Oslo begrüßte uns im strömenden Regen. Als wir mit der Straßenbahn über Serpentinen hinauf zum zauberhaft verträumten Hotel Lysebu fuhren, versank die norwegische Hauptstadt in mystischen Nebelschwaden. Es war eine Stimmung, die perfekt zum Land der Trolle und der wilden Natur passt. Sie inspirierte uns von der ersten Minute an, den Blick für das Wesentliche zu schärfen: Verbundenheit, Nähe und das Aufbrechen alter Perspektiven. Die von CareTRIALOG organisierte Studienreise „Nordisch pflegen und wohnen“ führte eine interdisziplinäre Reisegruppe vom 1. bis 3. Juni 2026 nach Süd-Norwegen. Mein persönliches Ziel war es zu erleben, wie das Zusammenspiel aus Healing Architecture, modernen Demenzkonzepten und konsequenter Digitalisierung in der Praxis gelebt wird – und wie wir diese Impulse durch gemeinsame Reflexion und Vernetzung für den deutschsprachigen Raum nutzen können.



Das norwegische System: Vertrauen & Bedarf vor Bürokratie
Nach dem Ankommen und einem Snack gab uns Stefan J. Barfeld einen fundierten Einblick in das norwegische Gesundheits- und Pflegesystem. Der CEO der Bano Group lebt seit 15 Jahren in Norwegen und kennt die feinen, aber gravierenden Unterschiede zu unseren Strukturen. In seiner Wahlheimat ist Pflege eine rein öffentliche, steuerfinanzierte Aufgabe der Kommunen, die gesetzlich in der Pflicht stehen, eine angemessene Versorgung zu gewährleisten. Private, gewinnorientierte Träger gibt es kaum.
Statt starrer Pflegegrade, die in Deutschland oft zu einer Defizit-Orientierung zwingen, liegt der Fokus in Norwegen auf den tatsächlichen, individuellen Bedarfen der Menschen. Es wird gefragt: „Was kannst du noch und was brauchst du, um autonom zu leben?“, statt Einschränkungen oder Diagnosen zu fokussieren. Auch die Finanzierung folgt einer anderen Philosophie. Der Eigenanteil wird nach dem aktuellen Alterseinkommen berechnet (nicht nach dem Vermögen), ein Selbstbehalt verbleibt. Das skandinavische Credo lautet unmissverständlich:
„Wir brauchen nicht zwingend mehr Pflegeheime, wir brauchen bessere Hilfe zu Hause und innovative Formen des betreuten Wohnens.“
Wegen der teilweise enormen räumlichen Distanzen im Land ist dabei eine nahtlose (digitale) Vernetzung aller Akteure elementar. Dennoch gehören Fachkräftemangel, hohe Krankenstände, steigende Fallkomplexitäten und strapazierte kommunale Budgets auch hier zum herausfordernden Alltag. Ein Aperitif und ein kulinarisch herausragendes Abendessen im Hotelrestaurant mit Blick auf die nebeligen Wälder rundeten diesen ersten Tag perfekt ab.

Zwischen High-Tech und Freiheit
Am Dienstag besuchten wir zunächst das Hurum bo- og omsorgssenter im Filtvet.
Diese Einrichtung erinnerte an den klassischen Versorgungscharakter mit Fokus auf diverse, auch schwere physische Einschränkungsbilder. Extrem spannend war für uns die Chance, einen neuen, noch unbewohnten Wohnbereich zu besichtigen. Dabei wurde deutlich, wie massiv und konsequent hier auf Sensortechnologie gesetzt wird, um Bewohnersicherheit und die Entlastung des Personals zu ermöglichen. Zum Einsatz kommen unter anderem Plattformen wie Sensio 365 in Kombination mit RoomMate – einer sensorbasierten Sturz- und Aktivitätserkennung, die via Infrarot-3D-Technologie anonymisiert Alarm schlägt, ohne die Privatsphäre durch Kamerabilder zu verletzen sowie intelligente digitale Pflegebetten (sentida 7-i connect, wissner-bosserhoff GmbH).



Dieses Konzept unterschied sich jedoch grundlegend von den nachfolgenden Stationen der Reise. In den Demenzdörfern leben primär kognitiv eingeschränkte, aber physisch noch sehr mobile Menschen. Obwohl es auch hier das höchste Ziel bleibt, dass Bewohner bis zum Lebensende in ihrer vertrauten Umgebung bleiben können, wird bei fortschreitenden, schweren physischen Einschränkungen ein Umzug innerhalb des kommunalen Netzes diskutiert, damit eine patientenzentrierte pflegerische und medizinische Betreuung sichergestellt werden kann.
Carpe Diem: Architektur integriert Lebensräume
Unsere Weiterfahrt führte uns zum Carpe Diem Dementia Village in Bærum. Die offene nordische Architektur begeisterte uns sofort. Inspiriert vom wegweisenden De Hogeweyk-Modell aus den Niederlanden und als „Gesundheitsimmobilie 2020“ ausgezeichnet, wirkte das Areal wie ein in sich geschlossenes, idyllisches skandinavisches Dorf, das der norwegischen Lebensrealität nachempfunden ist.








