Seit 1986 ist Dr. Regina Dahmen-Ingenhoven (drdi) freiberuflich tätig mit dem Schwerpunkt Interior und Design für Klinik, Praxis und Wellness. Die Promotion „Animation – Freizeit- und Vergnügungsarchitektur im 21. Jahrhundert“ entstand während der wissenschaftlichen Assistenz am Lehrstuhl für Entwerfen von Hochbauten und Industriebauten bei Herrn Prof. Fritz Eller an der RWTH Aachen. 

Bei fast allen Projekten unterscheiden sie sich durch Traumwelten im Aufbruch, Anderswelten, Märchenhaftigkeit und Verzauberung. Fantasie ist der Traum von einer besseren Welt.

Vor allem im Bereich Health and Beauty konnte sich das Büro etablieren. Das Aufgabengebiet erstreckt sich von der Gesamtkonzeption über Corporate Identity und Möbeldesign sowie Einrichten des medizinischen Equipments. Die Philosophie des Düsseldorfer Büros: „Make the People feel good“ aber auch der Funfaktor dürfen nicht fehlen. Die Gestaltung orientiert sich stark an den Bedürfnissen und Aufgabenstellungen des Auftraggebers. Dies erfolgt in direkter Zusammenarbeit, d.h. die Philosophie des Nutzers wird in das Designkonzept integriert. Insofern versteht sich die Innenarchitektur – insbesondere im Gesundheitswesen – als Teil eines Therapiekonzeptes, welches eine Umgebung schafft, die positive Gefühle auslöst.

Warum ist Gestaltung im Gesundheitswesen für Sie mehr als reine Funktion?

Dr. Regina Dahmen-Ingenhoven / Michael Reiß: Für unser Büro ist Gestaltung immer mehr als reine Funktion, weil Räume nicht nur Abläufe organisieren – sie beeinflussen direkt, wie Menschen sich fühlen. In einer hausärztlichen Praxis kommen Patient:innen oft mit Stress, Unsicherheit oder Sorge. Wenn ein Raum Schutz, Orientierung und Ruhe vermittelt, wirkt das sofort entlastend.

Wir sprechen in diesem Zusammenhang von „Healing Architecture“. Sanftheit ist ebenfalls ein Markenzeichen. Wir sehen Räume, die den Menschen mit Schönheit und Freundlichkeit empfangen. Architektur kann nicht nur das Wohlbefinden steigern, sondern auch heilen.

Beschreiben Sie bitte Ihren Gestaltungsansatz „Gimme Shelter, Green Therapy“?

Dr. Regina Dahmen-Ingenhoven / Michael Reiß:  Das Projekt „Gimme Shelter, Green Therapy“ ist in Kooperation mit dem Architekten Michael Reiß entstanden. Uns verbindet nicht nur eine mehr als 30jährige Freundschaft, sondern auch eine kollegiale und inhaltliche Ergänzung im Entwurfsprozess und Architekturdiskurs. Aus seiner Kompetenz und Erfahrung in internationalen Projekten sowie seinem Engagement für Baukultur und Architekturvermittlung erwachsen konzeptionelle Klarheit und hohe Umsetzungsstärke. Gemeinsam bündeln wir unsere kreativen Synergien, um ganzheitliche Lebensräume zu schaffen und innovative Konzepte zu entwickeln, die gesellschaftliche, ökologische und ökonomische Werte vereinen. 

Unser Ansatz „Gimme Shelter, Green Therapy“ verbindet zwei zentrale Prinzipien: Schutz und Naturwirkung. „Gimme Shelter“ bedeutet: Wir schaffen Räume, die Halt und Sicherheit geben – durch klare Wegeführung, gute Akustik und eine Atmosphäre, die anders ist als die Realität. 

Welche Rolle spielt das Wohlbefinden der Patient:innen im Entwurfsprozess?

Dr. Regina Dahmen-Ingenhoven / Michael Reiß: Das Wohlbefinden der Patient:innen ist für uns ein zentrales Entwurfskriterium – gleichrangig mit Hygiene, Funktion und Wirtschaftlichkeit. Wir planen konsequent entlang der Patient Journey: vom ersten Moment beim Betreten bis zum Verlassen der Praxis.
Dabei fragen wir uns in jeder Phase: Wo entsteht Stress, wo braucht es Rückzug, wo braucht es Klarheit? Wenn Räume Menschen emotional stabilisieren, verbessert das auch Kommunikation, Compliance und Vertrauen – und genau das ist in der Hausarztmedizin entscheidend. 

Die Botschaft, die aus jeder Ecke spricht: Alles ist gut. Wer diese Insel der Ästhetik verlässt, fühlt sich so leicht und mit sich im reinen, wie eine Seifenblase in der Luft. Der Energiefluss wird durch nichts behindert oder gestört. Das Ambiente öffnet Herz und Seele und zaubert ein Lächeln auf die Gesichter der Patient:innen.

Wie setzen Sie biophiles Design konkret in Praxisräumen um?

