Dr. Donya Gilan ist Psychologin und Expertin für den Themenkomplex Anpassung an Krisen und neue Lebensumwelten. Gemeinsam mit Dr. Isabelle Helmreich leitet sie den Bereich “Resilienz und Gesellschaft” am Leibniz Institut für Resilienzforschung (LIR) in Mainz.

Wann beginnen Menschen eigentlich zu altern? 

Dr. Donya Gilan: Der Mensch ist verschiedenen Lebenszyklen unterworfen; beginnend mit der Geburt, Kindheit, Adoleszenz und Jugend (mit Beginn der Reproduktionsfähigkeit), frühes und spätes Erwachsenenalter sowie Alter, Involution (das heißt natürliche Degeneration von Geweben/Organen) und schließlich endend mit dem Tod.

Auch wenn der Mensch inzwischen seine Lebenserwartung verlängert hat, so erreicht das Individuum bereits im Alter um die 20 den Höhepunkt seiner Blütezeit – danach beginnt für fast alle Organsysteme und Funktionsreserven bereits die Phase einer kontinuierlichen und so gut wie irreversiblen Degeneration von Geweben und Organen.

Wir fangen an zu altern. Physische, psychosoziale sowie akute und chronische Formen von Stressbelastung können den Alterungsprozess verstärken.

Was bedeutet resilientes Altern genau?

Dr. Donya Gilan: Resilient altern bedeutet, die Lebensphase, trotz etwaiger Verluste oder der Beeinträchtigung motorischer und kognitiver Funktionen, geprägt von Freude und Zufriedenheit zu betrachten und zu erleben. Bei Resilienz geht es um einen lebenslangen Lernprozess, der dynamisch ist, Vor- und Rückschritte beinhaltet und sich insbesondere in realen Krisensituationen entwickelt.

Die psychologische Forschung zeigt, dass sich ältere Menschen eher positiven Reizen zuwenden, als dies Kinder und jüngere Erwachsene tun. Insgesamt wird dabei sowohl ein höherer Grad an Wohlbefinden als auch eine gute Lebensqualität festgestellt.

Dementsprechend überrascht es nicht, dass die Kennzahl des Auftretens von Depressionen älterer Menschen nicht über der Depressionshäufigkeit jüngerer Erwachsener liegt. Bisherige Forschungsergebnisse lassen also darauf schließen, dass ältere Menschen durchaus sehr widerstandsfähig gegenüber Widrigkeiten und Stressoren sein können. Bestätigt werden kann dieser Umstand durch aktuelle Studienergebnisse, die die Resilienz in der Altenbevölkerung im Hinblick auf COVID-19 fokussierten. Die Ergebnisse zeigen, dass etwa einer von fünf Menschen im Alter von 65 Jahren und älter über hohe Resilienz verfügt. Hohe Resilienz nimmt im Umgang mit dem Pandemiegeschehen eine protektive Rolle ein.

Welche Faktoren und Mechanismen tragen maßgeblich zum resilienten Altern bei? 

Dr. Donya Gilan: Allgemein gilt, dass chronischer Stress den Alterungsprozess befördert. Daraus resultiert wiederrum eine Verstärkung der Anfälligkeit altersbezogener Erkrankungen. Gesteigerte Alterungszeichen können dann mit Erkrankungen von Gehirn, Muskulatur, Gelenken oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen einhergehen. Stressinterventionen wie Verhaltensänderung, mediative Relaxationsverfahren sowie Achtsamkeitstrainings oder aber auch gesunde Ernährung können solche biologischen stressbezogenen Alterungserscheinungen abmildern.

Im Hinblick auf konkrete Faktoren, spielt die kognitive Flexibilität eine entscheidende Rolle.

Dazu gehört die Akzeptanz über die veränderte Lebenssituation und die persönliche Gesundheit.

Entscheidend ist dabei, dass nicht die eigene Vergangenheit, in der die Gesundheit in den meisten Fällen besser war, als Vergleichsmaßstab herangezogen wird. Ganz im Gegenteil verwenden die meisten älteren Menschen den sogenannten Abwärtsvergleich, wonach man sich eher mit Menschen vergleicht, denen es mindestens genau so schlecht wie einem selbst geht. Für den Fall eines Sturzes kann beispielsweise allein der Gedanke, den Sturz im Gegensatz zu anderen ohne größere Folgeschäden überlebt zu haben, zu einem verbesserten Lebensgefühl beitragen. Ein weiterer Faktor, der nicht unerwähnt bleiben darf, ist der sogenannte Positivitätseffekt.

