Zwei Häuser, deren Architektur und Gestaltung viel Tageslicht, Atmosphäre sowie abwechslungsreiche Bewegungs- und Aufenthaltsmöglichkeiten bieten möchte, gleichzeitig ökologisch und für optimierte Arbeitsprozesse gebaut, das waren die Hauptziele, die Planer Henning Volpp und der Stiftungsrat neben den finanziellen Ressourcen im Blick hatten, um den Bewohnern von Haus Lechfeld in Untermeitingen (60 Pflege- und Betreuungsplätze für mobile Bewohner) und Haus Langerringen (u.a. für schwerstpflegebedürftige Bewohner) das Beste zu ermöglichen.

Im zweiten Teil des Online-Kongresses CareTRIALOG „Zukunft Gutes Wohnen 2021“ (am 24.6.2021) berichteten Volpp und Stiftungspfleger Michael Brzeski im „Architekturgespräch“ mit Dr. Stefan Arend, Sozialmanager und Publizist, über die spannende Entstehungsgeschichte der beiden Häuser, die von der kleinen, eigenständigen Johann-Müller-Altenheimstiftung betrieben werden.

„Im ersten Schritt war zu überlegen: Für welche Menschen wollen wir bauen, wen mit dieser Einrichtung versorgen, wem einen Platz zum Wohnen geben? Der gemeinsame planerische Prozess auf Augenhöhe war eine ganz wertvolle Erfahrung – für mich und alle anderen Beteiligten“, berichtet Brzeski, der seine langjährige Erfahrung – u.a. als Pflegeleiter – mit eingebracht habe. „Die Frage war: Wie kommen wir von der pflegerischen Konzeption hin zu einem Gebäude? Es war u.a. ein Abwägungsprozess zwischen Pflegebereich, Sicht der Bewohner und deren Angehörigen.“

Henning Volpp, Architekt und zuständiger Planer aus dem Hause GSP Gesellschaft für Soziales Planen in Stuttgartder seit 20 Jahren spezialisiert ist auf die Themenbereiche „Wohne, Pflege und Betreuung in der Alten- und Behindertenhilfe“, führte weiter aus: „Wir gehen gerne sehr früh in die Projekte rein mit Projektvorbereitung und -entwicklung in nahem Dialog mit dem Betreiber, wie hier in Langerringen und Untermeitingen, wo wir Betriebskonzept und Architektur zusammen entwickeln konnten – und bereits in die Grundstückssuche und -auswahl mit einbezogen waren. Wir haben viel Erfahrung und wissen, welche architektonische Entscheidung welche Folgen hat.“

So entstand in Untermeitingen auf einem ca. 7.500 qm eine Formation aus 2 x 4 Häusern um ein Atrium gruppiert, eingebettet in einen kleinen, als Park mit Wegen angelegten Garten, wo sich die Bewohner der verschiedenen Gruppen treffen können.

Dabei fuße die Bauplanung auf folgenden zentralen Zielen:

  1. Ein Haus, das möglichst viel von Tageslicht durchflutet ist. Denn in den Forschungen seines Büros habe man die förderliche Wirkung von circadianem (dem Tagesrhythmus nachempfundenen) Licht auf den Tag-Nacht-Rhythmus sowie den Schlaf bestätigt gefunden. „Gleichwohl sind solche künstlich hergestellte Lichtsituationen im Vergleich sehr aufwändig herzustellen und zu unterhalten. Und Tageslicht ist mit einer guten Architektur eigentlich in Hülle und Fülle vorhanden – es gilt dann, dieses Tageslicht entsprechend zu nutzen“, so Volpp. Dabei spiele die jeweilige Raumtiefe  eine wichtige Rolle und der Aspekt, möglichst aus den verschiedenen Richtungen Licht ins Gebäude zu holen. „Denn“, so führt Volpp weiter aus, „wir sehen es als Lebensqualität an, wenn man den Tagesrhythmus erleben kann – und dass man eine Wahlmöglichkeit hat, eher in der Sonne oder im Schatten zu sitzen.“
  2. Es sollen im Innen- und Außenraum vielfältige und differenzierte Aufenthaltsflächen für die Bewohner mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen entstehen, sodass die Möglichkeit geboten wird, sich in kleineren und größeren Gruppen zusammenzufinden – und dabei gleichzeitig die etwas geschützteren mit den eher offenen Bereiche in Beziehung stehen.
  3. Mit Blick auf einen Großteil der Bewohner mit Demenz sollen abwechslungsreiche Bewegungsflächen geboten werden, die keine Sackgassen enthalten, sondern immer wieder an Orten mit anderen Menschen vorbeiführen.
  4. Die Räumlichkeiten bekommen u.a. durch Farben und weitere Aspekte einen wohnlichen Charakter, statt den einer Institution. „Wir sind auch Innenarchitekten. In dem Sinne sind uns Atmosphäre und Stimmungen sehr wichtig und entscheidend für den Wohncharakter sowie die Orientierung. Wir versuchen Orte sehr unterschiedlich zu gestalten – das ist ein Zusammenspiel von Materialität, Farbe und gewissen anderen Charakterien, die einen Ort ausmachen können“, so Volpp und führt als Beispiel individuell gestaltbare Vitrinen am Eingang des jeweiligen Wohnbereichs an oder auch verschiedene Lichtstimmungen aus direktem und indirektem Licht.

