Patric Allemann, 1972 geboren in Wil im Kanton St. Gallen, Schweiz, absolvierte sein Architekturstudium von 1992-1998 an der ETH Zürich. Es folgten von 1998-2003 die Mitarbeit in verschiedenen Architekturbüros sowie selbstständige Tätigkeiten in Zürich. Im Jahr 2003 gründete Patric Allemann gemeinsam mit Martin Bauer und Marc Eigenmann die Allemann Bauer Eigenmann Architekten AG. Das Architekturbüro ist spezialisiert auf den Entwurf, die Projektierung und die Ausführung von Neu- und Umbauten sowie auf städtebauliche Planungen und Jurytätigkeiten (www.abearchitekten.ch/de/). 

Was sind die Kernpunkte Ihrer Architektursprache bzw. wie würden Sie die Philosophie Ihrer Architektur beschreiben?

Patric Allemann: Wir sehen die verschiedenen Aspekte des Entwurfs-, Planungs- und Bauprozesses als gleichwertig bzw. gleich wichtig. Architektur darf weder formalistischer Selbstzweck sein, noch soll sie sich nur auf strikt funktionale Aspekte beschränken. Beim Planen und Bauen steht für uns grundsätzlich der Mensch im Zentrum. Damit sind aber nicht nur Nutzer oder Bewohner gemeint, sondern alle menschlichen Indi­viduen, welche mit einem Haus direkt oder indirekt in Kontakt kommen. Durch seine physische Präsenz verursacht und bedingt jedes Bau­werk Wechselwirkungen mit seinem Kontext, sei es in der Stadt oder auf dem Land. 

Daraus leiten wir eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft ab, Gebäude so zu situieren und zu gestalten, dass sie auch einen ideellen Mehrwert generieren.

Was die Prämisse für Städtebau und architektonischen Ausdruck ist, gilt in der Konsequenz auch für alle anderen Elemente eines Bauwerks. Außen- und Innen­räume sollen durch Proportionen, Lichtführung, Materialisierung und Farbgebung eine stimmige Atmosphäre etablieren und so einen angemessenen architektonischen Rahmen für das Leben bilden, das sich im Haus und um das Haus herum abspielt. Bei jedem Entwurf ist es die große Herausforderung, ein Gleichgewicht zwischen den äußeren und inneren Einflüssen zu finden und so eine lang­fristig überzeugende Synthese von Form und Inhalt zu generieren.

Nicht selten sehen (ältere) Pflegeheimbauten sehr ähnlich und gesichtslos aus. Woran liegt das?

Patric Allemann: Vermutlich liegt das unter anderem daran, dass Pflegeheime früher eher wie Spitalbauten konzipiert wurden und dementsprechend der Fokus einseitig auf Funktionalität ausgerichtet war. Viele Heime wurden aber auch in den 1970er- und 1980er-Jahren erbaut und werden heute wohl einfach aufgrund ihrer zeitgenössischen Architektursprache nicht mehr geschätzt. Dabei sind auch im letzten Jahrhundert durchaus ansprechende Heimbauten entstanden. 

Welche Unterschiede sehen Sie in Bezug auf den Pflegeheimbau zwischen der Schweiz und Deutschland?

Patric Allemann: Leider kenne ich weder die strukturellen Rahmenbedingungen noch aktuelle Referenzbauten in Deutschland, sodass mir ein Ver­gleich nicht möglich ist. Das hohe Niveau des Pflegeheimbaus in der Schweiz in der vergangenen Dekade hat wohl zwei Hauptursa­chen: Die Bauträger von Pflegeheimen sind noch immer mehrheitlich die öffentliche Hand oder gemeinnützige Vereine und Stiftun­gen, welche die Altenpflege im staatlichen oder kommunalen Auftrag besorgen.

Bei Neubauten ist deshalb nicht die kurzfristig rea­lisierbare Rendite maßgebend, sondern es wird in Lösungen investiert, die sowohl gesellschaftlich, funktional und architektonisch nachhaltig sind.

Zudem unterliegen diese Bauträger dem öffentlichen Beschaffungswesen, sodass ein Bauauftrag fast ausschließlich über einen Architekturwettbewerb vergeben werden kann. In der Schweiz hat dieses erprobte Konkurrenzverfahren einen hohen Stellenwert und führt im Idealfall zu sehr guten Lösungen.

Was ist Ihr aktuellstes Pflegeheimbauprojekt? Und durch was zeichnet es sich besonders aus?

Patric Allemann: Zurzeit realisieren wir ein großes Alterszentrum in der Stadt Zürich sowie ein kleineres Heim im ländlichen Sevelen. Für ein weite­res Objekt in Rüschlikon haben wir letztes Jahr den Wettbewerb gewonnen und starten dort nun die Planung. In den vergangenen 15 Jahren durften wir bereits zehn Häuser fertigstellen. Wir betrachten Pflegeheime als Mikrokosmos, in dem gearbeitet, gewohnt, ge­lebt und gestorben wird. Die Häuser beinhalten öffentliche Räume, Arbeitsplätze sowie Wohnraum und gehören damit zu den funkti­onal ambivalentesten Bauaufgaben.

Ideell bietet das im Nutzungsmix verwandte Hotel – insbesondere das Grand Hotel – für uns ei­nen valablen Anknüpfungspunkt bei der architektonischen Entwicklung von Pflegeheimen.

