Das Korczak-Haus Freiburg e. V. ist Träger eines Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrums und eines Schulkindergartens für 48 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit schweren Mehrfachbehinderungen im Alter von 2 bis 23 Jahren. Der Trägerverein wurde vor 50 Jahren von Eltern dieser Kinder gegründet. Bis heute können nur Personen Mitglied in dem Verein sein, die ein Kind in einer Einrichtung des Korczak-Hauses haben oder hatten. Der Elternverein ist auch Träger eines Familienentlastenden Dienstes, in dem Kinder ab 2 Jahren außerhalb der Schul- bzw. Kindergartenzeiten (stunden-, tage-, wochenweise) betreut werden. Das Alter der Betreuten geht bis in das 30. und 40. Lebensjahr. Das Korczak-Haus ist keine Pflegeeinrichtung. Die Menschen, die in die Einrichtung kommen, haben aufgrund ihrer schweren Behinderung jedoch einen hohen Pflegeaufwand. Ziel der Arbeit der Einrichtungen ist daher die Förderung dieser Kinder. Sie sollen, ihren individuellen Möglichkeiten entsprechend, zur Teilhabe am Leben befähigt werden, eine umfassende Förderung in den Bereichen der Motorik, Sinneswahrnehmung und Kognition erfahren und in der Entwicklung ihrer Persönlichkeit unterstützt werden. Pflegesituationen sind Teil des Unterrichts: sogenannte Förderpflege. Lerninhalte kommen z. B. aus den Bereichen Kommunikation, Bewegungslernen, Sensorische Wahrnehmung. Es gibt zudem einen Teil Pflege, der in Richtung medizinische Pflege geht (Katheterisieren, Absaugen, Sauerstoffsättigung überprüfen, Sondieren usw.). Einige Kinder bringen immer eine eigene medizinische Pflegekraft mit.

Andreas Wand, Einrichtungsleiter des Korczak-Hauses, sprach mit uns darüber, was einen attraktiven Arbeitgeber ausmacht.

Das Korczak-Haus Freiburg wurde (von A Great Place To Work) als einer der besten Arbeitgeber 2021 in Deutschland ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?


Andreas Wand:
 Da wir in den kommenden Jahren einen altersbedingten Wechsel bei der Schul- und Einrichtungsleitung haben, wurde uns empfohlen, sich um ein Zertifikat von „Great Place to Work® – Deutschlands beste Arbeitgeber“ zu bemühen. Es würde aufmerksam machen, wenn man Anzeigen mit diesem Zertifikat schalten würde. Voraussetzung für diese Label ist eine Mitarbeiterbefragung und ein Kultur-Audit. Die Teilnahme am Zertifizierungsprozess beinhaltet auch die Teilnahme an Wettbewerben. Das stand für uns nicht im Vordergrund.

Für uns war am Ende das Ergebnis der Mitarbeiterbefragung der größte Gewinn.

Trotzdem sind wir natürlich stolz, erfolgreich abgeschnitten und in der Kategorie „Beste Arbeitgeber Gesundheit & Soziales in Deutschland“ (ab 50 Mitarbeitende) sogar den dritten Platz belegt zu haben.
Wir werden beobachten, ob die Auszeichnung die Stellenausschreibungen positiv unterstützt. 

Was macht einen attraktiven Arbeitgeber eigentlich aus und woran messen Sie die Attraktivität?


Andreas Wand:
 Der Korczak-Haus Freiburg e. V. möchte den Mitarbeitenden ein Arbeitsumfeld bieten, in dem man sich und seine Fähigkeiten optimal einbringen und sich weiterentwickeln kann. In der vertrauensvollen Zusammenarbeit mit unseren Schülerinnen und Schülern und deren Familien kommt das Potenzial einer lebendigen Arbeitsplatzkultur zum Tragen und erfährt einen individuellen und gesamtgesellschaftlichen Sinn.

Die Sinnhaftigkeit des Tuns spielt eine große Rolle bei der Attraktivität unserer Arbeitsplätze.

Besonders ist das sehr individuelle Zugehen auf die Kinder, die Eltern und auch die Mitarbeitenden. Wir begleiten ein Kind/eine Familie oft über mehr als 20 Jahre. Das schafft eine große Vertrautheit, die von vielen als sehr positiv empfunden wird. Natürlich kann Vertrautheit auch eine zu große Nähe bedeuten. Als Arbeitgeber beraten wir die Mitarbeitenden und machen sie darauf aufmerksam, dass sie auch auf ihre Grenzen achten müssen.
Die Attraktivität eines Arbeitgebers zeigt sich in seinem Interesse an den Lebensumständen der Mitarbeitenden.

Bei persönlichen oder gesundheitlichen Krisen muss er bereit sein, individuelle Lösungen zu finden und einen guten – nicht überfordernden – Wiedereinstig in die Arbeit ermöglichen. Er muss ein offenes Ohr haben für Kritik und Probleme zwischen den Mitarbeitenden. Es muss die Möglichkeit zu Supervision in unterschiedlichen Settings geben. Der Arbeitgeber muss ein Auge auf die Gesundheit der Mitarbeitenden haben.

