioreneinrichtung „Haus an den Rangau Wiesen“ in Bad Windsheim die Kugeln farblich an die Stationen des Hauses angepasst. Denn jede Station ist dort bereits durch eine bestimmte Farbe gekennzeichnet, und diese Farben tauchen nun auf der Spirale wieder auf, sodass Stationen, Farben und Menschen in Beziehung gesetzt werden können. In den anderen beiden Seniorenzentren finden wir in einem Fall mehr blaue und im anderen Fall mehr erdige Farbtöne.

So definiert sich jede Einrichtung über ihre Farbgestaltung.

Auch über die Art und Weise der Durchführung der eigentlichen Abschieds- und Erinnerungsrituale kann jede Einrichtung frei entscheiden.

Die Abschiedsspiralen hängen, wie Sie sagten, in Kapellen, Andachtsräumen, Räumen der Stille. Beschreiben Sie uns bitte die Räume etwas konkreter.

Beate Baberske: In allen drei Häusern existieren bereits Plätze, an denen ein Buch ausliegt. Zur Erinnerung und zum Gedenken an die Verstorbenen sind dort kleine Texte und Geschichten, kurze Biografien, Lebensdaten, Fotos hinterlegt; es kann eine elektrische Kerze entzündet werden.

Die an der Decke befestigten, raumfüllenden Abschiedsspiralen machen diese Erinnerung im direkten Sinne des Wortes begreifbar und erlebbar.

Bewohner und Pflegende finden sich über die Farbgestaltung der Spiralkugeln wieder; Menschen, Einrichtung und Abschiedsspirale stehen in direkter Beziehung zueinander. 

Wie reagieren die Bewohner in den Senioreneinrichtungen auf die Erinnerungs-/Abschiedsspiralen und welche positiven Effekte können beobachtet werden?

Beate Baberske: Da die Spiralen erst vor sehr kurzer Zeit installiert wurden, kann ich Ihnen dahingehend leider noch keine Rückmeldung geben. Doch ich kann Ihnen schildern, wie die Menschen, die diese Erinnerungsorte und Abschiedsspiralen betreuen, pflegen, bestücken, die die Gottesdienste feiern, darauf reagieren. Sie waren sehr glücklich, als sie die Spiralen in Empfang nehmen durften. Und sofort sprudelten die unterschiedlichsten Ideen, wie sie ihr bisheriges Ritual mit der neuen Abschiedsspirale verbinden können, wie der Zettel mit dem Namen an der Kugel befestigt wird, ob man oben oder unten beginnt, ob die Farbe mit dem Menschen oder der Station in Verbindung steht usw.

Und ich kann Ihnen schildern, wie die Menschen reagieren, wenn ich hier bei uns in der Werkstatt von den Abschiedsspiralen erzähle. Ich berichtete ja von den kleinen Filzkugeln, die an den großen Filzkugeln befestigt werden können und nach dem jährlichen Abschiedsgottesdienst den Angehörigen mitgegeben werden. Sobald ich die kleinen Filzkugeln auf den Tisch lege, sind sie sofort in allen Händen, und jeder möchte sie am liebsten behalten.

Auf diese Filzkugeln springt jeder Mensch unmittelbar an, und damit auch Senioren. Und aus meiner Erfahrung mit Textil und Stoff kann ich sagen, dass das Material nochmal einen anderen Weg eröffnet, Menschen direkt zu erreichen – auch im Bereich der Demenz.

Durch die Haptik, das Warme, das Weiche treten Verbindungen aus dem Leben wieder zutage, werden aktiviert. Und plötzlich ist es möglich, auch Demenzkranke wieder auf einer Ebene zu erreichen, die vorher verschlossen war.

Daraus entstand zudem die Idee, die kleinen Kugeln mit Bewohnern aus den drei Seniorenzentren gegebenenfalls unter Anleitung selbst filzen zu lassen, doch das ist nur mit sehr wenigen Menschen der Einrichtungen möglich, da vor allen Dingen die an Demenz erkrankten Personen oft nicht mehr in der Lage dazu sind. Die drei Senioreneinrichtungen in Altdorf, Forchheim und Bad Windsheim sind sehr unterschiedlich. Während in Forchheim das Thema Demenz die Hauptrolle spielt, sind die Senioren in der Altdorfer Einrichtung noch aktiver, stehen noch mehr im Leben.

Hier könnte das gemeinsame Filzen eine weitere Brücke bauen. Das wäre sicher eine tolle Sache!

Wie bezieht das Pflegepersonal die Spiralen in die Betreuung mit ein, wie „arbeiten“ die Pflegerinnen/Pfleger damit?

Beate Baberske: Hierzu habe ich drei kurze Schlaglichter: Im Rahmen der Willkommenstage für neue Diakoneo-Mitarbeitende bieten wir einen Filz-Workshop an, an dem regelmäßig begeisterte Frauen aus dem Bereich des Dienstes für Senioren von Diakoneo teilnehmen.

So säen wir Ideen, die dann in die Einrichtungen getragen werden, sich frei entfalten können und aufgehen.

Ein ganz konkretes Beispiel kann ich aus Forchheim nennen. Die Dame, die dort den Erinnerungsort mit Gedenkbuch und Engelsfigur gestaltet hat, hat kleine Schmetterlinge aus Filz zum Anheften an die großen Spiralkugeln hergestellt, um so das Thema Auferstehung aufzugreifen.

Und wir haben Seelsorger und Seelsorgerinnen, die die verschiedenen Einrichtungen regelmäßig besuchen, um während der Gottesdienste die Abschiedsspiralen zu erläutern und sich mit den Bewohnern darüber austauschen. Ich bin gespannt, was sich noch alles entwickelt. 

Wir danken Ihnen sehr herzlich für dieses Gespräch.

Porträtfoto: © Uwe Niklas

Fotos der Abschiedsspiralen: © Beate Baberske

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