Wir sprachen über dieses Projekt mit illerSENIO-Geschäftsführer Dominik Rommel (www.illersenio.de/).

Neubau Vöhringen Spatenstich

Wie kam es zur Entscheidung für ein “Pflegeheim der Zukunft”, wie sieht die Finanzierung aus?

Dominik Rommel: Wir müssen dafür auch in die Vergangenheit schauen: Unsere Geschichte beginnt 1968 – also in einer Zeit, da die Altenhilfe in unserer Region noch in den Kinderschuhen steckte. Unser neu gegründeter Caritasverein leistete mit dem Bau des ersten Altenheimes in der Region Pionierarbeit. Ein vergleichbares Konzept gab es im weiten Umkreis nicht. Nun ist rund 50 Jahre später unser Stammhaus in Vöhringen trotz mehrfacher Modernisierung in die Jahre gekommen.

Stationäre Pflege hat sich in den letzten Jahrzehnten generell komplett gewandelt – aus Seniorenheimen wurden zunehmend reine Pflegeheime.

Und unsere baulichen Strukturen in Vöhringen können nicht länger mit unseren innovativen Pflegekonzepten Schritt halten. Mit unserem „Pflegeheim der Zukunft“ wollen wir somit unserer eigenen Historie gerecht werden und erneut Pionierarbeit für die Branche leisten. Indem wir mutig ganz neue Wege gehen, sowohl mit unserem Baukonzept als auch mit unserem Pflegekonzept für das neue Haus. Wenn man so will, ist das einzig „Konventionelle“ bei unserem Projekt, wie wir es finanzieren. Hier setzen wir auf einen Mix aus Eigenkapital, einer klassischen Finanzierung über unsere Hausbank sowie eine bezuschusste kfW-Finanzierung mit einem zinsgünstigen Darlehen. Weil wir im Zuge der bayerischen Förderrichtlinie PflegeSoNah die Fachjury mit unserem Gesamtkonzept begeistern konnten, erhalten wir für unser Projekt zudem eine ganz erhebliche Einzelförderung in Höhe von rund 9,6 Millionen Euro vom Freistaat. Etwa ein Viertel unserer Investitionskosten kann allein dadurch finanziert werden.

Wer ist an der Planung und Umsetzung beteiligt?

Dominik Rommel: Für unseren Neubau wollten wir uns bewusst nicht am Status quo für stationäre Pflege orientieren, sondern unsere Überlegungen weiter fassen.

Schon sehr früh haben uns Ideen und Konzepte aus ganz anderen Branchen und Lebensbereichen beeinflusst. Viele Gespräche gab es in der Vorplanung beispielsweise mit Betreibern aus der Hotellerie, aus dem Spezialholzbau und mit einigen Start-ups im Bereich zukunftsweisender Baustoffe und Bauprodukte.

Auch unser letztliches Projektteam setzt sich interdisziplinär zusammen: Dazu zählen unsere stationären Einrichtungs- und Pflegedienstleitungen, unsere Fachberater aus dem Bereich des Servicewohnens und unserer Senioren-Wohnquartiere genauso wie ausgewählte externe Fachleute aus den Bereichen Architektur, Raumplanung und Interieur Design.

Was macht für Sie ein Pflegeheim der Zukunft aus?

Dominik Rommel: Die Art, wie stationäre Pflege heute üblicherweise verstanden und betrieben wird, muss sich ändern. Obwohl wir selbst noch nicht stark vom zunehmenden Pflegenotstand respektive der prekären Lage am Arbeitsmarkt für Pflege betroffen sind, können wir uns diesem Szenario nicht dauerhaft entziehen.

Schon früh in der Planung ging es also darum, wie die räumliche Gliederung, wie Architektur und Design dabei helfen können, unsere Abläufe in der täglichen Pflegearbeit effizienter zu machen.

