Der folgende Artikel soll einige der Pain Points junger Menschen mit Behinderung aufzeigen. Mit „junge Menschen“ sind in diesem Fall vor allem junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 35 gemeint.

Fehlende Sichtbarkeit bedeutet eine kleine Lobby

Fakt ist: Knapp die Hälfte der schwerbehinderten Menschen sind zwischen 55 und 74 Jahre alt, gut ein Drittel ist 75 Jahre und älter. Wie groß die Gruppe der schwerbehinderten Menschen zwischen 18 und 35 ist, wird kaum irgendwo klar festgehalten. In einer Statistik des Statistischen Bundesamtes heißt es zu 2025, dass die Zahl der schwerbehinderten Menschen bei 378.640 lag. Das entspricht etwa 4,83 % aller Menschen mit Schwerbehinderung. Für viele Entscheider und Investoren eine zu kleine Zahl. Und damit schrumpfen Lobby und Sichtbarkeit für diese Menschen oft drastisch. 

Was es braucht: Mehr mediale Sichtbarkeit von jungen Menschen mit Behinderung und Pflegebedarf und proaktives Handeln von Entscheidern und Investoren, unabhängig von der Statistik.

Zur Erinnerung: Schwerbehinderung und Pflegebedarf gehen nicht immer Hand in Hand

Personen gelten ab einem Grad der Behinderung von 50% als schwerbehindert. Der Grad der Behinderung sagt jedoch selten etwas über den tatsächlichen Pflegebedarf aus. Es gibt Menschen mit einem GdB von 100, die weitgehend allein ihren Alltag bestreiten können und solche mit einem niedrigeren GdB, die vermehrt auf Hilfe angewiesen sind. Statt Zahlen entscheidet hier die Behinderung selbst, das Umfeld und der Umgang mit der betroffenen Person mit ihren jeweiligen Einschränkungen.

Pain Point: Erwachsen werden mit Behinderung und unklarer Zukunft

Nur rund 3% aller erfassten Menschen mit Schwerbehinderung sind unter 18 Jahre alt, also Kinder und Jugendliche. Diese werden irgendwann erwachsen und wollen entweder durch eigenen Antrieb auf den sprichwörtlichen eigenen Beinen stehen, oder die pflegenden Angehörigen stoßen von ihrer Seite aufgrund der eigenen Gesundheit den Schritt in die Unabhängigkeit vom Elternhaus an.

Während die Zukunft für Menschen ohne Behinderung quasi schon ab Geburt in Grundzügen festzustehen scheint, ist die von jungen Erwachsenen mit einer Behinderung in der Regel mit großen Fragen versehen. Welchen Beruf kann ich mit meinen Einschränkungen ausüben? Wer regelt meine Pflege? Wie stehe ich bei Pflegebedarf finanziell da und wo kann ich möglichst unabhängig und selbstbestimmt wohnen? Das sind nur einige der Fragen, die Betroffene umtreiben. Und: Sind die Antworten auf diese Fragen einmal gefunden, können sie weiterhin jederzeit umgestürzt werden, etwa durch politische Veränderungen und nicht immer vorteilhafte Anpassungen im Pflegegesetz.

Was es braucht: Verlässlichkeit bei Gesetzen rund um Pflege und Behinderung für junge Menschen. Mehr Fokus auf Selbstbestimmung und finanzielle Stärkung. Frühere und bessere berufliche Förderungsmöglichkeiten.

