Fabienne Treichel ist diplomierte Lehrperson an der Höheren Fachschule des Berner Bildungszentrums Pflege. Sie verantwortet den Zertifikatslehrgang Disaster Nursing und verfügt über Weiterbildungen in Betriebswirtschaft sowie strategischem Management. Als diplomierte Expertin Anästhesiepflege NDS HF und Rettungssanitäterin HF bringt sie umfassende Praxiserfahrung mit; im November 2026 erscheint zudem das von ihr herausgegebene Fachbuch Disaster Nursing im Hogrefe Verlag.

Welche Auswirkungen haben größere Schadensereignisse oder Katastrophen – beispielsweise die Brandkatastrophe in Crans-Montana – auf die Weiterentwicklung des Gesundheitswesens und der Notfallversorgung in der Schweiz?

Fabienne Treichel: Größere Schadensereignisse führen sowohl bei Fachpersonen als auch in der Bevölkerung zu einer erhöhten Sensibilisierung für die Bedeutung einer funktionierenden Notfallversorgung. Sie machen deutlich, dass auch in der Schweiz jederzeit große Katastrophen eintreten können, die das bestehende Gesundheitssystem erheblich belasten.

In der Folge rücken Themen wie Notfallpsychologie, Resilienz und strukturierte Notfallplanung stärker in den Fokus. Diese werden vermehrt diskutiert und systematisch weiterentwickelt. Gleichzeitig setzen Institutionen gezielt Maßnahmen um, um ihre Vorbereitung und Reaktionsfähigkeit auf außergewöhnliche Ereignisse zu verbessern.

Was versteht man unter Disaster Nursing und welche Aufgaben übernehmen speziell qualifizierte Pflegefachpersonen in diesem Bereich?

Fabienne Treichel: Disaster Nursing umfasst die pflegerische Vorbereitung, Planung und Bewältigung von Krisen- und Katastrophensituationen. Im Zentrum steht dabei weniger die akute Behandlung, sondern insbesondere die organisationale und inhaltliche Vorbereitung auf mögliche Ereignisse.

Disaster Nurses übernehmen innerhalb ihrer Institution vielfältige Aufgaben. Dazu gehören unter anderem die Entwicklung und Umsetzung von Notfall- und Evakuationsplänen, die Sicherstellung der Materialbewirtschaftung, die Schulung von Mitarbeitenden, Patient*Innen und Angehörigen.

Ein wichtiger Aspekt ist die Vorbereitung auf spezifische Szenarien, etwa einen länger andauernden Stromausfall. Dabei müssen unterschiedliche Versorgungssettings berücksichtigt werden: Die Anforderungen in einer Langzeitinstitution mit demenziell erkrankten Menschen unterscheiden sich deutlich von denen in einer ambulanten Pflegeorganisation oder einer Akutklinik.

Besondere Aufmerksamkeit gilt zunehmend der häuslichen Versorgung chronisch kranker Menschen. Viele dieser Personen sind auf medizinische Geräte wie Beatmungsgeräte angewiesen. Dieses Beispiel verdeutlicht die wachsenden Herausforderungen, die bei Ausfällen von Infrastruktur entstehen können.

Welche Kompetenzen sind aus Deiner Sicht für Pflegefachpersonen im Katastrophen- und Großschadensfall besonders wichtig?

Fabienne Treichel: Für den Einsatz in Katastrophen- und Großschadenslagen sind erweiterte Kompetenzen in mehreren Bereichen erforderlich. Dazu zählen insbesondere Kenntnisse in der Organisation von Grossereignissen, Erstversorgung und Triage, ein fundiertes Verständnis in Interprofessionellem und interdisziplinärer Zusammenarbeit, Katastrophenethik sowie Fähigkeiten in Vorbereitung und Planung. 

Ebenso zentral sind Kommunikationskompetenzen, ein hohes Sicherheitsbewusstsein sowie Kenntnisse im Bereich Gefahrenabwehr. Diese Fähigkeiten ermöglichen es Pflegefachpersonen, auch unter außergewöhnlichen Bedingungen strukturiert und effektiv zu handeln.

Welche Herausforderungen treten bei der pflegerischen Versorgung während eines Großschadensereignisses oder einer Katastrophe typischerweise auf?

IFabienne Treichel: n den DACH-Ländern ist die Rolle der Pflege in Katastrophensituationen bislang nur unzureichend und nicht einheitlich geregelt. Im internationalen Vergleich, insbesondere mit Ländern in Asien und Nordamerika, die über jahrzehntelange Erfahrung verfügen, zeigt sich hier ein deutlicher Entwicklungsbedarf.

Dort sind Kompetenzen, Aufgaben und Verantwortlichkeiten von Pflegefachpersonen klar definiert und fest in Notfallabläufe integriert. In den DACH-Ländern hingegen ist bislang primär die Rolle der Notfallpflege in klinischen Settings geregelt, während klare Strukturen für andere Versorgungsbereiche fehlen. Diese fehlende Standardisierung erschwert eine effiziente und koordinierte Versorgung im Katastrophenfall. Die Erstversorgung auf dem Schadenplatz wird durch die Blaulichtorganisationen bewältigt. Die Pflege würde in einem längeren Katastrophenfall zum Einsatz kommen. Wenn man zum Beispiel Notfallzelte, Notunterkünfte aufstellen müsste. In diesem Fall braucht es dringend Pflegepersonal, welches die Betroffenen versorgt und betreut. 

Worin unterscheidet sich pflegerisches Handeln im Katastrophenfall von der regulären Notfallpflege?