Nicht um Pflege zu rationalisieren, sondern um Arbeitszeit zu gewinnen, die wir so einsetzen können, wie Pflege eigentlich gedacht ist: Um den Fokus nicht auf Prozesse, sondern auf die Menschen bei uns im Haus legen zu können. Die Anordnung unserer Baukörper wird einen wichtigen Teil dazu beitragen: So wurden die Wohnbereiche in ihrer Größe halbiert und ordnen sich zukünftig windmühlenartig um einen zentralen Versorgungsbereich an. Damit gelingt es, im Pflegebetrieb unnötige Wege zu vermeiden beziehungsweise nötige auf ein Minimum zu reduzieren. Weil sämtliche Bewohner-Module absolut identisch konfektioniert sind, kann sich das Pflegepersonal zukünftig sehr einfach orientieren. Obligatorische Tätigkeiten, zum Beispiel der Zugriff auf Material und Hilfsmittel, können in kürzester Zeit erfolgen, wozu auch die in jedem Trakt strategisch günstig angeordneten Funktionsräume beitragen. Ein „Pflegeheim der Zukunft“ ist für uns somit ein Haus, das in vielen Aspekten hinterfragt und verbessert, was wir heute unter dem Stand der Technik oder einem Pflegestandard verstehen. Zum Wohle nicht nur sämtlicher Bewohner, sondern auch aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Pflege und Betreuung.

Und was ist in Vöhringen das Besondere?

Dominik Rommel: Wir haben uns zum Ziel gesetzt, ein Pflegeheim zu erschaffen, das sich nicht wie ein Pflegeheim anfühlt. Das mag banal klingen, doch letztlich ist das in vielen Entscheidungen unser Leitmotiv. Die letzte Lebensphase ist sicher kein Erholungsurlaub. Doch gerade deshalb sollte es darum gehen, einen Ort zu schaffen, der sich möglichst oft danach anfühlen kann.

Ein „Pflegeheim der Zukunft“ ist für uns somit auch eine Einrichtung, deren Selbstverständnis der eines Hotels nahekommt.

Dazu gehören beispielsweise hochwertig gestaltete und möblierte Zimmer und stimmungsvolle Wohlfühlatmosphäre in sämtlichen Aufenthaltsbereichen. Das Besondere in Vöhringen muss man als Gesamtheit der vielen Detailinnovationen sehen. Um nur einen Aspekt herauszugreifen: Holz spielt bei uns eine ganz zentrale Rolle. Weil es Räume mit ebendieser Atmosphäre schafft. Weil es optische und haptische Erlebnisse schafft, die speziell für Menschen im Alter den Unterschied machen. Weil wir durch die antimikrobiellen Eigenschaften von Holz die Hygiene in unseren Pflegebereichen weiter verbessern können. Vor allem aber, weil Holz einen maßgeblichen Anteil daran haben wird, dass wir ein nachweislich wohngesünderes Raumklima schaffen, was speziell für die alterstypischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen von großer Bedeutung ist.

Das neue Pflegeheim wird in einer fortschrittlichen Holz-Hybrid-Modul-Bauweise errichtet. Was bedeutet das genau – und wo liegen die Vorteile?

Dominik Rommel: In unserem Fall heißt es: Auf der Baustelle wird zunächst lediglich ein Stahlbetonkorpus gebaut, parallel aber alle 158 Bewohnerzimmer in einem spezialisierten Holzbaubetrieb entstehen, bis zu vier am Tag. Anschließend werden Module und Korpus in Vöhringen miteinander „verheiratet“. Wie komplett wohnfertig die Holzmodule schon angeliefert werden, ist beeindruckend. Inbegriffen sind neben Bodenbelägen, Wandverkleidungen und Einbauschränken auch die gesamte Elektrik. Bis hin zu den Vorhängen sind die Zimmer fertig eingerichtet. Jedes Bewohner-Bad verfügt ab Werk über Wasseranschlüsse, alle sanitären Einbauten und volle Ausstattung. Dass sich durch die industrielle Fertigungsqualität Vorteile für den Pflegebetrieb ergeben, zeigt sich beispielhaft bei den Fliesen. Während eine bauseitige Verlegung von Großformaten nur mit immensem Aufwand möglich wäre, ist deren werkseitige Montage einfach. Die mit 2,5 m wandhohen Keramikfliesen im neuen Haus werden nicht nur schön anzusehen, sondern durch exakte und minimale Fugenbereiche auch leichter zu reinigen und hygienischer sein als gewöhnlich. Im großen Maßstab liegen die Vorteile der Holz-Hybrid-Modulbauweise insbesondere an einer erheblichen Kosten- und Bauzeitersparnis. Wir haben dazu verschiedene Fallszenarien und Bauweisen im Vorfeld simuliert:

Im Mittel ergab sich gegenüber einer konventionellen Umsetzung eine Bauzeitersparnis zwischen sechs und neun Monaten – resultierend in einer errechneten Kostenersparnis von rund fünf Prozent.

