Andreas Frauscher (rechts im Foto) ist Architekt DI, CEO & Partner von Architects Collective und AC Industrial. Christoph Falkner (links im Foto) ist Partner bei SWAP Architektur ZT.

Was waren die ausschlaggebenden Gründe, AHA ins Leben zu rufen und was sind die ausgewiesenen Ziele von AHA?

Christoph Falkner: In den vergangenen Jahren haben unsere drei Büros an unterschiedlichen Projekten und Wettbewerben unter anderem im Gesundheitsbereich gearbeitet, teilweise einzeln, teilweise in wechselnden Kooperationen, und dabei umfangreiche Erfahrungen in der Planung von Gesundheitsbauten gesammelt. 2022 ist schließlich die Idee entstanden, unsere Kompetenzen dauerhaft zu bündeln, Wissen projektübergreifend einzubringen und neue Synergien zu schaffen. Mit AHA Austrian Healthcare Architects haben wir eine gemeinsame Marke im Bereich Healthcare Architecture etabliert.

Die Planungsanforderungen im Gesundheitswesen werden heute zunehmend komplex, sei es funktional, technologisch oder gesellschaftlich.

Unser Ziel ist es, diesen Herausforderungen mit gebündelter Expertise bestmöglich zu begegnen. Dabei orientieren wir uns an Entwurfsstrategien der Healing Architecture, die konsequent die Bedürfnisse aller Menschen in den Mittelpunkt stellen, von Patientinnen und Patienten über das medizinische und nichtmedizinische Personal bis hin zu Besucherinnen und Besuchern sowie Anrainerinnen und Anrainern der Nachbarschaft.

Warum hat eine „heilende Lebensraumgestaltung“ mittlerweile eine so bedeutende Rolle? Und – aus Ihrer Sicht – wird Healing Architecture schon ausreichend in Österreich (und auch in Deutschland) angewendet?

Christoph Falkner: Architektur allein kann nicht heilen, aber sie kann mit gezielten planerischen Maßnahmen, der sogenannten Healing Architecture, einen wichtigen Beitrag leisten, um Stress zu reduzieren, der für Patientinnen und Patienten in Krankenhäusern und Gesundheitseinrichtungen oft sehr hoch ist. Healing Architecture schafft ein sogenanntes Healing Environment, das die Genesung fördert und die Gesundheit aller Menschen vor Ort positiv beeinflussen kann.

Dabei geht Healing Architecture weit über Farbe oder dekorative Materialien hinaus. Auf Basis wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse des Evidence-Based Design zeigt sich, dass gut gestaltete Räume positive Effekte auf Patientinnen/Patienten, Angehörige und das Personal haben. Sie fördern die Genesung, verkürzen Verweildauern, reduzieren Krankenstände und steigern Konzentration, Motivation und Arbeitszufriedenheit.

Gleichzeitig stärkt eine qualitätsvolle Gestaltung auch die Akzeptanz von Gesundheitseinrichtungen als wichtige Institutionen der Gesellschaft.

In diesem Sinne ist Healing Architecture eine nachhaltige Investition in das Gesundheitssystem.

Das Bewusstsein dafür wächst zunehmend bei Auftraggeberinnen und Auftraggebern genauso wie bei Entscheidungsträgerinnen und -trägern. Der Wiener Gesundheitsverbund etwa investiert in die Modernisierung seiner Kliniken, um sie bis 2040 fit für die Zukunft zu machen. Auch wir als AHA sind im Auftrag des WIGEV an mehreren Projekten beteiligt, etwa am Neubau der Zentralklinik Ottakring oder der neuen Zentralen Notaufnahme der Klinik Favoriten. In Deutschland konnten wir Healing Architecture bereits unter anderem in der inzwischen mit mehreren Preisen für Gesundheitsarchitektur ausgezeichneten Kinder- und Jugendklinik Freiburg sowie in der Martini-Klinik, einer Spezialklinik für die Erforschung und Behandlung von Prostatakrebs am UKE in Hamburg, umsetzen.

Können Sie uns ein oder zwei ganz konkrete, aktuelle Healing-Architecture-Projekte aus dem Bereich Pflege/Gesundheit nennen? Wodurch zeichnen sich diese Projekte aus?

Andreas Frauscher: Ein aktuelles Beispiel ist die Kinder- und Jugendklinik in Freiburg. Die Klinik vereint Forschung, Heilung und psychosoziale Betreuung unter einem Dach und schafft mit innovativen Raumkonzepten ein echtes Healing Environment.

Der Komplex vermittelt einen freundlich-modernen, farbenfrohen Dorfcharakter, in dem klassische Krankenhausmerkmale in eine einladende, menschliche Atmosphäre übersetzt wurden. Patientinnen und Patienten und Besucherinnen und Besucher werden von offenen, hellen Räumen empfangen, die Orientierung intuitiv erleichtern.

Die Lage der Klinik ermöglicht einen fließenden Übergang in die Landschaft, die sich in fünf begrünten Höfen fortsetzt. Neue Gärten, Erlebniszonen, Terrassen und begrünte Dächer berücksichtigen die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen und bieten attraktive Erholungs- und Interaktionsräume.