Das heißt für den Bereich der Arbeit mit Menschen mit Körperbehinderung: Es gibt im ganzen Haus technische Hilfen für Transfers (höhenverstellbare Liegen, Lifter etc.), in verpflichtenden Fortbildungen werden die Mitarbeitenden im Kinästhetik-Konzept für Handling und Transfers geschult. Die Mitarbeitenden schätzen es, dass es ein Gesundheitsangebot gibt (Hansefit).
Die Attraktivität des Arbeitsplatzes Korczak-Haus besteht natürlich auch in seiner Lage: Man findet uns mitten in Freiburg in einem schönen Gründerzeithaus mit bester Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz und vielen Einkaufsmöglichkeiten. 

Was macht in Ihrem Unternehmen den besonderen Unterschied und liegt Ihnen besonders am Herzen – auch im Vergleich zu anderen Einrichtungen?


Andreas Wand:
 Wir sind als Einrichtung nicht sehr groß. Es gibt insgesamt nur 48 Plätze. Und wir kennen unsere „Klienten“ und ihre Familien über viele Jahre. Es entwickeln sich über die Jahre Beziehungen zwischen den Eltern untereinander, aber auch zwischen Mitarbeitenden und Eltern. Wir ziehen am selben Strang. Außerdem bestimmen die Eltern als Träger den Weg der Einrichtung.

Ihnen ist bewusst, dass es ihren Kindern gut geht, wenn die Mitarbeitenden gute Arbeitsplatzbedingungen haben.

Das ist sicher eine Besonderheit im Vergleich zu vielen Pflegeeinrichtungen, hinter denen große Träger, ob gemeinnützig oder kommerziell, stehen. 
Wir sind personell gut ausgestattet. Die Anzahl der Mitarbeitenden wird durch den Stellenschlüssel des Regierungspräsidiums (letztlich Kultusministerium) und den Pflegesatz der Eingliederungshilfe vorgegeben. Das ist nicht schlecht, aber fast jedes unserer Kinder braucht bei allen Tätigkeiten Assistenz. Der Verein sorgt dafür, dass zusätzlich ausreichend Praktikums-/BFD- und Ausbildungsplätze (Heilerziehungspflege) vorhanden sind. Das kommt allen Mitarbeitenden direkt zugute.
Unsere Arbeit ist sehr erfüllend, sie kann aber auch körperlich und psychisch/emotional belastend sein. Es gibt Kinder, die eine sehr verkürzte Lebenserwartung haben. So sind auch Sterben und Trauer immer wieder ein Thema. Gemeinsam haben wir Rituale entwickelt. Die Mitarbeitenden unterstützen sich gegenseitig in diesen Situationen und auch die Leitung ist in diesen schweren Situationen in engem Kontakt mit den Familien und den Mitarbeitenden.

 

Wie wird aus Ihrer Sicht der Pflegeberuf in der Öffentlichkeit wahrgenommen, und hat sich die Wahrnehmung durch Corona verändert?

Andreas Wand: Jedem ist wohl durch Corona bewusst geworden, dass wir alle auf Pflegekräfte angewiesen sein könnten. Vor Corona wurden viele Menschen zum ersten Mal mit dem Thema Pflege konfrontiert, wenn die Eltern pflegebedürftig wurden. Manche Menschen müssen über Wochen, die anderen über Jahre oder ihr ganzes Leben lang gepflegt werden.

Man kann nur hoffen, dass die Bevölkerung und die Politik nun sensibilisiert sind für das, was eine gute Pflege ausmacht.

Die Qualität kann mit dem Einsatz von Zeit und Geld angehoben werden. Es liegt nicht immer und nicht nur, aber doch oft an Zeit und Geld. Eigentlich hatte man das auch schon vorher gewusst. Es ist zu wünschen, dass es in Zukunft ein größeres Engagement für eine humane Pflege gibt.

Wie kann der Pflegeberuf nachhaltig attraktiver und positiver gestaltet werden?

Andreas Wand: Natürlich braucht es eine bessere Bezahlung.
Für die Menschen, die einem bei den intimsten Pflegesituationen helfen müssen, wünscht man sich, dass sie anständig bezahlt werden, dass sie eine gute Ausbildung haben. Diese Ausbildungen sollten sich auch mit dem Menschenbild und Haltungen beschäftigen.

Es ist schändlich, das Engagement und die Einfühlsamkeit von Pflegekräften zu verschleißen, indem sie für wenig Geld unter höchstem Zeitdruck nur „Satt-und-Sauber“-Arbeiten verrichten können (dürfen?). Die Bedingungen für die Pflegeberufe müssen stimmen, damit ihre Arbeit wahrgenommen wird als das, was sie sein sollte: erfüllend durch den Kontakt mit beeindruckenden Menschen.