Die Bewohner bewegen sich hier frei im Rahmen ihrer individuellen Möglichkeiten und ungezwungen. Es gibt themenspezifische Räume und Treffpunkte, die das Langzeitgedächtnis triggern und soziale Teilhabe aktivieren: einen gemütlichen Pub, eine Werkstatt, eine Outdoorbar, einen großen Fitnessbereich und einen eigenen Supermarkt, in dem der tägliche „Einkauf“ zum selbstbestimmten Ritual wird. Auch die tiefe Verbindung zur Natur und der hohe Stellenwert des Gärtnerns und gemeinsamen „Draußenseins“ waren in jeder Ecke spürbar. Typisch gemütliche norwegische Holz-Unterstände (Gapahuk) und einladende Feuerstellen bieten geschützte Räume zum Verweilen und gemeinsame Zeit mit Angehörigen. Hier wird Architektur zum therapeutischen Begleiter (Healing Architecture), indem sie Reize reduziert, aber Orientierung und Heimat bietet.
Zurück in Oslo erlebten wir einen spannenden Stadtrundgang, lernten viel über die bewegte Geschichte Norwegens und Oslos sowie über die Menschen vor Ort und ließen den Abend im Restaurant Vaaghals bei exzellentem Essen und inspirierenden Gesprächen ausklingen.





Vielfalt auf vier Etagen im Furuset Hageby
Am Abreisetag stoppten wir zunächst nach einigen Minuten Fahrt mit dem Bus am legendären Holmenkollen. Das berühmte Areal um die Skisprungschanze zeigte sich vollständig, nachdem es an den Vortagen im Nebel verborgen war. Ein sprachliches Learning am Rande: Hoppbakke ist ein norwegisches Wort für Skisprungschanze.

Danach ging es zum Furuset Hageby Alzheimer Village direkt in Oslo, geplant von den renommierten Büros NORD Architects und 3RW. Dieses Konzept hat mich komplett überzeugt, zutiefst inspiriert und emotional berührt. Im Gegensatz zum weitläufigen Dorfcharakter in Bærum erstreckt sich diese offene Architektur über vier urbane Ebenen. Die mobilen Bewohner nutzen ganz selbstverständlich und sicher die großzügigen Treppenanlagen – ein Paradebeispiel dafür, wie Architektur Bewegung animiert und physiologische Ressourcen erhält. Die Detailverliebtheit der Raumgestaltung und die gelebte Freiheit sind beachtlich. Die Angebote reichen vom gemeinsamen Werkeln und Gärtnern über ein professionelles Kosmetikstudio, ein integriertes Café bis hin zu einem wunderschönen Dachgarten mit einem endlosen Rundweg ohne verwirrende Sackgassen. Ein Highlight der sozialen Vernetzung: Sogar ein lokaler Motorradclub schaut regelmäßig mit seinen Harleys vorbei, da ein Mitglied frühzeitig an Demenz erkrankte und so im Alltag integriert bleibt.