Im Gegensatz zu jüngeren Menschen, richten Ältere ihre Aufmerksamkeit eher auf die positiven Dinge des Lebens, was wiederrum zu dem Effekt führt, dass vor allem positive Ereignisse im Gedächtnis bleiben. 

Des Weiteren ist gerade im Alter die soziale Unterstützung wichtig, unabhängig davon, ob es sich um private (Familie, etc.) oder professionelle (Ärzte, etc.) Unterstützung handelt oder um emotionale (zum Beispiel Trost durch Freunde), instrumentelle (zum Beispiel Hilfe beim Einkaufen durch Nachbarn) oder informationelle (zum Beispiel guter Rat durch Freunde) Unterstützung.

Können Sie uns ein paar konkrete Beispiele nennen, bei denen Resilienz im Alter auftretende Einschränkungen kompensiert hat beziehungsweise altersabhängige Krankheiten verlangsamt werden konnten? 

Dr. Donya Gilan: Bei einem Herzinfarkt zum Beispiel hilft allein schon der Gedanke, den Herzinfarkt im Gegensatz zu anderen überlebt zu haben, das eigene Lebensgefühl zu verbessern. Auch die Ausrichtung der Aufmerksamkeit eher auf das Positive konnte nachweißlich die körperliche Gesundheit verbessern, vor allem indem das Immunsystem gestärkt wurde.

Gerade optimistische, ältere Menschen weisen ein widerstandsfähigeres Immunsystem auf. Und generell konnten Optimisten Herzoperationen besser hinsichtlich unangenehmer Gefühle, Schmerzen und Einschränkungen bewältigten.

Es lässt sich feststellen, dass der Lebensstil des Einzelnen insgesamt einen großen Einfluss hat: Wer relativ gesund, körperlich aktiv, sozial gut eingebunden und zufrieden ist, erhält sich seine kognitive Leistungsfähigkeit länger und kann diese durch Training sogar noch verbessern.

Kann man Resilienz lernen? Und wie kann man Resilienz lernen? 

Dr. Donya Gilan: Ja, es ist generell möglich, die eigene Resilienz zu trainieren, auch im fortgeschrittenen Alter. So besitzt unser Gehirn die Fähigkeit (auch im höheren Alter), sich zu verändern und neue Zellverbindungen im neurologischen Netzwerk auszubilden. Diese Neuroplastizität macht das lebenslange Lernen erst möglich. 

Somit kann jeder zu jedem Zeitpunkt des eigenen Lebens durch das Wissen und Trainieren von Resilienzfaktoren neue Resilienzfähigkeiten und -fertigkeiten erlernen.

Wichtig ist hierbei, dass Resilienzfaktoren keine Mechanismen sind, die von heute auf morgen erlernt werden können. Es ist vielmehr ein lebenslanger Lernprozess, der in jeder Lebensphase angestoßen werden kann. Dieser lebenslange Lernprozess beziehungsweise die vorhandene Lebenserfahrung kann als Grund verstanden werden, warum ältere Menschen eine hohe Resilienz besitzen.

Das Krisenmanagement älterer Menschen führt dazu, dass Naturkatastrophen oder eben auch Krisen wie die anhaltende Pandemie widerstandsfähiger durchlebt werden. Bestärkt wird dies durch Befunde, die zeigen, dass ältere Menschen eigene Bedürfnisse in krisenhaften Zeiten eher zurücknehmen können und dennoch besser darin sind, ihre Zufriedenheit aufrechtzuerhalten.

Zusätzlich ist die Resilienz und das, was der Einzelne braucht, um gesund zu altern, individuell sehr verschieden. Es gibt nicht das eine Rezept, das jedem hilft, sondern jeder muss für sich herausfinden, was er benötigt und was ihm guttut, um auch in der verbleibenden Lebensspanne Erfüllung und Lebenssinn zu finden.

Was kann jeder Einzelne von uns selbst tun, um resilienter zu werden beziehungsweise resilienter zu altern? 

Dr. Donya Gilan: Zu Beginn muss ich hervorheben, dass es sich lohnt, weiterhin aktiv zu bleiben und an den persönlichen Resilienzfaktoren zu arbeiten, denn in jedem Alter können noch positive Veränderungen stattfinden.