Identitätsfindung mit Barrieren

Während der Pubertät passiert zwischen Eltern und Kindern in der Regel ein ganz natürlicher Prozess der Abnabelung. Dieser wird vor allem dadurch gefördert, dass die Kinder zunehmend unabhängiger werden und weniger auf Hilfe angewiesen sind. Bei Kindern mit erhöhtem oder längerem Hilfebedarf, ausgelöst durch eine Behinderung, wird dieser Prozess oft verlangsamt oder sogar ganz blockiert. Nicht zu unterschätzen ist dabei auch die psychische Komponente: Es ist schwer, sich gegen die Eltern aufzulehnen und auf gesunde Weise zu rebellieren, wenn die physische Abhängigkeit ständig im Alltag in Erinnerung gerufen wird. Erwachsen werden mit Behinderung bedeutet mental oft, größere, empfundene Risiken einzugehen. Gleichzeitig haben sich Eltern über Jahre in die Rolle der für das Recht des Kindes kämpfende und es pflegende Rolle eingefunden. Nicht selten kann durch diese Dynamik eine gewisse Co-Abhängigkeit entstehen, die es schwerer macht, die eigene Identität unabhängig von denen der Eltern zu finden.

Was es braucht: Mehr therapeutische Angebote und psychologische Stärkung sowohl für junge Pflegebedürftige als auch deren Angehörige. Eine bessere Aufklärung zum Thema Bindung und Psychodynamiken. Mehr Freizeitangebote für Menschen mit Behinderung unabhängig von ihren Eltern.

Fehlende Verfügbarkeit und Kosten bei barrierefreien Wohnungen

Eine möglichst große Selbstbestimmung ist oft nur in der eigenen Wohnung möglich. Außerdem gehört ausziehen und allein leben zum Erwachsenwerden dazu. Während sich die Wohnungssuche gerade in Großstädten aber schon für Nicht-Behinderte junge Erwachsene schwierig gestaltet, findet sich hier oft noch ein bezahlbares Plätzchen – im Zweifel im vierten Stock eines Altbaus ohne Fahrstuhl. 

Schon das Beispiel zeigt: Für Menschen mit einer Gehbehinderung schrumpft der Wohnungsmarkt weiter. Die wenigen barrierefreien Wohnungen sind oft teurer als andere Wohnungen oder werden von Menschen ohne Gehbehinderung benutzt. Zwar muss das Amt oft eine höhere Miete übernehmen, wenn ein Mensch auf eine barrierefreie Wohnung angewiesen ist – wer aber finanziell auf eigenen Beinen steht, steht oft vor Finanzierungsproblemen.

Nachfrage deutlich höher als Angebot

Die Gesellschaft für Immobilienverrentung gibt an, dass aktuell rund 1,2 Millionen barrierefreie Wohnungen zur Verfügung stehen. Der Bedarf liegt aber bei etwa 3 Millionen, ist also mehr als doppelt so hoch. Weil Angebot und Nachfrage im Ungleichgewicht sind, sind barrierefreie Wohnungen deutlich teure. Scout 24 hat ca. 19% Preisaufschlag für Mietwohnungen und 30% Aufschlag für Eigentumswohnungen ermittelt. 

Was es braucht: Mehr barrierefreie, staatliche Wohnungen in einem bezahlbaren Rahmen. Möglich wären auch finanzielle Vorteile für Eigentümer, wenn sie nachweislich barrierefreie Wohnungen an Menschen mit Behinderung vermieten.

Der Schritt ins Berufsleben als Mensch mit Behinderung

Als arbeitssuchender Mensch mit Behinderung ist neben der Agentur für Arbeit auch das Integrationsamt, in einigen Stelle auch Inklusionsamt genannt, zuständig. Es soll die Brücke bilden zwischen behindertem Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Viele Arbeitnehmer berichten allerdings bei Befragungen durch Aktion Mensch, dass sie sich oft wie Bittsteller fühlen, nicht gut vertreten und schlecht beraten.

Was es braucht: Eine bessere Servicementalität der Ämter und eine andere Sicht auf Arbeitnehmer mit Behinderung. Es muss ein Shift von „Problemfall“ zu „wertvolle Arbeitskraft stattfinden, um den Prozess für alle Beteiligten wertschätzender und weniger frustrierend zu gestalten.

