Die Pflege steht vor einem tiefgreifenden Wandel: Künstliche Intelligenz (KI) und digitale Anwendungen halten zunehmend Einzug in Pflegeeinrichtungen. Doch die entscheidende Frage lautet längst nicht mehr, ob diese Technologien eingesetzt werden – sondern unter welchen Bedingungen sie tatsächlich helfen können. Zu diesem Ergebnis kamen Fachleute aus Pflege, Politik und Industrie bei der Veranstaltung „Pflege digital – KI, aber wie!?“, organisiert von der Ruhrgebietskonferenz Pflege gemeinsam mit dem Netzwerk ZukunftPflege NRW.
Im Mittelpunkt der Diskussion stand eine zentrale Forderung: mehr Vertrauen in die Innovationskraft der Pflege – oder, wie es mehrfach formuliert wurde, ein neues Prinzip des „Trust in Care“.
Digitalisierung scheitert oft an Strukturen
Zum Auftakt machte Claudia Ott von der Theodor-Fliedner-Stiftung deutlich, dass digitale Lösungen häufig nicht an fehlender Technik scheitern. Vielmehr arbeiteten Pflege, Medizin, Verwaltung, Kostenträger und Politik noch immer in getrennten Systemen mit unterschiedlichen Regeln und Zuständigkeiten.
Damit KI ihr Potenzial entfalten könne, müssten Versorgungsprozesse stärker zusammen gedacht werden. Pflege dürfe dabei nicht nur als nachgelagerte Anwenderin digitaler Technik betrachtet werden, sondern müsse aktiv an der Entwicklung neuer Lösungen beteiligt sein.
Zugleich wurde klar: Digitalisierung gibt es nicht zum Nulltarif. Wer langfristig Effizienzgewinne erwartet, müsse zunächst Investitionen ermöglichen – etwa in IT-Infrastruktur, Schulungen, neue Arbeitsprozesse und Cybersicherheit. Ohne finanzielle Spielräume blieben Innovationen einzelne Modellprojekte ohne breite Wirkung.
Cyberangriffe treffen auch Pflegeeinrichtungen
Ein Thema, das zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist die IT-Sicherheit. Pflegeeinrichtungen geraten immer häufiger ins Visier von Cyberangriffen. Helmut Wallrafen von der Sozial-Holding der Stadt Mönchengladbach berichtete aus eigener Erfahrung, wie gravierend solche Angriffe den Betrieb beeinträchtigen können.
Seine Botschaft an Politik und Kostenträger fiel deutlich aus: Wer Digitalisierung wolle, müsse sie auch absichern und finanzieren. Dazu gehörten gemeinsame Notfallstrukturen, regelmäßige Sicherheitsprüfungen und bessere Schulungen für Mitarbeitende.
Zugleich plädierte Wallrafen für mehr Offenheit im Umgang mit Angriffen. Nur wenn Vorfälle transparent gemacht würden, könnten Einrichtungen voneinander lernen.
KI spart Zeit – und schafft mehr Pflege
Dass digitale Anwendungen bereits heute spürbare Verbesserungen bringen können, zeigten die Anwendungsbeispiele aus der Diakonie Stiftung Salem in Minden, die Geschäftsführer Christian Schultz präsentiert hat. Dort wird eine sprachbasierte KI eingesetzt, mit der Pflegekräfte ihre Dokumentation einfach einsprechen können.
Das Ergebnis: Rund ein Drittel weniger Zeitaufwand für Dokumentation – etwa eine halbe Stunde pro Schicht. Fast alle Mitarbeitenden berichten dadurch von mehr Zeit für Bewohnerinnen und Bewohner. Gleichzeitig stieg die Genauigkeit der Dokumentation deutlich, Überstunden gingen zurück und die Zufriedenheit im Team nahm zu.
Auch andere digitale Werkzeuge erleichtern inzwischen den Alltag: Tablets ersetzen Papierarbeit, Personalprozesse werden automatisiert und Verwaltungsabläufe vereinfacht. Neue Assistenzsysteme können zudem Stürze erkennen oder verhindern und erhöhen so die Sicherheit in Einrichtungen.
Ein weiterer Schritt sind intelligente Büroassistenten auf KI-Basis, die etwa E-Mails zusammenfassen, Dienstpläne vorbereiten oder Informationen schneller auffindbar machen. Aufgaben, die früher viele Minuten beanspruchten, lassen sich so in kurzer Zeit erledigen.
Die zentrale Botschaft aus der Praxis lautet daher: KI ersetzt keine Pflegekräfte – sie verschafft ihnen Zeit für ihre eigentliche Aufgabe.
Viele neue Ideen – aber fehlende Schnittstellen
Auch der Markt für digitale Pflegeanwendungen entwickelt sich derzeit dynamisch. Vorgestellt wurden unter anderem KI-gestützte Programme für Biografiearbeit mit Bewohnerinnen und Bewohnern, digitale Antragsverfahren oder neue Wege zur Nachwuchsgewinnung in der Pflegeausbildung.
Ein großes Problem bleibt jedoch die mangelnde Kompatibilität vieler Systeme. Unterschiedliche Programme arbeiten häufig nicht reibungslos zusammen und erzeugen zusätzlichen Aufwand. Hier sehen Praktiker vor allem die Industrie in der Pflicht, schneller gemeinsame Standards zu schaffen.
Digitalisierung als gemeinsame Aufgabe
Am Ende der Veranstaltung wurde deutlich: Die digitale Transformation der Pflege ist weit mehr als eine technische Frage. Sie betrifft Organisationen, Arbeitskultur und politische Rahmenbedingungen gleichermaßen.
Einigkeit bestand darüber, dass nur gemeinsames Handeln zum Erfolg führen kann. Träger, Politik, Kostenträger, Industrie und Berufsgruppen müssten enger zusammenarbeiten – und auch gemeinsam investieren.
Denn das Ziel bleibt klar: Technologie soll nicht Pflege ersetzen, sondern sie menschlicher machen. Mehr Zeit für Gespräche, Betreuung und persönliche Zuwendung gilt vielen Beteiligten als der eigentliche Gewinn der digitalen Zukunft.