Gesellschaftlich steht das Hotel für den idealtypischen Ort einer Schicksalsgemeinschaft auf Zeit, bestehend aus den Bewohnern und dem sie umsorgenden Personal. Auch existieren typologische Parallelen, von den seriell aneinandergereihten Zimmern über die Gastronomie- und Gesellschaftsräume bis hin zur Infrastruktur mit Küche und Wäscherei. Auf der atmosphärischen Ebene sind gut gestaltete Hotelinterieurs Vorbilder für ge­pflegte Wohn- und Gastlichkeit. Die spezifischen Anforderungen der hochbetagten und pflegebedürftigen Menschen unterscheiden sich dennoch klar von denen eines Hotelgasts. Ein Heim dient seinen mehrheitlich immobilen Bewohnern auch als Substitut des öf­fentlichen Raumes. Foyer, Cafeteria und die weiteren Gesellschaftsräume funktionieren analog den Stadt- und Dorfplätzen als Begegnungsorte sowie als Schnittstellen zur Außenwelt. Sie liegen deshalb bevorzugt an städtebaulich prominenter Lage und sind ein­ladend gestaltet. Die privatere Welt des Wohn- und Pflegebereichs findet in den Obergeschossen statt. Großzügig dimensionierte Korridore bieten dort Platz, um mit Gehhilfen oder Rollstühlen zu kreuzen, Rundwege gewährleisten abwechslungsreiche Spazier­gänge im geschützten Rahmen des Hauses. Aus- und Durchblicke erlauben Orientierung, Ausweitungen mit Sitzgelegenheiten ge­ben Möglichkeiten zum Verweilen. Die gemeinschaftlichen Aufenthaltsräume der Pflegegeschosse besetzen die besten Aussichts­lagen, welche so allen Bewohnern zugutekommen. Sie sind räumlich differenziert und bieten so Bereiche für verschiedene Grup­pen. Innenhöfe schaffen mit Sichtbezügen zwischen allen Geschossen eine räumliche Identität und vermitteln so den Menschen im Haus die Idee einer Gemeinschaft.

Wie wirkt sich Ihre (Pflegeheim-)Architektur auf die Menschen in Ihren Bauten aus bzw. was möchten Sie im Idealfall erreichen?

Patric Allemann: Unsere Architektur soll einen anregenden Rahmen bieten für alle Menschen, die sich darin aufhalten. Wenn die Komposition von Raum, Licht, Material und Akustik dazu beiträgt, dass sich die Menschen wohlfühlen, so ist unser wichtigstes Ziel erreicht.

Welche Konzepte und Materialien werden die (Pflegeheim-)Architektur in den nächsten Jahren maßgeblich prägen?

Patric Allemann: Wir glauben, dass sich Pflegeheime weiter von den noch immer vorhandenen Stereotypen entfernen sollten – allerdings arbeiten gleichzeitig ganze Industrien daran, ebendiese Stereotypen zu zementieren.

Ich sehe beispielsweise einen bedenklichen Trend zu an­geblich pflegeleichten Oberflächen, welche wertige Materialien wie Holz oder Stein vortäuschen.

Die einschlägigen Anbieter behaup­ten dabei dreist, dass „der Laie den Unterschied nicht sähe“. Dabei haben diese Fakes einerseits fatale Auswirkungen auf die Rau­matmosphäre und sind andererseits auch nicht nachhaltig, weil sie schlecht altern. Dem versuchen wir Paroli zu bieten, indem wir un­sere Bauträger für die Wertigkeit und Unterhaltsfreundlichkeit echter Materialien sensibilisieren.

Wie verändert Corona neue Architekturkonzepte?

Patric Allemann: Seuchen und Architektur haben die bisherige Menschheitsgeschichte begleitet und sich möglicherweise auch gegenseitig beeinflusst.

Momentan sehe ich Corona allerdings nicht als Inspirationsquelle …

Healing Architecture ist ein Schlagwort, welches in Zusammenhang mit Klinik- und Pflegeheimbauten immer wieder fällt. Was halten Sie von diesem Begriff und wie würden Sie ihn definieren?

Patric Allemann: Schlagwörter sind mir eigentlich grundsätzlich zuwider. Nachdem ich nun aber den Begriff in Wikipedia nachgeschlagen habe, stelle ich eine fast vollständige Kongruenz mit unserer Auffassung von Architektur dar.

Allerdings glaube ich, dass sich diese nicht auf so­genannte „Gesundheitsbauten“ beschränken darf – jegliche Architektur soll menschenfreundlich gestaltet sein.

Welche Trendentwicklungen sehen Sie für die Realisierung innovativer Gesundheitsbauten der Zukunft voraus?

Patric Allemann: Im besten Fall gelingt es, noch weiter wegzukommen von dem, was man vielleicht vereinfachend als „Spitalcharakter“ bezeichnen würde. Wirkliche Innovationen setzen allerdings immer auch gesellschaftliche Veränderungen voraus. Deren Prognose liegt jedoch nicht in meiner Kompetenz.

Besten Dank für die Beantwortung unserer Fragen.

Pflegeheim Heiligkreuz, St.Gallen, 2018: Wohnraum Pflegegeschoss und Speisesaal: Foto: © Hannes Henz

Pflegeheim Sonnhalden, Arbon, 2016: Foto: © Allemann Bauer Eigenmann Architekten AG


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