Junge Menschen sind in Pflegeheimen selten geplant

Bei einem höheren Pflegebedarf, der ein Leben in den eigenen Vier Wänden nicht oder nicht mehr ermöglicht, bleibt oft nur das Pflegeheim als Lösung. Pflegeheime sind aber fast ausschließlich auf Senioren ausgelegt. Ein anderer, dem jungen Alter angepasster Tagesrhythmus, ist bei stationärer Unterbringung kaum möglich. Freizeitangebote sind ebenfalls auf ältere Bewohner ausgerichtet.

Was es braucht: Mehr Alternativen zur Heimunterbringung, wie zum Beispiel WGs für junge Menschen mit hohem Pflegebedarf.

Fazit: 6 Dinge, die sich für junge Menschen mit Pflegebedarf ändern sollten

Die folgende Liste erhebt bei weitem keinen Anspruch auf Vollständigkeit und fasst nur exemplarisch einige Probleme zusammen, vor denen junge Menschen mit Behinderung und Pflegebedürftigkeit stehen. Folgendes sollte sich daher ändern:

  1. Mehr Sichtbarkeit, denn Pflegebedürftigkeit ist nicht ans Alter gebunden. Wer sichtbar ist, wird mehr gehört und hat eine größere Lobby.
  2. Verlässliche Gesetzte zur Stärkung und zum Schutz junger Pflegebedürftiger. Selbstbestimmung und größtmögliche Unabhängigkeit muss immer im Vordergrund stehen.
  3. Unterstützung bei der Identitätsfindung über die Behinderung hinaus. Dies gilt vor allem für Menschen mit hohem Pflegebedarf und der daraus entstehenden, häufig langen Abhängigkeit von familiären Pflegepersonen. 
  4. Mehr und günstigere Wohnungen für Menschen mit Behinderung, deren Nutzung an die Notwendigkeit und eine bestehende Behinderung gebunden ist. Zusätzlich höhere finanzielle Zuschüsse zum Wohnen für Menschen mit Behinderung, die ihr eigenes Einkommen erwirtschaften.
  5. Eine bessere und individuell besser angepasste Vermittlung ins Berufsleben mit geschultem Fachpersonal.
  6. Pflegeheime, die sich auch auf die Bedürfnisse junger Menschen einstellen.

Quellen

Rehadat Statistik zum Alter schwerbehinderter Menschen, über: https://www.rehadat-statistik.de/statistiken/behinderung/schwerbehindertenstatistik/, zuletzt abgerufen am: 15.09.2026.

Statistisches Bundesamt zur Anzahl schwerbehinderter Menschen im Deutschland Ende 2025, über: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen
/2026/07/PD26_246_227.html , zuletzt abgerufen am: 15.09.2026.

Statistisches Bundesamt zur Anzahl schwerbehinderter Menschen, über: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Behinderte-Menschen/Tabellen/geschlecht-behinderung.html , zuletzt abgerufen am: 15.09.2026.

Die Gesellschaft für Immobilienverrentung zu Mangel an barrierefreiem Wohnraum, über: https://www.degiv.de/immobilien-und-rente-podcast/barrierefreier-wohnraum-mangel/, zuletzt abgerufen am: 15.09.2026.

Scout 24 zu Preisaufschlag für Barrierefreie Wohnungen, über: https://www.scout24.com/news-medien/news/detail/grosser-preisaufschlag-fuer-barrierefreie-wohnungen, zuletzt abgerufen am: 15.09.2026.

Aktion Mensch über Behörden und schlechte Erfahrungen, über: https://www.aktion-mensch.de/inklusion/recht/zugang-zum-recht/erfahrungen-mit-aemtern, zuletzt abgerufen am: 15.09.2026.

Bildquelle:

Alesia Kozik, Pexels.com: https://www.pexels.com/photo/fashion-man-people-woman-7294689/Cottonbro Studio, Pexels.com: https://www.pexels.com/photo/a-girl-riding-a-wheelchair-8524618/

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