Der größte Posten im Bundeshaushalt sind Sozialausgaben – mit wachsender Tendenz. 2022 veranschlagte der Etat für das Bundesministerium für Arbeit und Soziales rund 160 Milliarden Euro. Pflege, Schule, soziale Sicherung sind rein rechnerisch betrachtet die größten laufenden Aufgaben der Bundesrepublik. Dazu kommen die Aufwendungen von privaten Trägern und solche, die nirgends verbucht sind: ehrenamtliche Leistungen und die private Pflege, Betreuung und Care-Arbeit. Das zeigt den Stellenwert, den wir als Gemeinschaft dieser Aufgabe zumessen. 

Über das Thema “inklusive Quartiersentwicklung” sprachen wir mit der Architektin Elke Maria Alberts vom Bielefelder Büro alberts.architekten.

Frau Alberts, Sie planen und bauen Soziale Architektur. Was bedeutet das? 

Elke Maria Alberts: Mein Büro firmiert unter dem Titel “Büro für Soziale Architektur“. Die Soziale Architektur beschreibt für uns nicht nur das Gebäude, sondern die Herangehensweise, wie wir unsere Planungsaufgaben angehen. Bei Aufgaben, die eine Gruppe oder eine Gemeinschaft betreffen, gehen wir in einen großen kommunikativen Vorlauf. Wir wollen jede Planungsaufgabe vorweg partizipativ gemeinsam angehen, um das Bestmögliche für alle zu erreichen: den Konsens.

Es geht nicht darum, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu erreichen, sondern den größtmöglichen Konsens. 

Wie gelingt Konsensbildung in der Quartiersentwicklung? 

Elke Maria Alberts: Vorweg: Konsens gelingt niemals zu 100%. Wir bauen um das Leben der anderen herum. Architektur, Planung, Beteiligung, das alles lebt von der Perspektivübernahme. Das Einhauchen von Menschlichkeit ist eine Grundvoraussetzung, Gebäude zu schaffen. Es sind immer Lebenswirklichkeiten, die Einfluss auf die Gebäude und im Besonderen auf eine Quartiersentwicklung haben. Das Quartier ist das aktuelle Thema! Singulärer Architektur fehlt der gesellschaftliche Wert. 

Wie meinen Sie das?

Elke Maria Alberts: Es ist immer die Mikrolage, der Quartiersbezug, der Standort. Das schönste Gebäude nützt nichts, wenn es nicht in die Zusammenhänge eingebunden ist. Dieser Quartiersbezug ist die Gemeinwohl-Orientierung des Gebäudes. Die Frage, die sich jede bauliche Maßnahme stellen muss: Was hat der Stadtteil davon?

Gern. Also, was hat der Stadtteil davon?

Elke Maria Alberts: Das muss man individuell an den Bedarfen festmachen. Welche das sind, das erfahre ich bei einer Begehung oder im Gespräch. Präventive Hausbesuche funktionieren besser als Social-Media-Kampagnen. Für das Verstehen komplexerer Zusammenhänge helfen zusätzlich harte Daten aus Sozialraumanalysen. 

Das Zu-den-Menschen-Hingehen, sie einbeziehen, ihre Erfahrungen zu nutzen ist Partizipation. In der Partizipation besteht die Chance, zu anderen Lösungen zu kommen als zuvor gedacht. Als Beispiel können wir den Wunsch der Anwohner eines Quartiers nach einem Ort des gemeinsamen Backens mit traditionellen Tandur-Öfen nennen. Daraus ist der Bau einer Stadtteilküche mit Gemeinschaftsgarten und eigenem Ofen geworden. Diese bauliche Intervention erfüllt hauptsächlich soziale Aufgaben, also Stärkung des Gemeinwohls, des Zusammenkommens, des Miteinander-Sprechens. Aus so einem Projekt entsteht eine Nachbarschaft, die soziale Kontrolle im positiven Sinne übernimmt. Menschen geben aufeinander acht, bekommen mit, wenn es jemandem nicht gut geht. So sind Bedarfe auch nach pflegerischen Aufgaben schneller zu erkennen.

Welche Herausforderungen sehen Sie in der Partizipation?

Elke Maria Alberts: Stadtentwicklungsprojekte haben immer mit vielen Menschen zu tun. Das Dilemma heißt dann „Ungeduld und Dringlichkeit“: Es braucht sofortige Lösungen, niemand wartet. Leider dauern Änderungen und Anpassungen immer lange. Um alle im Boot zu halten, ist Kommunikation das A und O. Besonders in Ballungszentren ist der Druck auf das Bauen groß. Beteiligungsprozesse erscheinen dann als unnötiger Zeitfresser. Aber Partizipation und Bauen gehören zusammen! 

Leider erlebe ich täglich Beteiligungsmüdigkeit. Wirbt man für Beteiligungsworkshops oder Bürgerwerkstätten, kommen immer dieselben Menschen, die aber nicht den Bevölkerungsdurchschnitt des Quartiers repräsentieren. Das hat mit Demokratie nichts mehr zu tun, da die Quote einfach nicht stimmt. 