Wie gewinnen Sie neue Fachkräfte und wie kann das Pflegepersonal dauerhaft an ein Unternehmen gebunden werden?

Andreas Wand: Wenn eine Stelle frei wird, inserieren wir in der lokalen Zeitung und weisen auf unserer Website auf die offene Stelle hin. Die Stellensuche wird aber auch durch Mund-zu-Mund-Propaganda verbreitet. Heilerziehungspflegende, die ihre Ausbildung bei uns gemacht haben, oder Studierende der Heilpädagogik, die zum Praxissemester bei uns waren, interessieren sich für eine feste Anstellung oder geben das Stellengesuch an ihre Bekannten und Freunde weiter. Dasselbe machen auch die Eltern der Kinder.

Immer wieder stellen wir Personen ein, die früher einmal bei uns ein Praktikum gemacht haben. Das heißt, sie haben das Korczak-Haus kennengelernt, und es war eine gute Erfahrung für sie. Mit Spitzenlöhnen können wir keine Mitarbeitenden an uns binden.

Als gemeinnütziger Verein sind wir darauf angewiesen, dass die Löhne refinanziert werden. Daher ist die Höhe der Gehälter durch Regierungspräsidium und Pflegesatz vorgegeben. Die meisten Mitarbeitenden sind Pädagogen, d. h. sie arbeiten mit Deputat und haben Schulferien, die natürlich nicht frei von Arbeit sind. In einer kleinen privaten Einrichtung wird auch erwartet, dass es ein Engagement über das Deputat hinaus geht. Wir haben viele Mitarbeitende, die schon sehr lange bei uns sind. Sie schätzen die Atmosphäre und das Vertrauen das ihnen entgegengebracht wird. 
Auch uns steht ein Generationswechsel bevor. Die jungen Mitarbeitenden haben zum Teil andere Vorstellungen von ihrer Arbeit und auch persönlich andere Bedürfnisse. Das was frühere Mitarbeitende an das Korczak-Haus gebunden hat, zieht heute vielleicht nicht mehr bei jedem. Das Thema „Jung und Alt“ hatten wir schon länger auf dem Schirm. Die Ergebnisse der Mitarbeiterbefragung haben uns noch einmal darauf gestoßen. Nun treffen sich regelmäßig ältere und jüngere Mitarbeitende; welche, die schon länger da sind und welche, die neu sind, um die unterschiedlichen Bedürfnisse und Ansprüche zu benennen und Wege zu finden, damit umzugehen. Die Reise ist spannend. Wichtig ist, dass alle dasselbe Ziel vor Augen haben: „Kinder haben ein Recht auf den heutigen Tag. Er soll heiter sein, kindlich, sorglos“ (Janusz Korczak). Dafür wurde das Korczak-Haus Freiburg gegründet, und immer neue Mitarbeitende haben sich mit großem Einsatz dafür engagiert.

Welche Wünsche/Erwartungen haben Sie an die Politik?

Andreas Wand: Wir haben Kinder, die einen Pflegegrad haben und in diesem Sinne pflegebedürftig sind.

Wir sitzen ein bisschen zwischen den Stühlen: einerseits Schule – aber mit einem sehr vulnerablen Personenkreis, andererseits pflegebedürftige Menschen – aber keine Pflegeeinrichtung. 


Unsere Forderung (!) an die Politik ist, dass pflegebedürftige Menschen mit Behinderung die gleichen Rechte bei der Nutzung der Leistungen der Pflegekasse haben wie alte pflegebedürftige Menschen. Den Familien werden immer wieder Leistungen vorenthalten (z. B. Tages- und Nachtpflege). Oder eine Verordnung ist so formuliert, dass schwerpflegebedürftige Menschen mit komplexen Mehrfachbehinderungen aus dem Raster fallen – eine nicht seltene Erfahrung. Z. B. waren die Bestimmungen für das Unterstützungsangebot (UstA-Vo, § 45 a Absatz 3) in Baden-Württemberg so formuliert, dass sie von unseren Familien nicht genutzt werden konnten. Die Betreuenden mussten ehrenamtlich sein, was bei der Schwere der Behinderung unserer Kinder unverantwortlich gewesen wäre. Die Folge: den Eltern fehlten 1.500 Euro Betreuungskosten im Jahr. Wir haben sehr hart dafür gekämpft, dass es für zwei Jahre eine Kompromisslösung gab. Nun warten wir, wie es ab September weitergeht. 
Wir erwarten von Politik ein offenes Ohr für unsere Anliegen, die Bereitschaft, die Lebenssituation der Familien mit Kindern mit schweren Mehrfachbehinderungen wahrzunehmen und flexible Unterstützungen zu ermöglichen. Wünschenswert wäre überdies, dass man etwas freundlicher und angemessener mit unseren schriftlichen Kontaktaufnahmen umgehen würde.

Herzlichen Dank für die Beantwortung unserer Fragen.

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