Mehr als 200 Personen konnten nach einer 3G-Regelung teilnehmen und freuten sich, endlich wieder persönlich zu netzwerken, informative Vorträge zu hören und eine Ausstellung mit 36 Unternehmen zu besuchen. Für viele war es eine der ersten Veranstaltungen seit Beginn der Corona-Pandemie.

Corona hat die Pflegebranche nicht nur vor eine immense Belastungsprobe gestellt, sondern durchaus auch Positives bewirkt. Das beschreibt u. a. Christian Schultz, Vorstand der Diakonie Stiftung Salem gGmbH und Teilnehmer der Veranstaltung:

„Der Bereich einer möglichen „Digitalisierung“ wurde beschleunigt. Heute diskutieren wir zum Beispiel über die Möglichkeit der „Diktierfunktion“ in der Pflegedokumentation. Dies hätten wir vor 18 Monaten nicht so intensiv getan. Heute ist es auch möglich, beispielsweise Pflegeplanungen im „mobilen Arbeiten“ zu erstellen. Alles Themen, die durch die Pandemie beschleunigt wurden.“

Die Digitalisierung war neben der Quartiersentwicklung, dem Fachkräftemangel sowie der Pflegereform eines der Schwerpunktthemen in den Vorträgen auf der Altenheim EXPO. 

Markus Bienentreu von der TERRANUS GmbH machte deutlich, welche Themen den Pflegemarkt aus seiner Sicht momentan am meisten bewegen:

„Die notwendige Aufhebung der sektoralen Trennung von ambulanter und stationärer Pflege, die längst nicht mehr der aktuellen Versorgungswirklichkeit entspricht. Bereits heute lassen sich die hybriden Wohn- und Versorgungsformen kaum noch in dieses Schema pressen. Damit verbunden ist eine Finanzierungsreform, die Vergütungsunterschiede für Pflegeleistungen zwischen stationären und ambulanten Sektor aufhebt und die Bevor- bzw. Benachteiligung des einen gegenüber des anderen Sektors aufhebt. Das eröffnet Spielräume, um die Zukunft der Pflege unter Berücksichtigung von steigender Anzahl der Pflegebedürftigen und Pflegepersonalmangel neu zu denken.

Der Fachkräftemangel ist mittlerweile in ganz Deutschland angekommen und wird sich in Zukunft noch verstärken. Würde man die tatsächlich vorgehaltene Fachkraftquote über ganz Deutschland ermitteln, läge sie im Bundesdurchschnitt aktuell unter 50 Prozent. Wir jagen einer Schimäre nach. Hier gilt es innovative Möglichkeiten zu finden, die Bewohner qualitativ gut zu versorgen.

Die Frage, wie die Pflege zukünftig finanziert werden soll bzw. wie diese immense Aufgabe zu finanzieren ist, muss geklärt werden. Die Kosten für die Versorgung der älteren Menschen steigen kontinuierlich und nehmen mit dem Renteneintritt der Babyboomer, der zahlenmäßig größten Generation aller Zeiten, künftig nochmal extrem an Fahrt auf. Wenn wir uns darüber nicht jetzt (und es ist schon eher zwei als fünf vor zwölf) Gedanken machen, werden wir einen Generationenkonflikt bekommen, in dem die Jüngeren durch die explodierenden Kosten für die Versorgung und Pflege der Älteren erheblich belastet würden und dies nicht mehr leisten könnten oder wollten. Es bedarf einer offenen und ehrlichen Diskussion, was uns die Versorgung älterer Menschen wert ist (auch mit der Gewissheit, dass wir die Alten sein werden, die es in 30 Jahren zu versorgen gilt. Das Ergebnis dieses Diskurses muss die Basis für unser weiteres Handeln darstellen.“

