Angelika Kaljic, 69, ist gelernte Verwaltungsfachkraft und Koordinatorin des Projektes Caritas-Foodtruck on Tour. Michael Haas-Busch, 42, ist Diplom-Sozialarbeiter und Referent für Caritas im pastoralen Raum.

Wie kam es zu der Idee eines Foodtrucks?

Michael Haas-Busch: Im Frühling 2020 mussten zahlreiche Angebote für Wohnungslose und bedürftige Menschen schließen, darunter auch unsere Wärmestube am Bundesplatz.

Auch nachdem diverse Angebote auf die Abholung/Mitnahme von Speisen umgestellt hatten, gab es einen eklatanten Mangel vor allem an warmem, gesundem Essen auf der Straße.

Es fehlte zudem an Ideen, wie dieses Corona-konform zu den Menschen gelangen konnte. Durch einen persönlichen Kontakt zum Catering- und Foodtruck-Unternehmen „Mama & sons“, dessen Geschäft mit Festivals und anderen Großveranstaltungen darniederlag, entstand die Idee einer Kooperation. Mit der Zusage von Fördermitteln war der Caritas-Foodtruck geboren.

Wie viele Ehrenamtliche engagieren sich für den Foodtruck und wie kommen neue Ehrenamtliche hinzu?

Angelika Kaljic: Anfangs meldeten sich recht viele Menschen bei der Caritas, die sich für in der Pandemie Benachteiligte engagieren wollten. Darunter waren auch einige, die ihre Tätigkeit im Lockdown nicht ausüben konnten.

Inzwischen sind wir bei 25 Personen, die sich regelmäßig einbringen.

Neue Ehrenamtliche sprechen uns einerseits über unser Fachreferat Ehrenamt an, wo Engagement-Möglichkeiten gezielt vermittelt werden, andererseits über unsere Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit, die immer wieder zum Projekt kommuniziert – nicht zuletzt mit den Stimmen prominenter Personen wie Frank Zander.

Wo ist der Foodtruck genau im Einsatz beziehungsweise wie erreichen Sie die Menschen, wie gehen Sie auf die Menschen zu?

Michael Haas-Busch: Unser Teil der Kooperation besteht unter anderem darin, Orte zu identifizieren, wo sich viele Bedürftige aufhalten, die in der Szene bekannt sind und wo der Foodtruck eine sinnvolle Ergänzung darstellt, etwa bei der Bahnhofsmission am Ostbahnhof oder an der Zwölf-Apostel-Kirche in Schöneberg, aber auch Stellen, die von vielen Bedürftigen frequentiert werden – wie am Alexanderplatz. Generell erreichen wir die Menschen zunächst über das doch recht auffällige Fahrzeug, das zu festen Zeiten an immer denselben Orten steht, was sich herumspricht; aber natürlich auch über Flyer und Bekanntmachungen auf einschlägigen Kanälen wie der Berliner Kältehilfe.

Mund-zu-Mund-Propaganda tut ihr Übriges. Zudem haben Frank Zander und andere Prominente für einen hohen Bekanntheitsgrad gesorgt. 

Wir sind mitten in der kalten Jahreszeit, umso wichtiger ist es, dass der Foodtruck auch in der Winter- und Weihnachtssaison weiterrollt. Wie wichtig ist ein solches Angebot für die Stadt Berlin und wie wird es angenommen?

Michael Haas-Busch: Die anhaltend hohen Gästezahlen auch in der Sommerzeit sprechen dafür, dass es aktuell einen großen Bedarf für Angebote dieser Art gibt. Der Foodtruck ist zunächst – wie eigentlich alle Angebote der Kältehilfe auch – eine Hilfe zum Überleben auf der Straße und in prekären Situationen, die durch die Pandemie verschärft wurden. Nicht zu unterschätzen ist aber auch der Teilhabeaspekt, da Begegnung auf Abstand ermöglicht wird.

Wir stellen fest, dass dies ein niedrigschwelliger Ansatz sein kann, Menschen in weiterführende Beratungs- und Hilfeangebote zu vermitteln. 

