Univ.-Prof. Dr. rer. medic. habil. Oliver Rudolf Herber hat seit April 2021 den neugegründeten Lehrstuhl für Community Health Nursing am Department für Pflegewissenschaft der Universität Witten/Herdecke inne. Professor Herber ist ausgebildeter Gesundheits- und Krankenpfleger. Nach Abschluss seiner Pflegeausbildung hat Herr Herber mehrere Jahre als Krankenpfleger in einem Missionskrankenhaus in Subsahara-Afrika und über zehn Jahre als Wissenschaftler an verschiedenen renommierten britischen Universitäten gearbeitet. Professor Herber forscht auf dem Gebiet der Versorgungsforschung. Zu seinen Schwerpunkten gehören unter anderem die Verbesserung der Selbstpflegekompetenz von Menschen mit Herzinsuffizienz. Im Laufe der Jahre hat sich Herr Herber ein internationales Forschungsnetzwerk mit Wissenschaftlern aus Neuseeland, den USA, Norwegen, Schweden, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich aufgebaut.

Was verbirgt sich genau hinter dem Konzept „Community Health Nursing“? Was ist neu/anders?

Prof. Oliver R. Herber: In Anlehnung an international etablierte Rollenbilder sieht das Konzept „Community Health Nursing“ partiell eine Aufgabenneuverteilung beziehungsweise Verlagerung ärztlicher Tätigkeiten vor. Konkret bedeutet dies, dass Pflegefachkräfte mit Masterabschluss zukünftig häufig vorkommende Routinetätigkeiten übernehmen. Tatsächlich wird genau dies bereits seit Jahren unter anderem auch vom Sachverständigenrat Gesundheit in seinen regelmäßigen Gutachten gefordert: Eine Neugestaltung von Aufgaben und Verantwortlichkeiten in der Gesundheitsversorgung unter Einbezug verschiedener Gesundheitsberufe. Durch die Etablierung von Community Health Nurses kommt es zu einer Erweiterung des Leistungsspektrums in der Primärversorgung. Sie leisten somit einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der Primärversorgung in Deutschland und entlasten die Hausärzte. Neben der Durchführung von Kontrolluntersuchungen, kognitiven und psychischen Assessments kann je nach Setting auch die Anleitung zur Selbstpflege bei chronisch kranken Menschen Kernaufgabe einer Community Health Nurse sein.

Somit trägt der Studiengang Community Health Nursing nicht nur zu einer dringend benötigten Stärkung der Attraktivität des Pflegeberufs in Deutschland bei, sondern bietet auch die nötigen Voraussetzungen, um die Primärversorgungsstrukturen langfristig für unsere Bürgerinnen und Bürger zu verbessern.

Die Schwerpunkte des Masterstudiengangs Community Health Nursing bilden die drei Bereiche primäre Gesundheitsversorgung, die Versorgung chronisch kranker Menschen sowie die gemeindeorientierte Versorgung. Das besondere des Studiengangs Community Health Nursing an der Universität Witten/Herdecke ist jedoch, dass es aufgrund der Kooperation mit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) die Möglichkeit eines Doppelabschlusses (Double-Degree) gibt. Somit erhalten Studierende, die am Doppelabschlussprogramm teilnehmen, einen zweiten spezialisierten Abschluss im Bereich Pflege (M.Sc. Pflege) beziehungsweise Hebammenwesen (M.Sc. Hebamme), wodurch sich die berufliche Perspektive erweitert.

An wen richtet sich der Studiengang und wie wird er angenommen?

