Das Bielefelder Büro für Soziale Architektur ist spezialisiert auf pädagogische Einrichtungen, Wohnungsbau mit Quartiersbezug und inklusive Quartiersentwicklung. Geplant wird in partizipativer Weise: Prozessqualität und Akzeptanz sollen entstehen durch gemeinsame Entwicklungsprojekte – mit Investoren, Mietern und Nutzern. Wir sprachen mit Geschäftsführerin und Architektin Elke Maria Alberts (www.alberts-architekten.de). 

Verfolgt Ihr Büro eine bestimmte Philosophie/Sprache in der Architektur bzw. was kann Architektur/der Architekt bewirken – gerade im sozialen Bereich für vulnerable Gruppen?

Elke M. Alberts: Das Büro alberts.architekten wurde 2007 von mir gegründet. Heute firmiert es unter „Büro für Soziale Architektur und Kommunikation“. Mit unseren Mitarbeitern verwirklicht das Büro Architektur-, Stadt- und Dorfentwicklungs- sowie Klimaschutzprojekte. Unser Büro beteiligt sich an Forschungsvorhaben und bezieht Beteiligungsprozesse, Verfahrenskultur, Innovationsmanagement im Baubereich sowie die nachhaltige Entwicklung in seine Arbeit ein. Wir sind spezialisiert auf die Planung und den Bau pädagogischer Einrichtungen, den Wohnungsbau mit Quartiersbezug und der inklusiven Quartiersentwicklung.

Im Bereich vulnerabler Gruppen empowern wir Menschen, welchen man früher einen besonderen Unterstützungsbedarf zugesprochen hat.

Das sind in Projekten der Stadtentwicklung ehemals Obdachlose, Menschen mit Behinderungen, Zugezogene mit Romno-Hintergrund, marginalisierte Gruppen, denen wir baulich-strukturell die Teilhabe und gesellschaftliche Mitwirkung erleichtern wollen. 

Soziale Architektur bezeichnet grundsätzlich das Bauen und Planen für Gruppen, es ist ein soziologischer Begriff, den wir auf die Prozessarchitektur übertragen. Es beschreibt also eher das Vorgehen als einen bestimmten Architekturstil. Die Prozessarchitektur betrachtet die zwischenmenschlichen Beziehungen genauso wie die Stadtbeziehungen oder die komplexen Gruppenkonstellationen. Sie führt mittels verschiedener Methoden zu gebautem Raum. Das kann im Gegenbeispiel auch einen Entwicklungsprozess für eine Gemeinschaft Gutbetuchter umfassen oder sich um eine Standortsicherung für solche Schulen oder Gemeinden drehen, die zunächst keine sozialen Schieflagen aufweisen. Soziale Architektur betrachtet somit die wechselseitigen Bezüge. Architektur als gebauter Raum kann ein Ergebnis eines solchen Prozesses sein. Am Anfang steht der Leidensdruck, den wir mittlerweile im Sinne des Innovationsmanagements als ein Möglichkeitsfenster annehmen möchten. So sind viele unserer Projekte im Ergebnis nicht vollkommen neu, sondern Aktualisierungen, Weiterführungen und Übertragungen. Eine solche Evolution zu begleiten, ist sehr spannend, da diese unmittelbar im Verhältnis zu gesellschaftlichen Entwicklungen stehen. 

„Osterwald taucht auf“ ist ein ganz besonderes Dorfentwicklungsprojekt in Niedersachsen. Ziel war und ist es, die Pflegeeinrichtung vor Ort in die Strukturen des Dorfes einzubinden und die Pflegeheimbewohner zu (echten) Dorfbewohnern zu machen. Wie kam es zu diesem Projekt (Motivation)? Wer hat es initiiert?

Elke M. Alberts: Die Initiative und der Veränderungswille ging von der Diakonie aus, welche an verschiedenen Orten in Niedersachsen Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen unterhält. Es ist typisch, dass solche Einrichtungen und ehemalige Heime für Menschen mit Behinderungen am Dorf- oder Stadtrand liegen, häufig auf einem ehemaligen Hofgelände oder in einem Gebäude, dass dafür nie geplant war. Das ist historisch bedingt: Nach von Bodelschwingh wurden solche Randlagen bevorzugt und in den Einrichtungen die Menschen sehr homogen zusammengefasst, also nach Behinderungsarten oder Pflegebedarfen. Der Heimgedanke verlangte nach großen Objekten mit vielen Betten, da wo „diese Menschen“ nicht stören. Das Gebäude mit rund 100 Bewohnenden am Rande des Bergortes Osterwald ist ein ehemaliges Erholungsheim. Dieses historische, evangelische paternalistische Hilfeverständnis passt nicht mehr in die heutige Zeit, da es dem Inklusionsgedanken zuwiderläuft. Und aktuelle Gesetzlagen zur Teilhabe konnten dort räumlich-strukturell ebenso nicht mehr eingehalten werden. Der Träger dachte zu Projektbeginn zunächst an die Konversion der Einrichtung, Umbau, Abriss, oder neue dezentrale Lösungen nach. Auch die Verbesserung der Wohnqualität und des Gesamteindruckes des Gebäudes waren Gedankenspiele, die allesamt eher das Bedürfnis von „hier muss was passieren“ spiegeln – natürlich auch vor dem rechtlichen Rahmens des Bundesteilhabegesetzes.

