Jünger, aktiver, anspruchsvoller

Boomer fühlen sich im Schnitt zehn bis zwanzig Jahre jünger, als sie tatsächlich sind. Dieses Selbstbild hat Folgen: Sie planen ihr Wohnen nicht für ein „hohes Alter“, sondern für ein aktives Leben. Fitness, Mobilität und soziale Teilhabe stehen im Vordergrund. Das zeigt sich auch in den Zahlen: 

„Rund 90 % der über 65-Jährigen haben keinen Pflegebedarf, selbst bei den 85- bis 90-Jährigen ist etwa die Hälfte weiterhin selbstständig. Das klassische Bild vom altersgerechten Wohnen greift also zu kurz.”

Anna Schingen,Senior Living Expertin, am 15.04.2026 zum Auftakt der ELDERLY LIVING BUT AWESOME (kurz: ELBA) Conference in Berlin

–> Gefragt ist künftig also nicht mehr das (noch) klassische Pflegezimmer – sondern ein Zuhause, das Freiheit ermöglicht.

Vermögen trifft Lebensstil

Die Boomer haben mit Eintritt in die Rente nicht nur Zeit und Vitalität, sondern in der Regel auch Geld. Damit ist diese Generation ist so kaufkräftig wie keine zuvor. 

„Über vier Millionen Menschen über 60 verfügen im Laufe ihres Lebens über ein Vermögen von mindestens einer Million Euro. Viele können monatliche Wohnkosten von etwa 3.000 Euro tragen. Doch statt zu sparen oder zu vererben, investieren sie gezielt in ihre Lebensqualität. So geschehen rund 54 % der privaten Konsumausgaben in Deutschland durch Boomer.”

Anna Schingen

Deutlich wird: Der Markt wird von den derzeit 60-80 Jahre alten Menschen in Deutschland dominiert. Viele dieser Personen stehen kurz vor dem Ruhestand oder befinden sich schon längst mittendrin. Allesamt eint: Die Themen Wohnen, Umzug, Umbau, Neubau sind höchst relevant. Für die Bau- und Immobilienbranche ist das ein klares Signal: Hier entsteht Nachfrage – und zwar nicht nach Standardlösungen.

Das Problem mit dem Bestand

Paradox ist die aktuelle Wohnsituation vieler Boomer: Etwa 60 % leben im eigenen Haus oder in der eigenen Wohnung, häufig noch gebaut für eine ganz andere Lebensphase. Typisch sind Einfamilienhäuser mit mehreren Etagen, Treppen und wenig Barrierefreiheit. Was einst ein Symbol für Wohlstand und das damalige „Familiennest” war, wird zunehmend unpraktisch:

„Nur ca. 2% des Wohnraums in Deutschland sind derzeit barrierefrei. Es wird Zeit, dass wir uns näher mit den Kund:innen beschäftigen, nicht nur mit deren Investmentprofilen.”

Anna Schingen

Die neue Bauaufgabe

Anstatt umzuziehen, zögern viele. Emotionale Bindung, Gewohnheit und fehlende attraktive Alternativen bremsen den Wandel. Die neue Bauaufgabe ist klar: attraktiver muss es werden. Neue Wohnangebote müssen so überzeugend sein, dass sie freiwillig gewählt werden – nicht aus Zwang, sondern aus Überzeugung.

Das bedeutet:

  • Hochwertige Architektur statt funktionale Minimalstandards,
  • zentrale Lagen mit Infrastruktur statt Randgebiete,
  • Barrierefreiheit, die nicht stigmatisierend wirkt (Universal Design!),
  • flexible Grundrisse, die sich anpassen lassen.

Zwischen Individualismus und Gemeinschaft

Interessant ist dabei vor allem dieses Spannungsfeld: Einerseits wollen viele Boomer unabhängig bleiben, andererseits wächst der Wunsch nach sozialer Nähe. Neue Wohnformen wie Co-Housing oder Mehrgenerationenprojekte treffen genau diesen Nerv. Sie verbinden Privatheit mit Gemeinschaft – ein Konzept, das nicht nur für Ältere funktioniert, sondern das Potenzial hat, Städte insgesamt zu verändern. Hilfe und Entlastung sollen stets greifbar sein und bei Bedarf unkompliziert mobilisert werden können. 

Eine stille Verschiebung der Macht

Die Babyboomer sind nicht nur eine große Generation – sie sind eine gestaltende Kraft. Ihre politischen Entscheidungen bestimmen indirekt und ihr Kaufverhalten ganz unmittelbar, welche Projekte gebaut werden, welche Standards sich durchsetzen und wie sich Städte entwickeln. Wer heute baut, baut deshalb nicht nur für eine alternde Gesellschaft, sondern für eine anspruchsvolle, zahlungskräftige und eine sehr aktive Zielgruppe.

Für Architekt:innen, Projektentwickler:innen, Baunternehmen und Co. gilt derzeit: Wer die Bedürfnisse der Boomer versteht, erschließt einen der dynamischsten Märkte unserer Zeit. 

Wir sind gespannt auf und offen für Ihre Kommentare und E-Mails an die Autorin des Artikels via info@carolinmakus.de sowie an die Redaktion von CareTRIALOG.de via: info@caretrialog.de.

Fotocredit: Kateryna Myronenko

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