Frau Prof. Dr. Karin Wolf-Ostermann leitet innerhalb des Fachbereichs Human- und Gesundheitswissenschaften die Abteilung Pflegewissenschaftliche Versorgungsforschung am Institut für Public Health und Pflegeforschung (IPP) an der Universität Bremen.

Eine stetig steigende Zahl an Pflegebedürftigen und ein sich immer weiter verschärfender Fachkräftemangel stellen die Pflege vor große Aufgaben. Künstliche Intelligenz (KI) kann (und muss?) eine Lösung sein, um Pflegekräfte in ihrer Arbeit zu unterstützen?

Prof. Karin Wolf-Ostermann: Die zunehmende Zahl an Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf, kombiniert mit einem strukturellen Fachkräftemangel, stellt die Pflegebranche vor eine existenzielle Herausforderung. In diesem Kontext kann Künstliche Intelligenz (KI) eine unterstützende Ergänzung sein. KI-Systeme können bereits jetzt Routineaufgaben wie die Dokumentation, die Sturzüberwachung oder die automatisierte Erfassung von Wundverläufen unterstützen, wodurch Pflegekräfte entlastet und mehr Zeit für menschliche Interaktionen und individuelle Betreuung gewonnen werden.

Dies setzt aber gleichzeitig voraus, dass wir passende Rahmenbedingungen schaffen: von strukturellen und personellen Voraussetzungen über Refinanzierungswege und Organisationsentwicklung – jedoch immer unter Berücksichtigung ethischer und rechtlicher Gesichtspunkte.

Der Einsatz von KI wird in vielen Bereichen weiter zunehmen und kann sinnvoll unterstützen, die steigenden Anforderungen an Qualität und Verfügbarkeit der Pflege zu erfüllen – KI ist daher weniger eine Option als eine notwendige Innovation, um die Pflege zukunftsfähig zu machen und wir sprechen nicht mehr über das Ob, sondern vielmehr über das Wie.

Digitalisierung und KI: Welche Geräte, Anwendungen und Funktionen sind im Gesundheitswesen – speziell in der Pflege – schon heute nicht mehr wegzudenken?

Prof. Karin Wolf-Ostermann: Heute sind zahlreiche digitale Lösungen in der Pflege bereits selbstverständlich. Smart-Sensoren und tragbare Geräte zur kontinuierlichen Überwachung von Vitalparametern wie Herzfrequenz, Blutdruck oder Bewegungsaktivität liefern Echtzeitdaten und ermöglichen frühzeitige Interventionen. Unterstützende Apps zur Dokumentation, Medikamentenverwaltung oder Arbeitsplanung erleichtern die tägliche Arbeit für Pflegepersonen erheblich. 

KI findet sich in allen Bereichen, in denen auch bereits digitale Technologien eingesetzt werden. KI-Systeme gelten dabei als Potenzial für bessere Pflegequalität, Prozessoptimierung, Entlastung von Pflegenden und Unterstützung pflegender Angehöriger – sowohl in Akut- als auch in Langzeitpflege. KI-gestützte Systeme zur Sturzerkennung oder Risikobewertung beispielsweise bei einem Delir-Risiko, zur Wunderkennung oder zur klinischen Entscheidungsunterstützung sind bereits in Einrichtungen im Einsatz.

Gerade im Bereich der Langzeitpflege aber haben bisher nur wenige KI-Anwendungen den Weg in die Regelversorgung gefunden – auch aufgrund fehlender Refinanzierung. Auch Forschung und Entwicklung konzentrieren sich vor allem auf Kliniken, während Pflegeheime, ambulante Dienste und Tagespflegen hinterherhinken.

Hier besteht sicher ein zunehmender Bedarf, gute KI-Lösungen qualitativ hochwertig zu evaluieren, um dann Erfahrungen zu Nutzen und gelingender Implementierung in die Öffentlichkeit zu tragen.

Wo sehen Sie die noch größten ungenutzten Potenziale und Chancen von KI in der Pflege?