Als Berater konnten wir zunächst eine vollständige Änderung der Sichtweise auslösen: Wir haben das Motto „Zusammenwirken“ entwickelt und die Trennung von Dorf und Einrichtung abgesagt, den gesamten Ort holistisch betrachtet.

Die Bewohner des Hauses sind selbstverständlich Dorfbewohner, viele von ihnen leben dort schon länger als die Verantwortlichen im Ort, so der Grundsatz. Daran knüpfte sich dann die Frage, wie man die unterschiedlichen Aktivitäten des Hauses und der Bürgerschaft zusammenbringt, wie durch soziale Integrationsprozesse Compound-Effekte entstehen. Aber zunächst brauchte es eben die Änderung der Sichtweise hin zu der Ganzheitlichkeit. Dabei half, dass die Ortschaft sehr geschlossen ist und eine überdurchschnittlich hohe Vereinsstruktur aufweist, mit einem beispielhaften Kulturleben. Bei 1.000 Bewohnern gibt es dort 7.000 Vereinsmitglieder, der Ortsrat ist der Altersjüngste Niedersachsens. 

Wie wurde die Projektidee von den verschiedenen Seiten angenommen bzw. wie konnten die Beteiligten überzeugt werden?

Elke M. Alberts: Die Dorfgemeinschaft hat das Projekt sofort angenommen und ohne Zögern aktiv mitgewirkt; Anpacken gehört zur Kultur des Ortes. Die Verantwortlichen im Ort, der Ortsrat und die Vereinsaktiven wurden regelmäßig einbezogen, in die Planung und die Besprechungen. Am Anfang des Projektes haben wir gemerkt, dass vornehme Bescheidenheit in der eigenen Leistung auch nicht immer gut ist. 

Wir haben deshalb gemeinschaftlich ein Magazin über den Ort entwickelt, in dem die Hauptakteure zu Geltung kamen und mittels dessen Erstellung sich die Akteure noch besser kennenlernten.

Hier haben wir Bewohnerinnen und Bewohner mit Behinderung als Einwohnende des Ortes vorgestellt.

Welche konkreten Angebote gibt es, um die Pflegeheimbewohner ins Dorf(er)leben mit einzubeziehen?

Elke M. Alberts: Durch die partizipative Entwicklungsarbeit an dem Magazin kamen die Akteure zu einer Bestandaufnahme. Wir konnten auf diese Weise die soziale Architektur des Ortes abbilden und einen inhaltlichen, interessanten Mehrwert für den Ort anbieten. Das Magazin ist heute Grundlage für Förderanträge oder die Außendarstellung des Ortes.

Da die Pflegeeinrichtung etwas vom Schuss ab liegt, mussten auch Fragen des Personalmarketings und des Standortmarketings im umkämpften Fachkräftemarkt aufgenommen werden. Niemand von außen will bisher in Osterwald in der Pflege arbeiten, es sei denn, der Ort hat was zu bieten.

Diese Wechselseitigkeit, die Mehrzielorientierung, das ist der Erfolg der Gesamtmaßnahme. Darüber haben wir Wohnangebote, Mobilität und Fragen der Nahversorgung mitbetrachtet. 

Als konkretes Projekt hat die Einrichtung am Waldrand ein inklusives Café eröffnet, so etwas fehlte tatsächlich dort. Erwähnen muss man an dieser Stelle, dass es dort eine Kneipe gibt, die Reihum durch Freiwillige betrieben wird, ebenso das Freibad. 

Als Ausrichterin des Weihnachtsmarktes gelang es der Diakonie, mehr zu einem Ortsmittelpunkt zu werden, zu einem Dreh- und Angelpunkt von Prozessen. In der Umkehrung wurden zahlreiche Maßnahmen entwickelt, die in den Ort hinein wirken. So wurde die Idee der „Dorfschwester“ angeregt und umgesetzt, eine Pflegekraft, die sich um alle im Dorf kümmert. Fragen der Mobilität, der gemeinsamen Teilhabe an Festen und Veranstaltungen wurden betrachtet. Corona hat dann wieder einiges „eingefroren“, das muss man leider so sagen. 

Inwieweit profitieren die Region Osterwald und die Menschen von diesem Dorfentwicklungsprozess?

Elke M. Alberts: Interessanterweise ist dort die Grenze des Wachstums erreicht, da die Nachbarorte schlichtweg neidisch auf den Ort schauen. Der Ort hat viele Vorteile, es geht aber auch darum, die jetzige Initiative zu stärken und die Gangart beizubehalten. Auch eine Zielperspektive fehlt, also als eine Art Leitbild. Und, wenn es heute gut läuft, muss man eben auch Sicherungsmechanismen entwickeln und die Stärken kräftigen. Menschen im Ehrenamt verbrennen schnell, da müssen solide Strukturen unterstützend wirken. Wir glauben, dass auch das Empowern, also das investieren in die Fähigkeiten und den Mut der Menschen eine soziale Rendite einbringt. Wir unterhalten weiterhin Kontakt zum Bürgermeister, sodass es weitere Handlungsstränge und Anknüpfungspunkte geben kann.

