Die Gesundheitsversorgung steht weltweit unter großem Druck: steigende Behandlungskosten, demografischer Wandel, mehr chronische Erkrankungen sowie Personalmangel – insbesondere bei Ärztinnen und Ärzten – fordert neue Lösungsansätze. Vor diesem Hintergrund gewinnen erweiterte pflegerische Versorgungsrollen, in denen Pflegefachkräfte bestimmte ärztliche Aufgaben übernehmen, an Bedeutung.
Was bedeutet das konkret?
In den analysierten Studien wurden Aufgaben betrachtet, die traditionell Ärzten vorbehalten sind, darunter:
- Anamnese und körperliche Untersuchung
- Diagnostische Abklärung
- Verordnung von Medikamenten
- Patient:innenaufklärung
Diese Tätigkeiten werden von entsprechend qualifizierten Pflegefachkräften entweder selbstständig oder unter ärztlicher Aufsicht übernommen.
Ergebnisse der Untersuchung
Die Auswertung von 82 Studien mit über 28.000 Teilnehmenden zeigt ein differenziertes Bild:
1. Patient:innenbezogene Endpunkte
- Sterblichkeit und Patientensicherheit werden durch die Übernahme ärztlicher Aufgaben durch Pflegefachkräfte wahrscheinlich nicht negativ beeinflusst; Unterschiede sind gering bis nicht vorhanden.
- Klinische Endpunkte (etwa körperliche und psychische Funktion) können in Einzelfällen leicht verbessert sein.
- Lebensqualität und Selbstwirksamkeit zeigen keine klaren Unterschiede zwischen den Versorgungsformen.
Interpretation: Hochqualifizierte Pflegefachpersonen können versorgungsrelevante Aufgaben auf einem vergleichbar guten Niveau wie Ärztinnen und Ärzte erfüllen, ohne erkennbare Nachteile für zentrale patientenbezogene Outcomes.
2. Versorgungsprozess
- Teilweise leichte Verbesserungen bei Prozesskennzahlen, z. B. Genauigkeit von Befunden, Leitlinienkonformität oder Medikamentenmanagement.
- Positivere Leistungswerte in bestimmten Settings – z. B. herz- und chronisch kranke Patient:innen in ambulanten Pflege-Settings.
3. Kostenaspekte
- Die vorhandene Evidenz ist zu unsicher, um klare Aussagen über Effekte auf direkte Krankenhauskosten zu machen.
- Weder signifikante Einsparungen noch systematische Mehrkosten konnten durchgängig belegt werden.
Kontext und internationale Evidenz
Diese Ergebnisse fügen sich in eine wachsende wissenschaftliche Diskussion:
- Systematische Reviews zeigen, dass erweiterte pflegerische Rollen bei Patientenzufriedenheit, Wartezeiten oder Prozessqualität oftmals positiv wirken, auch im Vergleich zur üblichen ärztlichen Versorgung.
- Meta-Analysen aus anderen Gesundheitsbereichen legen nahe, dass erfahrene Pflegefachpersonen die Qualität der Versorgung verbessern und Kosten reduzieren können, wenn ihre Kompetenzen breit genutzt werden und sie entsprechend qualifiziert sind.
- Herausforderungen bestehen weiterhin in der Integration der Rollen in bestehende Versorgungssysteme, z. B. durch gesetzliche Rahmenbedingungen, Ausbildung und interprofessionelle Zusammenarbeit.
Was bedeutet das für die Pflegepraxis?
Erweiterte pflegerische Rollen können ein wertvoller Beitrag zur Entlastung des ärztlichen Personals und zur Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen Versorgung sein.
Qualifikation und Weiterbildung sind Schlüsselfaktoren für erfolgreiche Implementierung.
Entscheidungsträger benötigen klarere Evidenz zu Kosten-Nutzen-Effekten, um strukturelle Entscheidungen zu unterstützen.