Was haben gemischte Quartiere mit Inklusion zu tun? 

Elke Maria Alberts: Ein Beteiligungsprozess hat mit Inklusion zu tun und sozial durchmischte Wohnformen sowieso: Wir als Gesellschaft haben uns mit Unterzeichnung der UN-Charta verpflichtet: Die Inklusion wird umgesetzt. Aber kaum wird es im Beteiligungsprozess konkret, kommt das „Aber!“
Wir alle brauchen Platz. Für die Bildung, Betreuung, gute Geschäfte, Mobilität und Gemeinschaft – aber Inklusion stört. Wo viele Menschen zusammenkommen, wird Raum Verhandlungssache und jeder hat sein gewichtiges Pfund mitzureden. Jetzt kommt es darauf an, klar zu kommunizieren, dass Inklusion nicht „für Behinderte“ meint, sondern dass alle mit Individualität Teil der Gesellschaft und damit Teil des inklusiven Anspruchs sind.  

Beteiligungsprozesse verändern sich und führen zu Veränderung. Das Format ist nicht wichtig, sondern der stetige Dialog.

Aber wie steht es dann um die Barrierefreiheit? 

Elke Maria Alberts: Öffentliche Gebäude sind für alle da. Öffentlich heißt öffentlich. Solche Gebäude müssen aber viele Anforderungen erfüllen: energetisch sollen sie sein, nachhaltig wäre noch besser, der Brandschutz muss stimmen, die Gestalt und das Design sollen Zeitzeugen sein. Barrierefreiheit gehört in jede Planung, hierzu gibt es DIN-Normen, eben viele Bauvorschriften.

Das Thema Inklusion kann dagegen schnell untergehen, da es keine Standardverfahren gibt, die darauf ausgerichtet sind. 

Es braucht keinen Masterplan, sondern agile, sozialraumorientierte Lösungen im Quartier.

Wie geht also Partizipation und inklusive Quartiersentwicklung heute?

Elke Maria Alberts: Indem es keinen Masterplan gibt! Wir wissen aufgrund der aktuellen Ereignisse wie Klimawandel, Pandemie und Krieg: Wir brauchen mehr Resilienz, nicht den einen unveränderlichen Masterplan. Deshalb wünsche ich mir mehr Verständnis für Mikroprozesse im Quartier. Gegenüber meinem Büro gibt es zum Beispiel einen SB-Bäcker. Wenn Sie da Brötchen kaufen, wissen Sie nachher, wie die Nachbarschaft tickt und welche Themen aktuell sind. Familien werden in ihrer Lebenswirklichkeit sichtbar, ältere Menschen sind unübersehbar. Das Thema „Betreuung von Menschen mit Demenz“ wird beim SB-Bäcker auf mehr Schultern abgefedert als in manch einer Einrichtung: Hier ist Inklusion Alltag, es gibt immer den einen, der auch mit dazugehört. Solche Orte leben, und sie leben von den Menschen, die sie betreiben.

Gute Quartiere ermöglichen soziale Mobilität und damit die Bereitschaft des Bleibens.

Deshalb geht es bei der Quartiersentwicklung in erster Linie um das Ertüchtigen des Bestandes für den mitmenschlichen Bedarf, bei Vermeidung von 100%-Ansprüchen. Quartiere sollten soziale Mobilität bei gleichzeitigem Bleiben ermöglichen, die Bleibeperspektive erhöhen, sowie zur Mitwirkung bei der Betreuung von Nachbarn anregen. Nur das ist nachhaltig und wird dem wachsenden Fachkräftemangel in der Pflege entgegenwirken.

Wir müssen uns von der Vorstellung, dass eine Planung zu 100% verwirklicht wird, verabschieden. Die Dinge ändern sich rasant. Wir brauchen agiles Management und resiliente Beteiligungsprozesse – mit dem Bekenntnis zu neuen gesellschaftlichen Realitäten und der Erkenntnis, dass letztendlich eh alles anders sein wird. Wir sollten den Spagat zwischen guter Improvisation und einer realistischen Vorbereitung auf unangenehme Szenarien finden. Es benötigt also dringend rechtliche Spielräume, mehr iterative Herangehensweisen.

Was für Räume?

Elke Maria Alberts: Für das Bauen mit Be(Ver)stand! Es braucht einen freien Umgang mit dem Vorhandenem. Das beste Ergebnis erziele ich, wenn die Menschen im eigenen Quartier beweglich bleiben und hier die Angebote nutzen. Und wenn sie doch umziehen müssen, dann aber nur im eigenen Quartier. 

Kann es bei dieser Forderung bleiben oder braucht es das konkrete „Wie“?

Elke Maria Alberts: Jedes Quartier hat das Recht auf Einzelbetrachtung. Also, gemeinschaftlich lokal mittels dem Vorhandenen Sicherheit für die Zukunft; schablonenhafte Lösungen sind vulnerabel!
Das Quartier erlebt ein Revival. Lassen Sie uns darüber reden! 

www.alberts-architekten.de

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