Hoffnungsfroh schaut Dr. Bodo de Vries vom Ev. Johanneswerk auf die zurzeit stattfindenden Koalitionsverhandlungen von Bündnis 90/Die Grünen, der FDP und SPD. Das machte er in seinem Vortrag „Pflege stationär – Weiterdenken“ am Vormittag des zweiten Kongresstages deutlich, in dem u. a. auf die Initiative Pro-Pflegereform verwies. Die Initiative will der Bundesregierung konkrete und umsetzbare Vorschläge für eine Stärkung der Pflege unterbreiten und auch bei der Umsetzung aktiv mitgestalten. Eine sektorenfreie Pflegewelt, eine Begrenzung der Eigenanteile sowie eine höhere Entlohnung der Pflegekräfte sind nur drei von weiteren Eckpunkten der Initiative.

Die Themenvielfalt in den Vorträgen zog einen großen Mix an Besuchern aus der Architektur, der Projektentwicklung, Investoren- wie Betreiberwelt an. Alle stehen aus ihrer jeweiligen Perspektive heraus vor denselben Herausforderungen wie Demografie, Fachkräftemangel sowie Entwicklung wie Finanzierung der neuen Wohnformen, und diese wurden umfangreich diskutiert. 

Christian Schultz formulierte seine Freude über die Themen so:

„Ich bin davon begeistert, dass nunmehr das „Quartier“ und „die Hausgemeinschaft“ in der Branche positiv diskutiert werden. Meine erste Hausgemeinschaft habe ich vor über 13 Jahren ans Netz genommen. Ich bin nach wie vor von diesem Konzept überzeugt und bin etwas verwundert, wie lange es gedauert hat.“

Auch von Ausstellerseite gab es positives Feedback, wie von Christopher Kunze, Geschäftsführer der BayernCare GmbH, dem es wichtig war, Präsenz zu zeigen, um in Kontakt mit Finanzierungspartnern wie Betreibern zu kommen. Die Veranstaltung bezeichnete er als vollen Erfolg für das Unternehmen.

Ein Highlight der Altenheim EXPO ist immer die Vergabe der Awards zum „Betreiber wie Investor des Jahres“ – so auch dieses Mal. Die Redaktionen CARE Invest, CAREkonkret und Altenheim vergaben zusammen mit dem Kölner Beratungsunternehmen TERRANUS die Awards in den beiden Kategorien. Zum Betreiber des Jahres wurde die APD-Gruppe aus Gelsenkirchen gewählt. Der APD-Geschäftsführer Claudius Hasenau nahm den mit 5.000 Euro dotierten Preis entgegen.

„Der APD hat als ambulanter Pflegedienst mit innovativen Versorgungskonzepten die Pflegebranche geprägt. Durch die Kombination von Tagespflege, Wohngemeinschaften und Servicewohnen wird vor allem für demenziell veränderte Menschen und ihre Lebenspartner die Möglichkeit geschaffen, den Alltag gemeinsam zu gestalten. Damit hat der APD als Vorreiter moderne Wohnformen geschaffen und trägt mit seinem Engagement in Fachverbänden und Gremien dazu bei, die gesellschaftliche Bedeutung des Pflegeberufs in den Fokus zu rücken.“

Anja Sakwe Nakonji, Geschäftsführerin der TERRANUS GmbH

Den Award für den Investor des Jahres bekam die SHI Management GmbH aus München. Vor Ort freute sich Geschäftsführer Wolfgang Grimm sehr, als er den Preis von TERRANUS Geschäftsführer Markus Bienentreu entgegennahm, der die SHI wie folgt würdigte:

„Die SHI ist seit über 15 Jahren im Markt der Seniorenimmobilien aktiv und hat immer wieder Portfolien erworben und diese weiter entwickelt (und auch wieder veräußert). Das zuletzt erworbene sogenannte „Bellevue-Portfolio“ war sicherlich eines der qualitativ hochwertigsten Portfolien am Markt. Das zeigt, dass SHI auch qualitativ einen hohen Anspruch verfolgt.“

Die nächste Altenheim EXPO findet am 14./15. Juni 2022 statt.

Foto: Copyright Daniel George

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