Außerdem sei Haus Lechfeld mit seinen acht Gebäuden in seiner Gesamtheit farblich in einer „8er-Tour“ angelegt, um auf den weitläufigen Wegen Orientierung zu geben. „Das hilft, sicherlich nicht als einziger, aber als unterstützender Aspekt, beispielsweise auch ergänzt durch punktuell sehr einprägsame Tapeten“, beschreibt Brzeski aus dem Alltag des 2016 segregativ in Betrieb genommene Haus Lechfeld. Ebenso die farblich unterschiedlichen Vorhänge vor den Wohnbereichen.

„Bei Menschen mit Verhaltensauffälligkeiten auf Grund von Demenz-Erkrankungen, mit kognitiven Einschränkungen, ist die Nutzung der Vorhänge nicht so intensiv wie im 1. OG, wo Menschen mit leichter Demenz oder somatischer Erkrankung leben. Dort ist das ein ganz wertvoller Aspekt.“

Michael Brzeski

Bei der Bauplanung sei außerdem ein Umfeld für optimierte Arbeitsprozesse sowie ökologische Maßnahmen berücksichtigt worden, erklärt Planer Volpp:

„Die Lust der Auftraggeber auf natürliche Materialien wie Holz und Kautschuk hat uns natürlich sehr gefreut. Auch haben wir kein Wärmedämm-Verbundsystem außen.“

So hatte Volpp an anderer Stelle im Interview darauf hingewiesen: „Eine der größten Herausforderungen wird in Zukunft der sommerliche Wärmeschutz sein.“ Es würden – durch die modernen Anforderungen – häufig „Thermoskannen“ gebaut, wo es schwierig sei, die Wärme wieder rauszubekommen. Im Haus Lechfeld habe er zusätzlich zu der erfreulicherweise leichten Bauweise z.B. spezielle Fenster eingeplant, die mit der Wärmeabzugs-Anlage gekoppelt sind und für nächtliche Kühlung der Gebäude genutzt werden.

Die Planung für optimierte Arbeitsprozesse beschreibt Volpp am Beispiel der von je zwei Zimmern genutzten Bäder. Diese seien entsprechend größer angelegt, wo möglich mit Fenster, wobei die Grundrisse u.a. auf vor Ort getesteten Probe-Szenarien basierten und eine sehr hohe Qualität in der täglichen Arbeit böten. Mit Blick auf einzuhaltende Normen – und im Ausnahmefall möglichen begründeten Abweichungen – seien der frühzeitige Dialog, die Einbindung der „Fachstelle für Qualität und Aufsicht“ in den Planungsprozess wichtig, betonen die Beteiligten.

Bei der Frage nach Architektur und Pandemie beschreibt Stiftungspfleger Brzeski: Die Kleinteiligkeit und die in sich geschlossene Bauweise der einzelnen Gruppen mit ihren jeweilligen Funktionsräumen mache eine weitgehende Kohorten-Isolierung möglich. Gleichwohl würde, um einen komplett separaten Zugang für einen einzelnen Bereich auch hinsichtlich Umkleide und Müllentsorgung zu erreichen, im Notfall eine Alternativ-Lösung in Haus Langerringen genutzt. Dort könne eine komplette Separierung geschaffen werden. 

Was die Ausgestaltung mit „digitalen Helfern“ oder praktischen „Bauteilen“ wie Duschrinne und mehr betrifft, darum ging es in weiteren Gesprächsrunden. Zu den Themen Licht, Farbkonzepte und Bodenbeläge sprach Dr. Stefan Arend mit Michael Doser (Waldmann/ Licht), Andreas Gradinger (Caparol/Farbe) und Thomas Deutsch (Forbo/Bodenbeläge).

„Wofür noch Kunstlicht, wenn schon ein lichtdurchflutetes Haus wie hier? Nun, es gibt beispielsweise ja auch Gebäude mit Nordausrichtung, in die nicht von allen Seiten Licht kommt – und das Thema: viel Licht und Glas bringt auch Hitze – Verschattung ist nötig… und es gibt die dunkleren Jahreszeiten.“

Michael Doser, Herbert Waldmann GmbH & Co. KG

Die Firma Waldmann biete schon seit rund 20 Jahren circadiane Lichtlösungen mit Kunstlicht, wo mit Lichtfarbe und Helligkeit ein Tag-/Nachtgefühl gefördert werde. Auch schattenarme, blendarme Beleuchtung sei mit Blick auf Sturzvermeidung ein wichtiges Thema. Für eine größere Brillianz der erlebten Farben sei gerade ein neues Produkt entwickelt worden mit einer Farbwiedergabe von mehr als 90 Prozent.