In Bielefeld-Ummeln (NRW) wurde ein ganz besonderes Leuchtturmprojekt (inklusiver Wohnungsbau) realisiert: Es besteht zu einer Hälfte aus einer Clearingstelle für begleitete Elternschaft (einer Einrichtung für zwölf Eltern mit Behinderung und ihren Babys), zur anderen Hälfte aus gefördertem Wohnungsbau mit barrierefreien Familienwohnungen. Auch hier geht es – wie in Osterwald – um das Zusammenleben verschiedener Nutzergruppen. Was macht das Projekt so einzigartig?

Elke M. Alberts: Dass Menschen mit einer geistigen Behinderung eigene Kinder großziehen, war lange undenkbar. Schwangerschaften unter Behinderten wurden früher verhindert, abgebrochen oder die Kinder in andere Familien gegeben. Das Projekt „Inklusives Wohnen“ hebt erst einmal baulich diesen Missstand auf. Dahinter liegt natürlich der Gesamtprozess der Inklusion als Menschenrecht.

Selbstbestimmtes Leben für Menschen mit Behinderung soll auch die Elternschaft miteinschließen.

Für sie gibt es das Angebot der begleiteten Elternschaft. In den unteren beiden Etagen hat Bethel Wohnraum für Bewohnerinnen und Bewohner mit geistigen Behinderungen und eigenen Kinder geschaffen. Die oberen beiden Etagen werden als reguläre Sozialwohnung genutzt. Zehn Sozialwohnungen mit einer Größe von 60 bis 112 Quadratmetern sollen vor allem größeren Familien mit Kindern eine Unterkunft bieten, dieser Wohnraum fehlte im Stadtteil.

In den unteren Etagen haben Alleinstehende oder Paare mit geistiger Behinderung mit ihren Kindern einen Wohnraum, allerdings nur auf Zeit. Hier leben vor allem Kleinkinder mit ihren Eltern, deshalb sind auch Kita-Plätze im Haus integriert. Der Außenbereich des Hauses bietet Möglichkeiten, dass Menschen mit und ohne Behinderungen sich begegnen.

Damit es Realität werden konnte, mussten viele bürokratische Grenzen überwunden werden, sodass Fördergelder aus der Wohnbauförderung und aus der Förderung für Menschen mit Behinderung generiert werden konnten. Dafür sind alle Beteiligten nach Düsseldorf gefahren, um Überzeugungsarbeit zu leisten. Mit Erfolg.

2,6 Millionen Euro Landesförderung gibt es insgesamt für das Inklusionsvorzeigeprojekt. Das ist die bundesweit erste Clearingstelle für Eltern und ihren Kindern mit geistigen oder psychiatrischen Einschränkungen

Welche konkreten Leistungen bietet die Clearingstelle?

Elke M. Alberts: Die rund um die Uhr betreute Einrichtung mit 24 Plätzen ist, wie erwähnt, eine so genannte Clearingstelle: Dort wird in einem Zeitraum bis zu neun Monate geprüft, ob die Eltern in der Lage sind, Kinder selbst zu betreuen und welche Hilfen sie dafür benötigen. Auch wird die Frage beantwortet, ob eine ambulante oder stationäre Wohnform für die Familie die richtige ist. Dahinter steht immer die Frage nach der größtmöglichen Selbstbestimmung, der Ausübung der Elternschaft und das Kindeswohl.

Und kann man bestimmte (Inklusions-)Ideen/-Prozesse/-Bauten auch auf zukünftige Entwicklungsprojekte mit Pflegeeinrichtungen anwenden? Welche wären das?

Elke M. Alberts: Ja und nein, es geht im Grundsatz vom Konzept aus, zumindest, wenn man bei null anfängt. In der Regel haben wir es mit Beständen zu tun, mit Gebäuden die angepasst werden sollen. Aber auch Konzepte und Ideen haben ihre Halbwertszeit, vieles überholt sich und wird heute anders gemacht.

Wir glauben, dass man individuelle Lösungen für die Gruppe und Gemeinschaft braucht und solche, die resilient bleiben.

Allerdings ist die Fantasie, dass man einmal baut und gut ist, nicht nachhaltig. In Modellprojekten gewinnen wir zu Einzelaspekten Hinweise und neues Wissen, das wir weiterübertragen, aber es gibt nie eine genaue Anleitung, eher ein „Practice“. Für Modellvorhaben sind Neubauten tatsächlich gut, aber auch dort ist es nicht das gebaute Ergebnis, sondern der Weg, der zu eben diesem Ergebnis führt. In diesem Sinne ist der hier beschriebene Weg tatsächlich das Ziel.

Besten Dank für die Beantwortung unserer Fragen!

Porträtfoto und Fotos „Osterwald“: Peter Wehowsky
Fotos „Clearingstelle“: alberts.architekten BDA – Büro für Soziale Architektur

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.