Damit die Bewohner tatsächlich maximal von diesem Konzept profitieren, führt die Einrichtung vor der Aufnahme ein strukturiertes Assessment zur Passung durch.
Genau wie in Bærum gibt es in Furuset Hageby eigene digitale Welfare Technology Beauftragte. Diese kümmern sich ausschließlich um die Implementierung, die Schulung des Personals, das Schnittstellenmanagement (Kontakt zwischen Mitarbeitenden, IT, Hersteller, Kommune etc.) und Bedarfsanalysen. Auch diese Einrichtung nutzt die Sensio-Plattform für die Zutrittskontrollen und die Positionsbestimmung. Zudem kommt RoomMate mit individuell gesteuerten Benachrichtigungen zum Einsatz. Ob das Aufsetzen oder Aussteigen aus dem Bett, Stürze, laute Geräusche, das Verlassen des Raumes oder ein allgemeines Bewegungsmonitoring im Zimmer – all jene passiven Alarmierungen können präzise auf die individuellen Bedürfnisse des einzelnen Bewohners konfiguriert werden. Ergänzt durch Bewohneruhren, die über Bluetooth zur Lokalisierung, individuellen Zutrittskontrolle für Türen, für passive und aktive Alarme sowie zur Zonenerkennung genutzt werden. Zusammen mit smarten Armbändern inklusive Deeskalations- und Alarmknopf für die Mitarbeitenden sowie GPS-Trackern für Ausflüge außerhalb der Einrichtung läuft diese vielfältige Technik unsichtbar im Hintergrund. Sie ist das Tool, das Freiheit überhaupt erst sicher macht und selbst Menschen mit Frontotemporaler Demenz (FTD) einen anregenden, selbstbestimmten Alltag ermöglicht.
Die Erfahrungen der Einrichtung sprechen für sich und liefern starke Argumente für die Digitalisierung: Die Beobachtungen zeigen kürzere Krankheitsperioden vor dem Tod, eine deutlich höhere Involviertheit der Bewohner und das Entstehen neuer Freundschaften. Die physische Gesundheit verbessert sich durch die intensive Nutzung der Outdoor-Anlagen spürbar. Die Bewohner agieren selbstbestimmter und zeigen mehr Eigeninitiative zur Interaktion mit ihrer Umwelt, mit Tieren und Mitmenschen. Auf der organisatorischen Seite führt das System zu weniger Arbeitsunterbrechungen, einer effizienteren Pflege und einem geringeren Personalbedarf in der reinen Überwachung. Durch direktes Troubleshooting sowie fortlaufende Verbesserungen und Iterationen des Systems und der Regeln wird die Pflegequalität kontinuierlich weiterentwickelt.
Stimmen aus der Reisegruppe
Die Begeisterung spiegelte sich auch in den Stimmen der Mitreisenden wider.
„Besonders beeindruckt hat mich das Projekt Furuset Hageby Alzheimer Village in Oslo. Das Konzept zeigt eindrucksvoll, wie Architektur Menschen mit Demenz mehr Selbstständigkeit, Orientierung und Lebensqualität ermöglichen kann. Insgesamt war die Studienreise eine Inspiration und hat neue Ideen für die Weiterentwicklung von Wohn- und Pflegekonzepten in Deutschland geliefert.“
Jörn Pötting (Pötting Architekten GmbH)
„Für mich war es die erste Studienreise, und sie hat meine Erwartungen weit übertroffen. Neben den innovativen Demenzwohnkonzepten haben mich auch Norwegen und die Stadt Oslo mit ihrer besonderen Atmosphäre beeindruckt. Die Reise war wirklich hervorragend organisiert und ich nehme viele neue Impulse, wertvolle Kontakte und jede Menge Inspiration mit nach Hause.“
Katharina Schoneweg (CARELINE GmbH)
Freiheit & Patientenzentrierung brauchen Innovationsgeist, Mut und Technologie
Bei strahlendem Sonnenschein ließen wir gemeinsam im Restaurant VentiVenti in Tjuvholmen – dem modernen Wohn- und Geschäftsviertel im früheren Hafengebiet Oslos – unsere Eindrücke Revue passieren. Die sprichwörtliche skandinavische Entspanntheit, die Herzlichkeit der norwegischen Mitarbeitenden und das tief verankerte Gefühl von Zugehörigkeit und Unabhängigkeit nahmen wir als wertvollen Proviant mit nach Hause. Die Kombination aus konsequentem Normalitätsprinzip und unsichtbarer digitaler Sicherheit faszinierte uns nachhaltig.

Mich hat diese Reise inspiriert, Räume zu schaffen, die echten Lebensrealitäten ähneln und maximale Freiräume erlauben. Zur ehrlichen Betrachtung gehört aber auch: Solche offenen Konzepte erfordern die absolute Bereitschaft aller Beteiligten – Bewohner, Mitarbeiter, Führungsebene und Angehörige. Denn maximale Freiheit bedeutet in der Praxis eben auch, zu akzeptieren, dass digitale Überwachung Teil von Fürsorge sein kann. Der Einsatz dieser Technologien braucht viel Zeit, engmaschiges Zuhören, Aufbau von Vertrauen, hochwertige Schulungen und Anleitungen, ethische Debatten und Mut, vor allem aber Durchhaltevermögen bei der Implementierung.

Neben all den fachlichen Impulsen war diese Reise dank der exzellenten Kulinarik und Organisation auch ein echter Genuss, der motiviert, genau in dieser Richtung weiterzudenken und mutig nach vorn zu blicken. Die dort erlebbare Symbiose aus Freiraum, Orientierung und skandinavischer Ästhetik hinterließ einen tiefen Eindruck bei allen Mitreisenden. Die Stunden vor meinem Abflug nutzte ich noch für einen Abstecher ins MUNCH-Museum, was den perfekten kulturellen Schlusspunkt unter eine rundum gelungene Reise setzte.


Ein ganz herzliches Dankeschön gilt Tanja Ehret von CareTRIALOG für die herausragend perfekte Organisation und Vernetzung sowie Ruth Kirsti Stie und Johan Hovde von Varodd für die großartige Begleitung, die Vernetzung vor Ort und die unvergesslichen Einblicke in die Pflege der Zukunft.
Fotos: Anne Zeiler