“Wir geben mobilitätseingeschränkten Personen im Pflegebereich mit Virtual Reality die Chance, für einen Moment Orte zu besuchen, die längst unerreichbar schienen.”

Homepages des Netzwerks Medien&Pflege (Maywood Media).

Dahinter steht das Magdeburger Team von Roxana Hennig. Gemeinsam arbeiten sie daran, neue Technologien rund um Virtuelle Realität an Bewohner*innen von Pflegeeinrichtungen zu tragen. So z. B. an interessierte Tester*innen der Tagespflegeeinrichtung Stadtfeld GmbH. Auf diese Weise möchten Roxana Hennig und Co. Freude, Unterhaltung und Teilhabe fördern. Welche Potentiale bringt die Vereinigung von Medien und Pflege konkret mit sich? Worauf ist bei der Implementierung dieser neuen Technik in Pflegeeinrichtungen zu achten und auf welche Studienergebnisse können sich Teams wie das von Maywood Media stützen? Dieser Beitrag nimmt sich diesen Fragen einmal an. 

Was ist Virtuelle Realität? 

Sicherlich lohnt sich zu Beginn ein Blick auf die Begriffsklärung. Was kann unter Virtueller Realität eigentlich verstanden werden? Virtuelle Realität (auch: Virtual Reality oder kurz: VR) kann als eine Wirklichkeit verstanden werden, die computergeneriert ist. Dabei wird mit 3D-Bildelementen und verstärkt auch mit Tonspuren gearbeitet. Bei der Übertragung von Bild und Ton kann nach Projektionsfläche unterschieden werden: Während bei  “Cave Automatic Virtual Environment”/ CAVE speziell dafür ausgelegte Räume bespielt werden, kommt bei “Head-Mounted-Display”-Lösungen eine Video- bzw. sogenannte “VR-Brille” zum Einsatz. Zu unterscheiden von Virtual Reality ist Mixed Reality. Hierbei werden entweder die Realität oder die Virtualität erweitert. Es kommt also zu einer Überlappung der realen und der virtuellen Welt. Diese Technologie wird auch Augmented Reality genannt. Mittels Datenbrille lässt sich z. B. durch die normale Realität laufen, welche durch virtuelle Elemente oder Effekte ergänzt wird. 

Virtuelle Wandertour durch die Sächsische Schweiz

Das Team von Roxana Hennig arbeitet mit VR-Brillen. Durch diese können sich die Rezipient*innen kurze Filme ansehen, ergänzt durch Geräusche, Klänge und mitunter auch durch Kommentarspuren. Einen guten Einblick in den Einsatz der VR-Brillen und das Sammeln des Rohmaterials für die VR-Videos bekommen Sie z. B. hier: 

https://www.youtube.com/watch?v=jgZil5zFSzA

(Youtube, 03.03.2020, Kanal: “Einfach genial”, das MDR-Erfindermagazin) 

Deutlich wird hier wie sehr die VR-Brillen und – Filme die Besucher*innen der Magdeburger Tagespflege faszinieren. Eine sehr willkommene Abwechslung, so scheint es. Zumindest für jene, die sich -wahrscheinlich von Hause aus offen für Neues und Technik- für einen Test der Brillen begeistern konnten. So z. B. zwei Damen, die aufgrund körperlicher Einschränkungen nicht mehr auf ausgedehnte Wandertouren gehen können. Da kommt ein VR-Video durch die Sächsische Schweiz für die beiden gerade recht. Sie tauschen sich während und nach der Tour über das Erlebte aus, teilen Eindrücke und Gefühle. Gekonnt begleitet und angeleitet eröffnet smarte Technik im Pflege-Kontext also durchaus auch Türen in der “Ist-Welt”, regt Kommunikation und das Miteinander an. Während die beiden Damen sitzend durch die Sächsische Schweiz wanderten, besteht natürlich auch die Möglichkeit diese Touren aktiver zu gestalten. Selbstredend setzt dies einen geschützten Raum voraus, ohne Stoß-, Stolper- und Stoßquellen. Letztlich muss die Anwendung auf die Anwender*innen abgestimmt werden. Sind beispielsweise leichte Gleichgewichtsstörungen abzusehen, ist wohl eine Anwendung der VR-Brillen im Sitzen und sowieso die Unterstützung einer Hilfsperson an der Seite ratsam. 