Heilende Kunst spielt an der Kinder- und Jugendklinik Freiburg eine zentrale Rolle: Sie ist fester Bestandteil des therapeutischen Konzepts, spricht verschiedene Sinne an, unterstützt die Orientierung, fördert Interaktion und prägt die Atmosphäre der gesamten Klinik. 

Bei der gesamten Planung standen die besonderen Bedürfnisse der Kinder und ihrer Familien im Mittelpunkt.

Welche Healing-Architecture-Merkmale kommen hier speziell in den Patientenzimmern zur Anwendung (z. B. Form, Farbe, Licht, Materialien, Ausstattungselemente, Deko …)?

Andreas Frauscher: In den Patientenzimmern der Kinder- und Jugendklinik Freiburg kommen zahlreiche Merkmale der Healing Architecture zusammen: Besonders wichtig ist die Gestaltung, die einerseits die physische sowie emotionale Nähe zwischen Kindern und Eltern fördert, und andererseits gleichzeitig auch Rückzugsmöglichkeiten bietet. Zonierungen, Nischen und unterschiedliche Gestaltungsbereiche schaffen Privatsphäre und Individualität, während die großzügige Raumaufteilung eine flexible Nutzung durch Familie, Freundinnen/Freunde, Therapeutinnen/Therapeuten und Pflegepersonal ermöglicht.

Ein eigens für die Klinik entwickeltes Möbelstück, ein Elternbett im Rooming-in-Konzept, minimiert Angstzustände, und eine visuelle Barriere unterstützt individuelle Schlaf-Wach-Rhythmen.

Auch das sorgfältig ausgewählte Farbkonzept trägt dazu bei, dass sich die jungen Patientinnen und Patienten wohlfühlen. So wird jedes Zimmer zu einem „Raum für Komfort und Pflege“, der Funktionalität, Flexibilität und Wohlbefinden gleichermaßen vereint.

Und wie sieht das in den öffentlich zugänglichen Teilen und den Personalräumen aus?

Andreas Frauscher: In der Kinder- und Jugendklinik Freiburg ersetzt ein Lounge-Bereich den klassischen Wartebereich. Er bietet Kindern, Jugendlichen und Eltern Ablenkung und Entlastung und hilft, Ängste sowie Anspannung vor Arztbesuchen, Untersuchungen oder Behandlungen abzubauen.

Generell folgen unsere Projekte sowohl in den öffentlichen Bereichen als auch in den Patientenzimmern und Personalräumen den Prinzipien der Healing Architecture: klare Orientierung, kurze Wege, Rückzugsmöglichkeiten, Privatsphäre sowie eine sorgfältige Gestaltung von Materialien, Licht und Akustik.

Besonders wichtig ist dabei eine ruhige Atmosphäre, da ein niedriger Lärmpegel sowohl Patientinnen und Patienten als auch Mitarbeitenden zugutekommt und den Alltag spürbar erleichtert.

Welches Feedback erhalten Sie bzgl. der Healing-Architecture-Wirkung von den Mitarbeitenden?

Christoph Falkner: Das Feedback der Mitarbeitenden ist durchwegs positiv. Sie berichten, dass die Gestaltung die Arbeitsatmosphäre verbessert, Ruhe und Struktur vermittelt und das Wohlbefinden im Alltag spürbar erhöht.

Besonders geschätzt werden die übersichtlichen Räume, die Rückzugsmöglichkeiten bieten, sowie die insgesamt angenehme Umgebung.

Lässt dich die Wirkung der Healing-Architecture auf die Mitarbeitenden „messen“ (z. B. Fluktuation, Krankenstand, Arbeitsmoral, Wohlfühlfaktor, …)?

Christoph Falkner: Ja, die positiven Effekte zeigen sich auch in Zahlen: Es gibt weniger Krankenstände, weniger Fehler und Arbeitsunfälle, während gleichzeitig Zufriedenheit und Motivation des Personals steigen.

Zudem wird die Klinik als Gemeinschaftseinrichtung stärker angenommen.

Im Gesundheitswesen arbeiten viele unterschiedliche Nationalitäten zusammen. Wie kann Healing-Architecture kulturelle Unterschiede und Bedürfnisse mitberücksichtigen?

Christoph Falkner: Healing Architecture schafft flexible, offene Räume, die individuelle Rituale, Rückzugsorte und soziale Interaktionen ermöglichen. Farb- und Lichtgestaltung, Ruhebereiche sowie multifunktionale Zonen sorgen dafür, dass sich alle, unabhängig vom kulturellen Hintergrund, wohl und respektiert fühlen.

Besten Dank für die Beantwortung unserer Fragen.

Foto von Andreas Frauscher: © Lisi Specht
Foto von Christoph Falkner: © Mark Pock
Fotos Kinderklinik Freiburg: © Faruk Pinjo
Foto Klinik Ottakrnig: © AHA Austrian Healthcare Architects/expressiv


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