Prof. Herber: Der Studiengang richtet sich an Pioniere aus den Bereichen Gesundheits- und Krankenpflege, Altenpflege sowie Hebammenwesen mit klinischer Erfahrung, die neben ihrer abgeschlossenen dreijährigen Pflege- oder Hebammenausbildung über ein abgeschlossenes pflegewissenschaftliches Hochschulstudium (zum Beispiel Bachelor beziehungsweise Fachhochschuldiplom) oder einen Abschluss in einem pflegewissenschaftlich relevanten Studium (zum Beispiel Public Health, Soziologie, Psychologie) verfügen. Noch liegt die Zahl der Bewerbungen unterhalb der Kapazitätsgrenze von 25 Studierenden, die das Department aufzunehmen vermag. Dennoch sind wir sehr zuversichtlich, dass das Interesse an Community Health Nursing weiter zunehmen wird, insbesondere seitdem die neue Regierung in ihrem im November 2021 verabschiedeten Koalitionsvertrag festgeschrieben hat, das Berufsbild der „Community Health Nurse” in Deutschland zu schaffen und damit die professionelle Pflege durch heilkundliche Tätigkeiten erweitern zu wollen. Außerdem sieht der Koalitionsvertrag vor, das Präventionsgesetz sowie die Primär- und Sekundärprävention zu stärken. Letzteres stellt ein wesentliches Aufgabenfeld von Community Health Nursing dar. Diese Entwicklungen werden vom Department für Pflegewissenschaft begrüßt.

Hiermit werden Grundlagen für eine Weiterentwicklung des deutschen Gesundheitssystems geschaffen, die im internationalen Vergleich längst überfällig und im Sinne einer Verbesserung der Patientenversorgung dringend geboten sind.

Und wieso ist das Konzept „CHN“ wichtig für Deutschland?

Prof. Herber: Das Konzept „CHN“ ist sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene ein wichtiger Schritt für Deutschland, da es aufgrund der Fokussierung auf Gesundheitsförderung, Prävention und Koordination insbesondere Menschen mit chronischen Erkrankungen sowie betagten beziehungsweise hochbetagten Menschen zu einer besseren Gesundheitsversorgung verhilft. Darüber hinaus führt die Unterstützung in der Alltagsbewältigung und die individuelle Beratung zur Erhöhung der Selbstpflegekompetenz zu einer Verbesserung der Lebensqualität trotz Krankheit, indem leidvolle Komplikationen vermieden oder abgemildert werden. In Bezug auf die gesellschaftliche Relevanz trägt das Konzept „CHN“ potenziell zur Sicherung der Gesundheitsversorgung in ländlichen Regionen und benachteiligten Stadteilen bei, die von einem Mangel an ärztlicher Versorgung betroffen sind. Zudem erweitert Community Health Nursing das Spektrum der beruflichen Weiterqualifizierung.

Letztlich führt die Aufwertung des Pflegeberufs durch die Erweiterung des Leistungsspektrums auf Masterniveau und dem damit verbundenen Zugewinn an eigenverantwortlichem Handeln zu einer Steigerung der Attraktivität des Berufsbildes, wodurch einem vorzeitigen Ausscheiden aus dem Pflegeberuf vorgebeugt werden kann.

Eine Entwicklung, von der letztlich alle Bürgerinnen und Bürger profitieren.

Welche Aufgaben übernehmen Community Health Nurses?

Prof. Herber: Die Aufgaben von Community Health Nurses hängen stark vom Setting ab, in dem sie tätig sind. Beispielsweise können sich Community Health Nurses auf bestimmte chronische Krankheiten wie Herzinsuffizienz, Bluthochdruck, Diabetes, Asthma oder psychische Beeinträchtigungen spezialisieren. Darüber hinaus ist eine Ausrichtung auf bestimme – zumeist vulnerable – Personengruppen denkbar, zu denen Kinder, alte Menschen, Geflüchtete, Wohnungslose oder Alleinlebende zählen. Im Sinne einer Setting-abhängigen Tätigkeit können sich Community Health Nurses aber auch auf ein Pflegeheim oder eine Schule, ein Quartier, einen bestimmten Stadtteil oder auf eine ganze Region konzentrieren. Entsprechend dem Einsatzgebiet müssen die Aufgaben, Kompetenzen und Rollen angepasst beziehungsweise entwickelt werden. Aktuell gibt es eine Arbeitsgruppe zur Konzipierung von konkreten Praxisprofilen, die von der Robert-Bosch-Stiftung und dem DBfK ins Leben gerufen wurde.

