Wie Deutschland, sieht sich auch Schweden mit einer stark alternden Gesellschaft konfrontiert. Gesellschaftliche Herausforderungen wecken den Erfindergeist der Wirtschaft und bringen interessante Ansätze hervor. Blicken wir daher einmal nach Schweden.   

Schwedens wohl bekannteste Möbelhauskette, IKEA, nimmt sich gezielt des demografischen Wandels an und hat hierbei vor allem den Personenkreis im Blick, der früher oder später die eigenen vier Wände aufgrund von Demenz aufgeben muss.

Die Mission lautet: Jeder soll so lange zu Hause leben können, wie er oder sie es sich wünscht. Damit geht man nicht nur einfühlsam auf Betroffene zu, sondern spielt auch dem Staat in die Karten. Denn das schwedische Sozialsystem steht unter steigendem Druck, da die staatliche Fürsorge von Personen in Pflegeeinrichtungen jährlich hohe Summen verschlingt. Das Interesse an innovativen Impulsen aus der Wirtschaft ist daher gern gesehen und trägt Subventionspotential in sich. Sicherlich wittert das Unternehmen hier auch einen attraktiven Markt, jedoch scheint das Konzept überaus sozial. 

IKEA + Skanska = BoKlok

Komfortabel, bedürfnisorientiert und dennoch erschwinglich sollen die Möbel und Wohnungen sein. In gewohnter Ikea-Manier wird daher in Masse gedacht, um flächendeckend und preisgünstig zu agieren. Doch wer genau steht hinter der Initiative? Was genau wird in welchem Umfang produziert? Und vor allem: Was bedeutet das für den deutschen Wohn- und Pflegemarkt? Nehmen wir uns den Fragen Schritt für Schritt an: IKEA stemmt das Großvorhaben nicht allein, das Unternehmen kooperiert mit der schwedischen Baufirma “Skanska”. Das Joint Venture selbst nennt sich “BoKlok” und hat den Anspruch nachhaltiges und kostengünstiges Wohnen zu ermöglichen. 

Königliche Hilfen

Im Rahmen des Projekts “SilviaBo” findet bei BoKlok das Thema Demenz Vertiefung: Namenspatronin ist Silvia Renate Sommerlath, Königin von Schweden. Ihre Mutter, Alice Sommerlath, litt zu Lebzeiten selbst an der Alzheimer Demenz, was die heutige Königin sehr geprägt hat. Sie ist seit Beginn des Vorhabens maßgeblich an der Konzeption und Gestaltung der Wohn-Elemente beteiligt. Unter anderem flossen erhebliche Gelder ihrer Stiftung in das Projekt. Bevor IKEAs Gründer, Ingvar Kamprad, im Jahr 2018 verstarb, vermachte er die Hälfte seines milliardenschweren Vermögens nordschwedischen Unternehmen und wohltätigen Zwecken. So zum Beispiel der Stiftung der schwedischen Königin, welche sich für Demenzpflege-Trainings einsetzt. Sie ist bis heute Teil des SilviaBo-Lenkungsausschusses und begleitet die Arbeit der demenzsensiblen Bauarbeiten engmaschig.

Noch befinden sich die BoKlok-Bauten in der Startphase. Das Gemeinschaftsunternehmen geht zunächst mit sechs Pilotwohnungen an den Start und zwar in der Nähe von Stockholm.

Doch derzeit laufen die Gespräche mit den Kommunen, um mehr Grundstücke und damit Bauland für sich zu gewinnen. Während die SilviaBo-Apartmentreihe einiges mit den üblichen BoKlok-Bauten verbindet, gibt es auch spezifische Anpassungen, um auf die veränderten Bedürfnisse von Personen mit Demenz einzugehen. BoKlok typisch ist zum Beispiel das sogenannte “Left to Live”-Modell. Das bedeutet, dass jeder Mieter bzw. Käufer nur das zahlen muss, was ihm nach Steuern, Sozialabgaben und Lebenskosten noch zum Wohnen zur Verfügung steht. Speziell angepasst aber sind die Designs der SilviaBo-Wohnungen. Hier wird auf Kleinigkeiten geachtet, wie zum Beispiel das Verzichten auf vorinstallierte Spiegel und das Ersetzen digitaler Küchenausstattungen durch analoge, altbekannte Features, um Verwirrungen vorzubeugen und um mit bekannten Elementen zu arbeiten. Praktisch: Das ist nicht nur demenzsensibel, sondern auch vergleichsweise preisgünstig im Bau.

BoKlok: Bald auch in Deutschland ein relevanter Anbieter?

11.000 modulare Häuser hat BoKlok seit seiner Gründung im Jahr 1997 gebaut und das in Schweden, Dänemark, Norwegen und Finnland. Internationale Aktivität ist also gegeben und Deutschland ist nicht weit entfernt. Aktuell steht vor allem noch das Vereinigte Königreich im Visier des Bauunternehmens. Sollte es mit der BoKlok Preispolitik vereinbar und logistisch nicht zu aufwändig sein die Bauelemente in die Bundesrepublik zu transportieren, könnte das Unternehmen durchaus interessant für den deutschen Bau- und Pflegemarkt werden. Und das vor allem, weil die Projektgruppe um SilviaBo eine Erweiterung seiner Produktpallette für ältere Personen plant. Bereits im Jahr 2012 versucht sich BoKlok in Deutschland, stellte den Vertrieb aber bald darauf wieder ein. Damals fehlte die Nachfrage. Seit dem hat sich einiges auf dem (Pflege-)Wohnungsmarkt getan. Abwegig ist ein baldiger Zweitversuch daher nicht.

Richtig Fahrt wird das Team SilviaBo wohl erst in den nächsten Jahren aufnehmen. Jetzt schon aber lohnt es sich für deutsche Akteure aus Wirtschaft und Pflege ein Auge auf die Projektgruppe SilviaBo sowie das Unternehmen BoKlok zu werfen und sich ggf. auch für ähnliche Gründungen im Land inspirieren zu lassen. 

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