Inwieweit werden weitere Nachhaltigkeits- und Umweltthemen berücksichtigt? 

Dominik Rommel: Nachhaltigkeit beginnt bei unserem Neubau schon beim Rohstoffeinsatz.

Das Gebäude besteht im Gesamten etwa zu 50 Prozent aus nachwachsendem Vollholz.

So werden nicht nur alle Bewohnerzimmer aus Vollholz hergestellt, sondern es besteht auch die Fassade aller Gebäudeteile aus Vollholz. Des Weiteren werden im Innenausbau auch nachhaltige Materialien verwendet. So kommen sowohl Böden aus Holzparkett als auch Böden aus nachhaltigem Linoleum (zu über 70 Prozent aus schnell nachwachsenden Rohstoffen sowie klimaneutral produziert, frei von PVC, Weichmachern usw.) zum Einsatz.

Was die Energie- und Stromversorgung angeht: Es kommen hierbei zwei Wärmepumpen zum Einsatz, womit 80 Prozent der Wärmeversorgung im Haus abgedeckt werden können. Auf dem Dach wird eine Photovoltaikanlage installiert, die ihrerseits ebenfalls 80 Prozent des eigenen Strombedarfs abdeckt.

Wie ist das Haus selbst konzipiert?

Dominik Rommel: Wir haben unser neues Haus in mehrere Baukörper gegliedert. Mittig wird es einen Erschließungsbau geben. Er bekommt einen halböffentlichen Charakter und übernimmt eine Verteilerfunktion für den gesamten Neubau. Um ihn herum ordnen sich drei weitere Gebäudeteile an – so kommt ein windmühlenartiger Grundriss zustande. In zwei dieser äußeren Bauteile befinden sich zukünftig unsere Wohnbereiche, sodass wir diese pro Etage in eine angenehme Größe gliedern können. Der dritte um den Erschließungsbau angeordnete Teil bietet nicht nur Platz für öffentliche Flächen und ein Café, sondern auch für unsere neuen Verwaltungsbereich mit modernen und hochwertigen Büros. Worauf wir uns ganz besonders freuen ist, dass wir die Anordnung und Struktur der vier „Häuser“ sowie auch der Freiflächen so arrangieren konnten, dass Bewegung allgegenwärtig ist. So haben wir es nicht bloß geschafft, die Wege für unser Personal kürzer und effizienter zu machen. Vielmehr ist es uns dadurch gelungen, Bewegung zum täglichen Begleiter für unsere zukünftigen Bewohner zu machen. Stand und Verlauf der Sonne spielten für uns dabei die wesentliche Rolle. Weil wir im ganzen Haus und im Hausgarten Orte geschaffen haben, die je nach Jahreszeit im Wechsel das Potenzial zum persönlichen „Lieblingsplatz“ haben.

Wir sind überzeugt, dass wir damit viele Anreize schaffen können, um auch unsere Bewohnerinnen und Bewohner in Bewegung, körperlich und geistig aktiv zu halten.

Unser Betreuungspersonal findet darin zugleich ganz neue Anknüpfungspunkte um das hauseigene Aktivitätenprogramm noch vielseitiger zu machen.