Dr. Regina Dahmen-Ingenhoven / Michael Reiß: Der Begriff Biophilie (altgriech. bios „Leben“ und philia „Liebe“) bezeichnet die angeborene Verbindung zur Natur. Wir setzen biophiles Design nicht als Dekoration ein, sondern als System. Zurück in die Zukunft: Zurück zu unseren Wurzeln. Wir haben uns diese Bewegung zu eigen gemacht mit unserer Architekturkonzept. Denn nach Erich Fromm ist „die Biophilie die leidenschaftliche Liebe zum Leben und allem Lebendigen“ (1964). Das Grundbedürfnis des Menschen zur Natur, zu einer natürlichen Umwelt wird gestärkt durch die biophile Architektur, die auf vielfältige Weise gekennzeichnet ist durch die Verbindung zur Natur. Dazu gehören u.a. die großen, grünen Pflanzen, die sanften Farben, der glücksbringenden Regenbogen, der Kolibri, der die Freude und auch das Glück symbolisiert. Die Pflanzen sind gezielt und pflegegerecht im Entwurf integriert und nicht nur „grünes Beiwerk“. Die Rückbesinnung auf diesen ursprünglichen Wert, die Natur als das Lebenselexier des Menschen soll unsere Zukunft sein.

Welche Bedeutung haben Licht, Farbe und Material für Heilung?

Dr. Regina Dahmen-Ingenhoven / Michael Reiß: Wir priorisieren Tageslicht und schaffen blendfreie Lichtstimmungen ergänzt um künstliche Lichtquellen: Healing Light ist kein technischer, sondern ein atmosphärischer Ansatz. Fein schimmernde Oberflächen und gezielt gesetzte Lichtreflexe – wie das Regenbogenlicht, das im Wartebereich ein naturnahes Erlebnis erzeugt – verleihen den Räumen eine besondere Leichtigkeit. Der subtile Glanz wirkt gleichzeitig beruhigend und belebend. Durch Reflexion entsteht Lebendigkeit. Ein harmonisches Zusammenspiel handwerklich verarbeiteter Materialien schafft eine sinnliche, warme Atmosphäre. Tastbare Oberflächen und abgestimmte Farbtöne fördern ein Gefühl von Vertrautheit – eine Umgebung, in der man sich wohlfühlen kann. 

Was war die größte gestalterische Herausforderung im Projekt?

Dr. Regina Dahmen-Ingenhoven / Michael Reiß: Die größte Herausforderung ist oft die Balance: Wir müssen medizinische Anforderungen, effiziente Abläufe und ein beruhigendes Raumerlebnis gleichzeitig erfüllen – und das unter Budget- und Bestandsbedingungen. Gerade im Bestand sind Tageslicht, Akustik und Wegeführung häufig die größten Hebel. Unsere Aufgabe ist dann, nicht nur „schön zu gestalten“, sondern strukturell zu verbessern: Zonen zu klären, Geräusche zu reduzieren, Licht sinnvoll zu führen und Materialien so einzusetzen, dass sie langfristig robust und gesund sind.

Wie reagieren Nutzer:innen auf die Räume im Alltag?

Dr. Regina Dahmen-Ingenhoven / Michael Reiß: Wir erleben im Alltag sehr klare Rückmeldungen: Patient:innen fühlen sich schneller ruhig, sicher und gut aufgehoben. Viele sagen, dass die Praxis „nicht nach Arztpraxis“ wirkt – im positiven Sinn, weil sie weniger Stress auslöst. Die Patient:innen haben das Gefühl Ihre Welt hinter sich zu lassen und sind in eine neue getaucht – fremd und doch seltsam vertraut.

Auch Mitarbeitende profitieren stark: bessere Akustik, klare Abläufe, weniger visuelle Unruhe und ein Umfeld, das nicht dauerhaft ermüdet. Das wirkt sich auf Konzentration, Zufriedenheit und Teamstabilität aus – und ist damit auch ein wichtiger Faktor für nachhaltige Arbeitsbedingungen. 

Was unterscheidet Ihre Arbeit von klassischen Praxisgestaltungen?

Dr. Regina Dahmen-Ingenhoven / Michael Reiß: Klassische Praxisgestaltung ist oft stark funktions- und produktorientiert: robust, sauber, effizient – das ist wichtig, aber nicht ausreichend. Wir gehen einen Schritt weiter und verbinden Funktion mit Wirkung. Wir verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz, der Architektur als Teil des Heilungsprozesses begreift (Healing Architecture) und Longevity als Leitprinzip mitdenkt: Räume, die Gesundheit stärken, Regeneration fördern und langfristiges Wohlbefinden unterstützen. Raumkunst, die beschwingt, erhebt, verführt und Luft zum freien Atmen lässt. 

Was wünschen Sie sich, dass Menschen beim Betreten Ihrer Räume empfinden?

„Leben ist nicht genug, sagte der Schmetterling. Sonnenschein, Freiheit und eine kleine Blume muss man auch haben.“

Hans Christian Andersen

Fotos Projekt: Holger Knauf

Foto Regina Dahmen-Ingenhoven und Michael Reiß: Beate Steil

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