Letztendlich muss das das Ziel sein: Die Arbeit mit wohnungslosen beziehungsweise generell armen Menschen darf sich nicht auf die Behandlung von Symptomen beschränken. Die Probleme müssen an der Wurzel angegangen werden. Solange Corona so vieles einschränkt, halten wir dieses Projekt für einen sinnvollen und wichtigen Beitrag.

Darf jeder das Angebot annehmen?

Angelika Kaljic: Prinzipiell ja.

Die Gäste werden nicht nach ihrem sozialen Stand gefragt, und wir gehen davon aus, dass diejenigen, die zu uns kommen, es auch wirklich brauchen.

Was verbinden Sie persönlich mit Weihnachten beziehungsweise welchen Stellenwert hat das Weihnachtsfest in Ihrem Leben?

Michael Haas-Busch:

Das zentrale Thema an Weihnachten ist die Menschwerdung.

Wir feiern, dass Gott Mensch wurde und sich damit auf Augenhöhe mit uns begeben hat. Daraus erwächst für uns der Auftrag als Caritas, aber auch als Gesellschaft, es ihm gleich zu tun und menschlicher zu werden. 

Und wie schätzen Sie den Stellenwert von Weihnachten in unserer Gesellschaft ein?

Angelika Kaljic: Unserem Eindruck nach ist Weihnachten vorrangig ein Fest des Konsums. Der Slogan „Fest der Liebe“ wird stark vermarktet und treibt die Erwartungen daran in die Höhe. Als Caritas erfahren wir aber auch eine sehr hohe Spendenbereitschaft gerade für Menschen auf der Straße.

Es gibt also irgendwo auch den Impuls, etwas abzugeben vom eigenen Wohlstand – und das macht uns Mut.

Weihnachten ist (eigentlich) ein fröhlicher Anlass. Doch die Obdachlosen und Bedürftigen müssen Tag für Tag mit ihrer schwierigen Lebenssituation umgehen Gibt es traurige Gespräche am Foodtruck? Was waren/sind für Sie die traurigste beziehungsweise prägendsten Momente?

Angelika Kaljic: Für unsere Gäste ist Weihnachten eher ein trauriges Fest.

Haben sie noch Familie, gehören sie nicht dazu. Die meisten unter ihnen sind unserer Erfahrung nach allein und pflegen mehr oder weniger untereinander Kontakt in den Tagesstätten wie in unserer Wärmestube am Bundesplatz oder am Foodtruck.

Über die Feiertage werden wir auch in diesem Jahr unsere Gäste wieder mit Lebensmitteln versorgen und haben stets ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Nöte. 

In diesem Zusammenhang fällt mir ein Gast aus dem vergangenen Jahr ein. Er war ohne Obdach, sammelte mit seinem Fahrrad jede Nacht Flaschen und war froh, bei uns täglich eine warme Mahlzeit zu erhalten.

Es ist uns gelungen, ihn in eine unserer Beratungsstellen zu vermitteln. Dort hat man ihm einen Weg gezeigt, wieder Fuß zu fassen.

Er wurde in einem Hostel untergebracht und hat hier und da auf 450-Euro-Basis gearbeitet. Kürzlich telefonierten wir, und er berichtete, dass er seit Anfang November einen festen Arbeitsplatz hat und ‚richtig Geld‘ verdient. Er ist nicht mehr suizidal und klang sehr glücklich.

Was wünschen Sie sich für die Menschen, die auf den Foodtruck angewiesen sind, für die Zukunft? 

Michael Haas-Busch:

Auch wenn wir von unserem Projekt überzeugt sind, wünschen wir uns, dass es irgendwann überflüssig ist und nachhaltige Lösungen für Menschen geschaffen werden, die unfreiwillig auf der Straße leben.

Uns ist bewusst, dass diese oft sehr individuell aussehen müssen. 

Angelika Kaljic: Wir wünschen unseren Gästen, dass sie in ihrer Individualität wahrgenommen und Wege gefunden werden, die sie mitgehen können. Daran beteiligen wir uns gerne!

Herzlichen Dank!

Fotos: © Fotograf Walter Wetzler

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