Für unsere Seniorinnen und Senioren beginnt Abwechslung aber unmittelbar im ganz persönlichen Wohnerlebnis: Ergänzend zum eigentlichen Bewohnerzimmer, das im neuen Haus in Atmosphäre und Interieur Bezug auf Hotels in modern-alpenländischen Stil nimmt, werden Bewohner zwei weitere Aufenthaltszonen zur Verfügung stehen: Ein, den Zimmern vorgelagerter, halböffentlicher Bereich mit legerem Lounge-Charakter sowie auf jeder Etage mit dem sogenannten „Dorfplatz“ ein Ort für das lebendige Miteinander. Essenzieller Teil unseres Konzeptes sind auch die im Haus verteilten Themenräume. So wird mit dem „Zirbenzimmer“ eine Wellness-Oase entstehen. Neben den weiteren Themenräumen „Sport“ und „Küche“ sorgte schon im Vorfeld der Themenraum „Werkstatt“ für Aufmerksamkeit, der die spezielle Historie der örtlichen Bevölkerung würdigt. Weil sehr viele Menschen in Vöhringen ihr Berufsleben in der örtlichen Metallindustrie verbracht haben, sollen insbesondere in der täglichen Biografiearbeit Reize geschaffen werden, um zu Aktivieren und dem Fortschreiten einer Demenz spielerisch entgegenzuwirken.

Welchen Mehrwert bietet das Pflegeheim auch für die Stadt/Gemeinde Vöhringen?

Dominik Rommel: Als Caritasverein Illertissen haben wir den Kontakt zur örtlichen Bevölkerung über Jahrzehnte intensiv gepflegt hat. Ganz im Sinne der Förderrichtlinie PflegeSoNah wird auch die Einbindung des sozialen Nahraums zu einer tragenden Säule werden.

Für Nachbarn, Vereine, Schulen, Kindergärten, die Gemeinde und Kirchengemeinde soll das neue Haus weiterhin offenstehen.

Dass diesem Miteinander zukünftig im wahrsten Sinne neuer Raum gegeben wird, steht fest: Der über 90 m2 große „PflegeSoNah-Raum“ wird zur multifunktionalen Heimat für ein umfassendes Programm, zum Beispiel für Senioren-Yoga, kulturelle Angebote und gemeinsame Feierlichkeiten.

Wann soll die Eröffnung in Vöhringen stattfinden, und gibt es schon die erste Resonanz?

Dominik Rommel: Wir planen mit einer Baufertigstellung bis zum Herbst 2024, sodass unsere Bewohnerinnen und Bewohner bereits zum Jahresbeginn 2025 in unser „Pflegeheim der Zukunft“ umziehen und neu einziehen können. Die Resonanz ist schon jetzt enorm. Nicht nur auf kommunaler Ebene, wo uns viele Menschen und Entscheidungsträger zu unserem mutigen Weg beglückwünschen und sich darüber freuen, dass wir der Region zu einem solchen Leuchtturmprojekt verhelfen. Auch überregional zeigt sich die Fachwelt sehr interessiert an unserem Neubau.

Und wir freuen uns, wenn wir durch unsere neuerliche Pionierarbeit auch andernorts den Anstoß dafür geben, Pflege im Sinne der Menschen mutig neu zu verstehen und zu gestalten.

Welche weiteren konkreten innovativen Projekte gibt es/sind geplant?

Dominik Rommel: Tatsächlich entstehen bei beziehungsweise mit illerSENIO neben unserem Jahrhundertprojekt in Vöhringen derzeit noch weitere faszinierende Projekte. So realisieren wir in Weißenhorn und Illertissen zwei Senioren-Wohnquartiere – ebenfalls nach zukunftsweisendem, ganzheitlichem Konzept. Sowie in Berkheim und Kellmünz zwei ambulante Zentren für Service-Wohnen, Tagespflege und ambulante Pflege. Ein ganz außergewöhnliches Bauvorhaben realisieren wir bereits im württembergischen Laupheim in Kooperation mit dem Orden der Steyler Missionsschwestern: Die Metamorphose eines Klosters mit angeschlossenem Schwestern-Pflegeheim.

Auf dem Areal entstehen ein modernes Pflegeheim, Apartments für Schwestern und Senioren im Service-Wohnen sowie Wohnungen insbesondere auch für junge Familien.

So sollen sich hier zukünftig nicht nur Alt und Jung begegnen. Weltliches und Geistliches sollen nicht nur koexistieren, sondern im täglichen Leben aktiv miteinander verbunden werden.

Besten Dank für die Beantwortung unserer Fragen.

Fotocredits:   illerSENIO; Außenvisualisierungen: Peter W. Schmidt Architekten, www.pws.eu; Innenvisualisierung: roomcode GmbH, https://roomcode.myportfolio.com/


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