Gesteigerte Motivationen für’s Training durch VR

Sanfte Berieselung und Unterhaltung sind eine Möglichkeit VR im pflegerischen Kontext zu nutzen. Eine andere ist es diese Technologie für Motivationszwecke einzusetzen, z. B. im Rahmen  körperlicher Trainingseinheiten. Dies dachten sich auch das Kopenhagener Seniorenzentrum „Akaciegarden“ in Zusammenarbeit mit der Aalborg University, Dänemark. Zusammen haben diese beiden Institutionen eine Studie erarbeitet, dessen Grundlage die Illusion von szenischen Landschaften war. In diese 360-Grad-Bilder der schönen Landschaften konnten die Teilnehmer*innen mittels VR-Brillen eintauchen und nebenher auf dem Ergometer fleißig in die Pedale treten. Ziel war es Trainingseinheiten für die Bewohner*innen des Seniorenzentrums kurzweiliger und vergnüglicher zu gestalten. Das Team hatte Erfolg und konnte verzeichnen, dass die Teilnehmenden die Erfahrung durchaus als motivierend empfanden, also gerne wieder aufs Ergometer steigen würden. Alternativ wurde das Training durch Flatscreens ergänzt. Deren Bilder und Effekte kamen an die VR-Technik allerdings nicht heran und wurden als unrealistischer und daher auch weniger motivierend empfunden. 

Mehr Details zur Kopenhagener Studie: 

“In Kooperation mit Physiotherapeuten hat er [der Studienautor Jon Ram Bruun-Pedersen] eine Studie durchgeführt, in der in einem ersten Schritt große TV-Schirme vor den Heimrädern im Fitnessraum aufgestellt wurden. Während die älteren Teilnehmer auf dem Heimtrainer saßen, fuhren sie durch virtuelle Landschaften. Die 21 älteren Semester, die an der Studie teilnahmen, fuhren wahlweise durch Parks auf Straßen durch Felder auf Berge oder durch verschneite Wälder. […] Die Räder waren mit den Bildschirmen verlinkt, sodass die Tretgeschwindigkeit auch mit jener korrelierte, mit der die Bilder auf dem TV-Schirm vorbeizogen. “Die Studie hat gezeigt, dass die Senioren sehr glücklich über diese Erfahrung waren”, erklärt Bruun-Pedersen. Im nächsten Teil der Studie wurde das Erlebnis der Teilnehmer nochmals intensiviert. Der Forscher rüstete die Senioren mit Virtual-Reality-Brillen von Google aus – 360-Grad-Naturgefühl inklusive. Wenn man den Kopf dreht, dann dreht sich auch die Landschaft mit.” 

20.10.2016 (Quelle)

Möglichkeiten in neuen Dimensionen 

Durch Virtuelle Realität gewinnen Möglichkeiten der Beschäftigung und Alltagsgestaltung in (Tages-)Pflegeeinrichtungen buchstäblich an Dimension. Nebst niedrigschwelligen Tagesausflügen und effektreichen Traningseinheiten können körperlich eingeschränkte Menschen beispielsweise leichter an Zusammenkünften im virtuellen Raum teilnehmen und auf diese Weise Seminare, Lesungen, Konferenzen, Konzerte, Kurse, Lesungen und vieles mehr besuchen. Mit Blick auf den Ausbruch des Covid-19-Virus und den damit einhergehenden verschärften Restriktionen für und gegenüber Pflegeheimbewohner*innen, kommt Virtueller Realität und den damit verbunden Möglichkeiten eine noch bedeutendere Rolle zu. VR als Brücke aus der Isolation, Einfalt und Einsamkeit heraus also. 

Für Pflegende stellt die VR-Technologie eine wertvolle Erweiterung der Arbeitsmittel dar, denn sie eignet sich sehr gut für die Erinnerungsarbeit, Biografiearbeit, Aktivierung aber auch Entspannung und damit Schmerztherapie der Bewohner*innen. Die Gestaltungsfreiheit der Sessions ist groß und kann bzw. muss individuell bearbeitet werden. Sehnt sich z. B. ein*e Bewohner*in in die alte Heimat zurück, möchte alte (oder neue) Reiseziele oder Situationen besuchen bzw. aufleben lassen? Mit VR ist es möglich. Auch unliebsame Alltagssituationen können virtuell und sicher trainiert werden, beispielsweise das Überqueren von sehr beschäftigen Straßen. Mit Training kommt Selbstvertrauen und damit eine höhere Zuversicht was auch Aktivitäten draußen in der Welt betrifft. Bei allem Potential ist eine entsprechende Schulung des Kollegiums allerdings sehr wichtig. Nur so kann eine angemessene Begleitung der Nutzung von VR-Geräten gewährleistet und eine Balance von Technik und Sozialkontakt hergestellt werden. 

VR-Lösungen für die Pflege stecken noch in den Kinderschuhen

Das eingangs erwähnte Team um Roxana Hennig bietet mittlerweile ein umfassendes Produkt- und Servicepaket für die Pflege an. Interessierte können dieses hier abrufen: www.remmy-vr.com. In den USA und Kanada, wo der VR-Markt bereits etwas weiter entwickelt ist, gehören u. a. die Unternehmen Rendever sowie AppliedVR zu den bekannten Anbietern. 

Quellen:

https://rendever.com/team/
https://appliedvr.io
https://www.pressetext.com/news/20161020006
https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/virtuelle-realitaet-54243
https://www.youtube.com/watch?v=jgZil5zFSzA


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