Marc Wallert, 1973 geboren in Göttingen, erlangte 1999 zwei Masterabschlüsse im Wirtschaftsbereich (M.Sc., MBA). Im Jahr 2000 überlebte er eine Entführung nach 140 Tage Geiselhaft im philippinischen Dschungel. Bis 2019 war er 17 Jahre lang als Berater, Projektmanager und Führungskraft in internationalen Unternehmen (PwC, Renault, Ottobock) tätig. Heute ist er Resilienz-Trainer, Vortragsredner, Bestsellerautor und glücklicher Familienvater. In Vorträgen und Trainings inspiriert er Menschen und Organisationen im erfolgreichen Umgang mit Krisen und Belastungen; https://marcwallert.com/.

Zusammen mit 20 weiteren Geiseln wurden Sie gemeinsam mit Ihren Eltern im Jahr 2000 von Terroristen auf eine philippinische Insel verschleppt und dort für über vier Monate im Dschungel gefangen gehalten. Wie verlief Ihr Leben nach der Befreiung?

Marc Wallert: Mir wurde ein zweites Leben geschenkt. Dafür bin ich bis heute dankbar. Ich habe Frieden und Freiheit als ein großes Geschenk schätzen gelernt. Nach über 15 Jahren Konzernkarriere, inklusive Burnout, folge ich heute meiner inneren Passion und trage meine Erfahrungen im Umgang mit Krisen als Resilienz-Trainer und Redner in die Welt. Und ich habe mir meinen Sehnsuchtswunsch erfüllt, den ich mir damals in mein Dschungeltagebuch geschrieben hatte: „Ein glücklich verliebter Familienvater werden“.

Was war Ihre Überlebensstrategie im Dschungel? Wie konnten Sie diese Situation so lange aushalten?

Marc Wallert: Meine Strategie lautete: Nur nicht den Kopf verlieren! Also positiv blieben, ohne leichtfertig zu werden.

Ich habe mich gerade in schwierigen Zeiten auf das Positive fokussiert.

Und sei es der Sonnenschein an dem Tag. Aber ich habe zugleich auch die Risiken im Blick behalten, zum Beispiel dass wir noch Monate im Dschungel gefangen sein können. Dafür brauchte es viel Geduld und Disziplin.

In Ihrem Buch „Stark durch Krisen“ erläutern Sie effektive Strategien für den privaten und beruflichen Alltag, mit denen man stark durch Krisen kommen und sogar werden kann. Seit Monaten hält uns das Coronavirus in Schach. Auch diese Pandemie ist eine Krise – gesellschaftlich, ökonomisch, sozial. Wie nehmen Sie die Corona-Pandemie wahr und wie gehen Sie damit um?

Marc Wallert: Wir sind Geiseln eines Virus geworden, das unsere Freiheit beschneidet. Wir wissen nicht wirklich, wie sich die Situation entwickelt und schon gar nicht, wann sie enden wird, wenn überhaupt. Diese Unsicherheit ist eine verblüffende Parallele zu meiner Entführung.

Auch heute gilt es für Menschen, nicht den Kopf zu verlieren, sprich positiv zu bleiben ohne leichtfertig zu werden. Nicht leicht, aber effektiv!

Was raten Sie Personen, die sich durch Corona in einer momentanen Phase der Angst und Unsicherheit befinden? 

Marc Wallert: Gerade ältere Menschen haben einen Erfahrungsschatz, der Ihnen in der Krise helfen kann. 

 Es hilft, sich bewusst zu machen, welche Krisen man im Leben schon gemeistert hat und welche Stärken uns dabei geholfen haben, wie zum Beispiel Humor, Durchhaltevermögen, Kreativität oder auch das eigene soziale Netzwerk.

Was können Betroffene gezielt tun und welches Handwerkszeug können Sie ihnen vermitteln?

Marc Wallert: Es gibt zahlreiche Techniken, mit der sich die eigene Resilienz (psychische Widerstandskraft) trainieren lässt. Eine besonders effektive und zugleich leichte ist das Dankesritual. Dabei führt man sich abends drei Dinge vor Augen, die an diesem Tag – egal wie schwierig er war – AUCH positiv waren. Im Dschungel haben wir zum Beispiel für den Sonnenschein gedankt oder auch für den Regen, mit dem wir unsere Wasservorräte auffüllen konnten.

Hauptsache man hat positive Bilder im Kopf, denn so kommt man aus dem ängstlichen Grübeln raus und wird spürbar zuversichtlicher. Das wirkt, nachweislich!

Aus Ihrer Sicht: Wie hat und wird Corona unsere Gesellschaft nachhaltig verändern?

Marc Wallert: Die gemeinsame Herausforderung birgt das Potenzial, die Solidarität in der Gesellschaft zu verstärken.

Allerdings: Während der Zusammenhalt am Anfang der Krise noch groß war, wird er nun durch die Dauer der Krise zunehmend auf die Probe gestellt.

Konflikte sind in dieser Phase unvermeidlich. Wenn wir sie gemeinsam überwinden, kann dies den Zusammenhalt in der Gesellschaft nachhaltig stärken. Nicht leicht, aber möglich!

Was können wir aus dieser Krise für zukünftige Krisensituationen lernen?

Marc Wallert: Jeder erlebt die Krise auf seine Weise. Entsprechend individuell sind die darin liegenden Chancen. Einige haben Entschleunigung erfahren, andere Solidarität.

Dem Bildungswesen gab Corona einen Anschub für längst überfällige Digitalisierungsprojekte.

Aktuell kommt es darauf an zu reflektieren, was wir aus der Krise lernen können, damit wir danach nicht einfach so weitermachen wie vorher.

Herzlichen Dank für die Beantwortung unserer Fragen!

Über das Buch „Stark durch Krisen – Von der Kunst nicht den Kopf zu verlieren“:

Zusammen mit 20 weiteren Geiseln wurde Marc Wallert im Jahre 2000 von Terroristen auf eine philippinische Insel verschleppt und dort für 140 Tage im Dschungel gefangen gehalten. 20 Jahre später erzählt er von Überlebensstrategien und davon, was er aus dieser Erfahrung gelernt hat. Der Dschungel hat ihn nicht kaputt gemacht, doch der Alltag danach hat ihn in einen Burnout getrieben. Um das zu verstehen, hat er sich auf Spurensuche begeben und sich dabei auf die entscheidenden Momente konzentriert – die Krisen. In diesem Buch erklärt er effektive Strategien für den privaten und beruflichen Alltag, mit denen man stark durch Krisen kommen und sogar werden kann. Das Buch (304 Seiten) ist im März 2020 im Econ Verlag erschienen; ISBN 978-3430210294.

Fotos: Privatarchiv Wallert / Studio Mirko Plha / Econ Verlag

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