Wirkungsvolle Strategien für einen besseren Umgang mit Stress sind zum Beispiel eine optimistische Grundhaltung, eine konstruktive Emotionsregulation und Problemlösefähigkeit sowie den Sinn im Leben zu finden.

Darüber hinaus haben zum einen körperliche Aktivitäten und Pflege sozialer Netzwerke, zum andern auch Freude, Hoffnung und Verfolgung von Zielen sowie die Entwicklung einer akzeptierenden und dankbaren Haltung einen positiven Einfluss auf die seelische Gesundheit und fördern damit die eigene Resilienz. Persönliche Rituale wie Beten, Meditation, Yoga wirken stabilisierend, Glaubenswerte beeinflussen die Gedankengänge und geben Orientierung. Darüber hinaus kann durch eine Fokussierung auf positive Erlebnisse eine optimistische Grundhaltung (weiter-)entwickelt werden. Die Reflexion über die erfolgreiche Bewältigung stressvoller Ereignisse oder über die Gründe für Erfolge und Misserfolge sind hierbei gute Anhaltspunkte. Die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten, die zur Bewältigung von schwierigen Situationen führten, sollten sich zusätzlich bewusstgemacht werden. Auch mittels eines Netzwerkchecks können wir uns beispielsweise bewusst machen, wer uns in unserem Umfeld (Familie, Arbeit, Nachbarn/Vereinskollegen, Freunde) bei Bedarf Hilfe und Unterstützung geben kann; anders formuliert, auf welche Menschen/Freunde wir bei Bedarf zurückgreifen können. Wir können das Netzwerk auf zwei Arten verändern: Zum einen vorhandene, aber „eingeschlafene“ Kontakte wieder aktivieren, andererseits neue Kontakte (auch über Altersgrenzen hinweg) offline/online erschließen. Zum Beispiel durch Gruppenangebote (Sportgruppe, etc.), Weiterbildungen (zum Beispiel Seniorenstudium, etc.), Mitgliedschaft in einem Verein (Bibelkreis etc.), ehrenamtliches Engagement (in einem Verein, etc.) oder auch die neuen Medien (zum Beispiel Diskussionsforen im Internet).

Was sind die nächsten Schritte/Ziele Ihrer Resilienzforschung?

Dr. Donya Gilan: Auch wenn wir bereits einige Ergebnisse präsentieren können, existieren bisher nur wenige Studien, die die Resilienz im Alter sowie mögliche Einflussfaktoren thematisieren.

Weitere Forschung ist dringend notwendig, um die Risikogruppe an älteren Menschen mit niedriger Resilienz in den Blick zu nehmen. Zukünftige Studien müssen ebenso ältere Menschen mit einem stärkeren Belastungserleben in den Fokus nehmen.

Gedacht sei hier an Stressoren wie Altersarmut, Pflegenotwendigkeit, der Umzug in ein Pflegeheim, der Verlust geliebter Personen sowie Einsamkeit. 

Als Teil der Leibniz Gemeinschaft arbeiten aktuell fünfzehn Leibniz-Partnerinstitute zusammen, um eine interdisziplinäre und kooperative Forschungsagenda für das Altern zu entwickeln und umzusetzen. Der Forschungsverbund Resilientes Altern untersucht mitunter Mechanismen, wie Menschen trotz fortschreitender Alterungsprozesse funktionell so gesund bleiben, dass sie bis ins hohe Alter körperlich, psychisch und sozial am Leben partizipieren können. In Mainz beschäftigt sich das Zentrum für psychische Gesundheit im Alter unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Andreas Fellgiebel mit dem Thema „Resilienz und Gesundes Altern“. Das Centre of Healthy Ageing (CHA) ist ein virtuelles Forschungszentrum, das Forscher diverser Disziplinen zusammenbringt, um gesundes Altern zu fördern und altersbedingten Krankheiten vorzubeugen und sie zu behandeln, indem Grundlagen- und klinische Forschung miteinander verbunden werden.

Gemeinsam sind diese beiden Bereiche der Schlüssel zu wirksameren Präventionsstrategien und Behandlungen für altersbedingte Krankheiten, die allen Menschen helfen, ein hohes Alter bei guter Gesundheit zu erreichen.

Herzlichen Dank!

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