Prof. Karin Wolf-Ostermann: Bisher ungenutzte Potenziale und Chancen von KI in der Pflege gibt es derzeit noch in vielen Bereichen. Ein großes ungenutztes Potenzial von KI liegt beispielsweise in der präventiven und personalisierten Pflege. Durch die Analyse großer Datenmengen aus Lebensstilfaktoren, Daten smarter Sensoren, die für viele Menschen ja tägliche Begleitung geworden sind, sowie professionell erfassten Gesundheitsdaten (zum Beispiel Patientenakten etc.) könnten KI-Systeme individuelle Pflegepläne erstellen, individuelle Risiken (zum Beispiel Sturz, Dekubitus, Verschlechterung bei Demenz) frühzeitig vorhersagen und insgesamt besser spezifische Bedürfnisse eines Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf berücksichtigen. Dies wäre ein großer Gewinn für eine proaktive Versorgung – wird bisher aber kaum genutzt. Auch eine bessere Unterstützung pflegender Angehöriger wäre ein wichtigen Anwendungsfeld:  KI-gestützte Apps und virtuelle Assistenten könnten Angehörige bei der Pflege zu Hause begleiten, zum Beispiel indem sie Medikamentengaben und Termine erinnern, Fragen beantworten oder Warnsignale erkennen. 

Professionell Pflege könnten bei komplexen Entscheidungsfindungen (zum Beispiel Medikamentenmanagement, Pflegeplanung) unterstützt werden, indem evidenzbasierte Empfehlungen formuliert werden oder aber auch durch KI-gestützte Simulationen und virtuelle Trainingsumgebungen bei der Aus- und Fort- und Weiterbildung unterstützt werden. Auch die Verbesserung der Kommunikation zwischen professionell Pflegenden und anderen Gesundheitsdienstleitern wie beispielsweise Ärztinnen und Ärzten und Therapeutinnen und Therapeuten sowie mit Angehörigen durch intelligente Sprachassistenten oder KI-gestützte Übersetzungs- und Dokumentationshilfen ist noch kaum ausgeschöpft. 

Aus meiner Sicht sollten wir den Fokus nicht einseitig auf Effizienzsteigerung, in der Pflege legen, sondern eine menschzentrierte Weiterentwicklung der Pflege durch KI vorantreiben. Diese Potenziale sind bislang nur bruchstückhaft genutzt – eine systematische Umsetzung könnte die Pflege nachhaltig verändern.

Und was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen bei der Einführung von KI in der Pflege?

Prof. Karin Wolf-Ostermann: Für eine gelungene Einführung von KI ist neben rechtlicher Klarheit und ausreichender Finanzierung entscheidend, dass KI-Anwendungen nahtlos in bestehende Arbeitsabläufe integriert werden und das Personal entsprechend qualifiziert ist – etwa durch die Einbindung in Ausbildung und Studium. Zudem sind hohe Benutzerfreundlichkeit und breite Akzeptanz der Technologien entscheidende Voraussetzungen für ihren praktischen Erfolg. Die Einführung von KI in der Pflege steht daher vor einer Reihe von Voraussetzungen, die über das Gelingen aber auch Scheitern solcher Systeme entscheiden:

  • technische Voraussetzungen wie eine leistungsfähige digitale Infrastruktur (zum Beispiel stabiles WLAN) und vor allem die Verfügbarkeit hochwertiger Daten;
  • funktionale Voraussetzungen, das heißt, KI-Anwendungen müssen einen klaren Nutzen für die Pflege haben;
  • organisationsbezogene Voraussetzungen, das heißt, Implementierungskonzepte und Strategien für den Einsatz von KI-Anwendungen sowie die Bereitschaft zur organisationalen Weiterentwicklung müssen vorhanden sein;
  • und nicht zuletzt professionsbezogene Voraussetzungen, das heißt wiederum, Pflegekräfte müssen technische Kompetenzen erwerben und aktiv an der Entwicklung digitaler Technologien beteiligt werden.

Das an der Universität Bremen im Rahmen des PoKIP-Projektes entwickelte und von der Robert Bosch Stiftung prämierte KI-Readiness Instrument KIPRA hilft hier Projektverantwortlichen und Pflegeeinrichtungen, ihre Gegebenheiten für den Einsatz von KI direkt zu prüfen.

Künstliche Intelligenz verändert zudem das Pflegeberufsfeld tiefgreifend, denn auch Fachkräfte ohne technische Vorerfahrung werden künftig mit KI-Systemen arbeiten müssen. Dazu sind gezielte Kompetenzförderungen unerlässlich.