Und wo sollen zukünftig Community Health Nurses in der Gesundheitsversorgung eingesetzt werden?

Prof. Herber: Ein mögliches und häufig propagiertes Einsatzfeld von Community Health Nurses sind multiprofessionell besetzte, integrierte Gesundheitszentren, wie die sogenannten Patientenorientierte Zentren (PORT-Zentren) zur Primär- und Langzeitversorgung. Diese Zentren adressieren den Dreiklang aus Gesundheit erhalten, Gesundheit wiederherstellen und mit Krankheit und Behinderung gut leben. In solchen Zentren arbeiten Community Health Nurses in enger Zusammenarbeit mit anderen Gesundheitsprofessionen. Eine weitere Einsatzmöglichkeit stellt der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) dar, zu dem auf Bundesebene die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), das Robert Koch-Institut (RKI) oder das Paul-Ehrlich-Institut zählen. Darüber hinaus können Einsatzgebiete in Medizinischen Versorgungszentren, in kommunalen Einrichtungen wie Pflegestützpunkte oder Pflegebüros oder in Einrichtungen des Quartiersmanagements, ambulanten Pflegediensten oder Pflegeeinrichtungen geschaffen werden.

In welchen Ländern hat sich „Community Health Nursing“ schon erfolgreich etabliert?

Prof. Herber: Im Ausland ist das Berufsbild „Community Health Nursing“ bereits seit Langem erfolgreich etabliert. In Ländern wie den USA, Kanada, Skandinavien oder dem Vereinigten Königreich werden Community Health Nurses seit vielen Jahrzehnten erfolgreich in der gesundheitlichen Primärversorgung als erste Ansprechpartner für gesundheits- und krankheitsbezogene Fragen eingesetzt.

Was können wir bereits jetzt von den anderen Ländern lernen?

Prof. Herber: Um international anschlussfähig zu sein, orientieren sich die Handlungs- und Aufgabenfelder der Community Health Nurse in Deutschland am Vorbild der Community Health Nurse im Ausland. Auch haben sich die Pflegeberufsverbände der deutschsprachigen Länder in einem gemeinsamen Positionspapier darauf verständigt, der Haltung des International Council of Nurses (ICN) zu folgen und Community Health Nurses auf Ebene eines Masterabschlusses zu qualifizieren. Darüber hinaus können wir sicherlich von den Erfahrungen bei der Einführung von CHN im Ausland lernen und dementsprechend Maßnahmen für Deutschland ableiten, um eine möglichst rasche und reibungslose Umsetzung zu gewährleisten.

Letztlich bleibt zu wünschen, dass auch die Ergebnisse der Einführung von CHN in Deutschland ähnlich erfolgreich sein werden, wie sie in der internationalen Literatur beschrieben werden.

Beispielsweise hat der vielbeachtete Cochrane-Review von Laurant et al. (2018) eindrücklich gezeigt, dass Pflegefachpersonen anstelle von Ärztinnen und Ärzten in der Erbringung von Leistungen der Primärversorgung gleiche oder bessere Gesundheitsergebnisse erzielen können.

Herzlichen Dank für die Beantwortung unserer Fragen.

Informationen zum Studiengang „Master of Community Health Nursing“:

Aktuelle Informationen zum Studiengang „Master of Community Health Nursing“ (M.Sc. CHN) an der Universität Witten/Herdecke finden Sie unter: https://www.uni-wh.de/chn-msc/Kostenlose Informationsveranstaltungen zum Masterstudiengang finden zurzeit virtuell statt. Termine und mehr unter https://www.uni-wh.de/studium/infoangebote/infoveranstaltungen/infoveranstaltung-community-health-nursing-m-sc/


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