Seine Erfahrung sei, dass sich erst sehr wenige Pflegeeinrichtungen im Bau oder Bestand mit Licht beschäftigen. „Die Schwierigkeit ist, dass man das Lichtthema leider erst wahrnimmt, wenn es nicht funktioniert. Wir haben sehr gute Rückmeldungen von Betreibern, die aktiv mit dem Licht arbeiten.“ Aber häufig werde das Gebäude von Gruppe A erstellt mit dem ganzen „Korsett“ der Gestehungskosten, der spätere Betrieb durch Gruppe B und die Betriebskosten seien vom späteren Alltag und den Auswirkungen aber oft getrennt.  

Andreas Gradinger, verantwortlich für den Health Care Bereich bei Caparol, berichtet, dass gleichzeitig immer mehr Investoren und Betreiber Wert auf eine gute Gestaltung legen.

Dabei spiele unter anderem die „visuelle Barrierefreiheit“ eine Rolle, vor allem aber auch, dass die Fassade/ Außengestaltung und die Innengestaltung des Gebäudes zusammenpasse.

„Was die Kosten dabei angeht, ist es sehr überschaubar, ob Sie die Wände steril weiß mit Krankenhaus-Anmutung streichen oder ob Sie eine gute Farbkonzeption machen für drei Zielgruppen: die Bewohner, die Angehörigen, welche oftmals die Entscheider sind, und natürlich für das Personal.“

Andreas Gradinger, Caparol

Hinsichtlich der Farbwirkung führt Gradinger aus: „Auch wir lernen dazu, gerade im Bereich Demenz, wo noch nicht alles so erforscht ist, wie wir es uns wünschen würden.“ Wissenschaftlich erwiesen sei die Wichtigkeit von Farbkontrasten in der Gestaltung, um Menschen mit Seh-Einschränkung zu unterstützen.

Bei der Farbauswahl sei zu erkennen sei, dass Farben unterschiedliche Bedeutungen für den Einzelnen haben und dass diese Bedeutung sowie Vorlieben auch im Alter erhalten bleiben, unabhängig von aktuellen Trends, so Gradinger’s Erfahung. 

Resümierend betont Gradinger, dass ein gewerkeübergreifendes Denken und Handeln bei der Konzeptionierung von Licht, Bodenbelägen und Farben, aber auch akustischen Maßnahmen – so wie beispielsweise von Caparol, Forbo und Waldmann praktiziert – ein großer Vorteil für die Klienten sei.

Anm. d. Red.: Auch wir als Feng-Shui-Experten bekommen immer wieder die dankbare Rückmeldung von Klienten, dass das frühzeitige gemeinsame Planen z.B. im Dialog mit dem Architekten bzw. anderen Planern es ermöglicht, die verschiedenen, individuel förderlichen Aspekte von Anfang an zu kombinieren und ganzheitlich wohltuende Resultate zu erzielen.

Dazu passt auch die Aussage von Thomas Deutsch, tätig im Objektmanagement bei Forbo Flooring (textile und elastische Bodenbeläge):

„Wenn der Architekt und Innenarchitekt die Möglichkeit hat, mit dem unmittelbaren Nutzer, Investor und Betreiber sowie den entsprechenden weiteren konzipierenden und ausführenden Partnern direkt in den Dialog zu treten und zu planen, könne so etwas Gelungenes entstehen, wie die beiden vorgestellten Pflegeeinrichtungen. Aber wir erleben leider in der Praxis sehr viel Anonymität, auch in der Realisierung. So werde der große Vorteil einer frühzeitig gemeinsamen Planung bisher oft noch nicht genutzt.”

Zum Einsatz natürlicher Materialien führt Deutsch das seit 165 Jahren bewährte „Forbo Marmoleum/ Linoleum“ an. Es sei das einzige CO2-neutrale Produkt auf dem Markt der Bodenbeläge und könne auch im Bereich Nachhaltigkeit und Hygiene punkten: So habe Linoleum u.a. natürliche bakteriostatische Eigenschaften. 

Deutsch’s Fazit könnte den Kongress – und auch die Idee vieler Feng-Shui-Planer – nicht besser zusammenfassen: Lange Zeit habe der allgemeine Fokus vorrangig auf der Gebäudehülle z.B. mit all ihren Dämm-Möglichkeiten gelegen, gleichwohl sei der Blick auf das Raumklima im Gebäude und die Wohlfühlatmosphäre ebenso wichtig. 

Fazit:

„Das Wissen um all diese Möglichkeiten in die Welt zu bringen, um unsere Pflegeheime besser zu machen – das muss unser Anspruch sein“, resümiert Dr. Stefan Arend und formuliert das Besondere an diesen beiden Projekten als exemplarischen Wegweiser: Den Mut und die Energie zu haben, andere Lösungen als die „sonst eingefahrenen“ in einem Prozess zwischen Planung und Betreibung zu finden, dazu zu stehen und sie zu realisieren – das ist entscheidend! 

Mehr Informationen über die Autorin:  www.susanne-eva-oelerich.de

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