Neben einer stärkeren Akademisierung der Pflege können akademische Lehrpflegeeinrichtungen, wie beispielsweise das Bremer Modellprojekt TCALL zur Entwicklung akademischer Lehrpflegeeinrichtungen in der Langzeitpflege, zentrale Rollen bei der Vermittlung digitaler und kritischer KI-Kompetenzen übernehmen. Die erfolgreiche Einführung von KI in die Praxis erfordert, dass Pflegefachkräfte neue, aktive Rollen übernehmen: Sie müssen KI verstehen, verantwortungsvoll einsetzen und deren rechtliche sowie ethische Auswirkungen bewerten können. Erst so kann der Wandel von passiven Nutzerinnen und Nutzern zu gestaltenden Partnern gelingen.

Was sind die ausgewiesenen Vorteile von KI in der Pflege für das Pflegepersonal und Patientinnen und Patienten? 

Prof. Karin Wolf-Ostermann: KI hat großes Potenzial, Pflegefachkräfte in Akut- und Langzeitversorgung zu unterstützen – wird aber bisher nur eingeschränkt genutzt, besonders außerhalb klinischer Umgebungen. Die Herausforderungen bei der Entwicklung und Implementierung von KI gehen dabei über technische und regulatorische Anforderungen hinaus, auch soziale, ethische und praktische Aspekte müssen berücksichtigt werden, um einen verantwortungsvollen und wirksamen Einsatz von KI in der pflegerischen Versorgung zu ermöglichen. Zudem sind empirische Studien, die auch größere Fallzahlen abdecken und in der realen Versorgung angesiedelt sind, insbesondere in der Langzeitpflege, dringend erforderlich. 

Für das Pflegepersonal bietet KI vor allem Entlastung durch die Automatisierung von administrativen und repetitiven Aufgaben wie beispielsweise Dokumentation oder Termin- und Tourenplanung. Dadurch gewinnen Pflegekräfte mehr Zeit für die menschliche Interaktion, was die Arbeitszufriedenheit steigert und Burnout-Risiken oder das Risiko einer Berufsausstiegs senken kann.

Erste Studien zeigen auch, dass sich die Attraktivität des Berufsbildes durch den Einsatz moderner Technologien erhöht.

Zudem verbessert KI die Sicherheit: Frühwarnsysteme können Stürze, Dekubitus oder Infektionen früher erkennen. Für Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf bedeutet dies eine individuellere, präzisere und kontinuierlichere Betreuung. KI kann also wesentlich dazu beitragen, die Qualität der Pflege zu erhöhen und Lebensqualität zu steigern.

Was sollte in Bezug auf Datenschutz und ethische Fragestellung beim Einsatz von künstlicher Intelligenz auf keinen Fall außer Acht gelassen werden?

Prof. Karin Wolf-Ostermann: Beim Einsatz von KI in der Pflege dürfen Datenschutz und ethische Verantwortung niemals auf der Strecke bleiben. KI-Systeme dürfen in der Pflege menschliche Zuwendung nicht ersetzen, sondern nur unterstützen. Kernanforderungen für eine vertrauenswürdige künstliche Intelligenz basierend auf KI-Ethikleitlinien sind beispielsweise neben technischer Robustheit und Sicherheit sowie Transparenz und Rechenschaftspflicht insbesondere der Vorrang menschlichen Handelns und menschlicher Aufsicht, die Gewährleistung der uneingeschränkten Achtung der Privatsphäre und des Datenschutzes sowie die Sicherstellung der Vielfalt, Nichtdiskriminierung und Fairness. KI-Systeme sollten allen Menschen, auch künftigen Generationen, zugutekommen und ihre sozialen, und gesellschaftlichen Auswirkungen müssen sorgfältig geprüft werden.

Bei der Übertragung von Versorgungsaufgaben ist es zudem entscheidend, wie tief das System in Arbeitsabläufe oder das Leben von Betroffenen eingreift. Ethische Überlegungen müssen bei jedem Einsatz berücksichtigt werden. Dafür sind gezielte Aufklärung und Transparenz für Pflegende sowie für Versorgte unerlässlich und Vorgaben des EU AI Act und der DSGVO müssen, insbesondere bei sensiblen Gesundheitsdaten, verlässlich eingehalten werden. Zusätzlich gilt: Je größer der Einfluss, desto höher die ethische Verantwortung, um zwischen Nutzen und Risiken abzuwägen. 

Letztlich ist KI derzeit ein unterstützendes Werkzeug, das unter menschlicher Aufsicht agieren muss – mit klaren Verantwortlichkeiten und ethischen Leitlinien.

Herzlichen Dank für die Beantwortung unserer Fragen.

Foto: © Prof. Karin Wolf-Ostermann


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