Die reguläre Notfallpflege konzentriert sich auf die unmittelbare medizinische Erstversorgung von Patientinnen und Patienten. Sie erfordert ein hohes Mass an Fachwissen, insbesondere in den Bereichen Traumatologie und akute medizinische Notfälle.

Im Gegensatz dazu liegt der Schwerpunkt im Disaster Nursing auf der Vorbereitung, Planung und Organisation. Zwar verfügen Disaster Nurses über grundlegende Kenntnisse in der traumatologischen Erstversorgung, ihr Fokus liegt jedoch stärker auf strukturellen Aspekten wie der Erstellung von Notfallplänen, der interprofessionellen Zusammenarbeit sowie Themen wie Edukation, Katastrophenethik, Resilienz und Notfallpsychologie.

Welche Bedeutung hat die psychologische Erstversorgung im Rahmen von Disaster Nursing – sowohl für Betroffene als auch für Einsatzkräfte?

Fabienne Treichel: Die psychologische Erstversorgung spielt im Disaster Nursing eine zentrale Rolle. Sie dient sowohl der Stabilisierung betroffener Personen als auch dem Schutz der eigenen psychischen Gesundheit der Einsatzkräfte.

Disaster Nurses werden gezielt geschult, ihre eigene Resilienz zu stärken und belastende Situationen zu bewältigen. Gleichzeitig sind sie befähigt, Betroffene in akuten Krisensituationen psychosozial zu unterstützen und die Grundlage für eine weiterführende Betreuung zu schaffen.

Wie können Pflegefachpersonen auf den Einsatz bei einem Massenanfall von Verletzten oder anderen Katastrophenszenarien vorbereitet werden?

Fabienne Treichel: Die Vorbereitung auf Katastrophensituationen erfordert realitätsnahe Übungen und interprofessionelle Zusammenarbeit. Die Durchführung gross angelegter Katastrophenübungen mit Blaulichtorganisationen ist jedoch mit erheblichem finanziellem, organisatorischem und logistischem Aufwand verbunden.

Derzeit werden solche Übungen häufig durch die Armee oder regionale Verbünde verschiedener Organisationen initiiert. Allerdings ist die Pflege in bestehenden Katastrophenplänen bislang nicht durchgehend integriert.

In der Schweiz wurde inzwischen ein Nationaler Aktionsplan entwickelt, der vorsieht, künftig alle relevanten Berufsgruppen, darunter Pflegefachpersonen, Hebammen und Psychologinnen und Psychologen, systematisch in die Katastrophenversorgung einzubeziehen.

Welche Ansätze oder Erfahrungen aus der Schweiz könnten für die Weiterentwicklung von Disaster Nursing in Deutschland oder Österreich interessant sein?

Fabienne Treichel: Ein zentraler Ansatz ist die nationale statt regionale Regelung der Katastrophenversorgung. Ein zu stark föderal geprägtes System kann die Transparenz und Koordination erschweren.

Eine einheitliche nationale Strategie würde es ermöglichen, Standards zu vereinheitlichen und Ressourcen effizienter zu nutzen. Dadurch könnten Fachpersonen aus verschiedenen Regionen gezielt zusammengezogen und eingesetzt werden, ohne dass jede Region eigene Lösungen entwickeln muss.

Ein solches Vorgehen trägt dazu bei, Synergien zu nutzen und die Gesamtleistungsfähigkeit im Katastrophenfall nachhaltig zu stärken. Zudem ist es in Krisen und Katastrophen wichtig die «Köpfe» zu kennen um gezielt Fachexpertise und Ressourcen zu generieren. 

Wo besteht aus Deiner Sicht aktuell der größte Handlungsbedarf in der Ausbildung, Forschung, Organisation oder Gesundheitspolitik?

Fabienne Treichel: Der grösste Handlungsbedarf besteht derzeit insbesondere auf gesundheitspolitischer Ebene, konkret im politischen Willen, nachhaltig in die Gesundheitsversorgung zu investieren. Der präventive Nutzen sowie die Bedeutung belastbarer Strukturen werden nach wie vor unterschätzt, obwohl sie entscheidend zur Bewältigung von Krisen- und Katastrophensituationen beitragen.

Neben Investitionen in Aus- und Weiterbildungsangebote ist es ebenso essenziell, die Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen gezielt zu verbessern. Nur so kann sichergestellt werden, dass Fachpersonen langfristig gesund im Beruf verbleiben und ihre Kompetenzen kontinuierlich einbringen können.

Darüber hinaus besteht ein grosser Bedarf an verstärkter internationaler Zusammenarbeit. Viele Länder verfügen über umfangreiche Erfahrungen in der Katastrophenmedizin und im Disaster Nursing. Dieses Wissen sollte systematisch genutzt, ausgetauscht und weiterentwickelt werden. Eine nationale oder isolierte Entwicklung einzelner Systeme ist weder effizient noch zielführend.

Stattdessen gilt es, fachliche, personelle und finanzielle Ressourcen stärker zu bündeln. Durch koordinierte, überregionale und internationale Ansätze können Synergien genutzt und die Belastung einzelner Systeme reduziert werden. Dies würde nicht nur die Effizienz steigern, sondern auch die Qualität der Versorgung im Katastrophenfall nachhaltig verbessern. Für eine Evidenz gesicherte Forschung braucht es viele Daten, Erfahrungen und vergleichbare Situationen um zu aussagekräftigen Resultaten zu erhalten. 

Herzlichen Dank an Dich für die Beantwortung der Fragen!

Im November erscheint im Hogrefe Verlag ein Fachbuch zu diesem Thema. Fabienne Treichel ist die Herausgeberin.

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