Im Interview mit Kerstin Wagner, Co-CEO & COO der United Robotics Group GmbH, über den Einsatz von unterschiedlichen Robotern im Pflegesetting.

Wenn wir über Robotik in der Pflege sprechen: Was können Roboter heute tatsächlich leisten und was ist noch Zukunftsmusik?

Kerstin Wagner: Roboter können heute bereits einige klar definierte Aufgaben in Pflege- und Gesundheitseinrichtungen übernehmen: Mobile Service- oder Transportroboter transportieren Betten, Speisewagen oder Medikamente, sozial-assistive Roboter beantworten Fragen oder führen Besuchende durch Einrichtungen. Unser humanoider Roboter „uMe“ – ausgesprochen [:jumi:] – kann Vitalwerte wie Blutdruck und Herzfrequenz messen oder eine am Boden liegende Person als Notfall erkennen und selbstständig den Notruf alarmieren. 

Wir arbeiten gerade an weiteren Anwendungsfällen für die häusliche Pflege, die aufgrund der individuellen und sich ändernden Wohnungseinrichtung deutlich komplexer zu konzipieren sind. 

Noch Zukunftsmusik sind Roboter, die autonom entscheiden und handeln; derzeit arbeiten sie vor allem auftragsbezogen und nachvollziehbar. Zudem wird es noch dauern, bis Roboter tatsächlich in der Lage sind, Menschen mit einfachen Haushaltstätigkeiten zu helfen. Das hängt vor allem mit der Feinmotorik zusammen: Denn während unser menschliches Fingerspitzengefühl intuitiv erlernt wurde, muss die richtige Griffkraft und -technik eines Roboters für jeden einzelnen Gegenstand – ob ein Glas, ein Teller oder ein Kleidungsstück – erst einmal programmiert und trainiert werden!

uMe im Pflege-Demoraum: uMe in einer nachgebildeten Pflegeumgebung des URG-Robotik-Trainingszentrums in Gelsenkirchen. Der humanoide Roboter ist für sprachbasierte Kommunikation, Information und Unterstützung bei wiederkehrenden Abläufen in menschenzentrierten Umgebungen konzipiert.

Wo sehen Sie aktuell den größten Nutzen von Robotern in Pflegeeinrichtungen und Kliniken? Geht es vor allem darum, Pflegekräfte körperlich und organisatorisch zu entlasten oder können Roboter auch unmittelbar für Pflegebedürftige einen Mehrwert schaffen?

Kerstin Wagner: Der größte Nutzen liegt aktuell darin, Pflegekräfte bei Laufwegen und Routinetätigkeiten zu entlasten, damit mehr Zeit für die zu betreuenden Menschen in Pflegeeinrichtungen und Kliniken bleibt. Roboter können aber durch soziale Interaktion und Kommunikation auch für Pflegebedürftige einen Mehrwert schaffen: uMe kann Fragen beantworten und auch Fragen stellen, um z.B. an die Medikamenteneinnahme zu erinnern. Außerdem können Roboter im Zusammenspiel mit Menschen oder anderen Robotern Speisen oder Getränke aus der Küche bis ans Bett bringen.

Roboter ist nicht gleich Roboter. Welche unterschiedlichen Robotertypen gibt es im Gesundheitswesen und für welche Aufgaben eignen sie sich jeweils?

Kerstin Wagner: Im Gesundheitswesen lassen sich Roboter vor allem nach ihren Einsatzfeldern unterscheiden: Service- und Transportroboter transportieren Betten, Speisewagen oder andere Geräte, Laborroboter automatisieren klar definierte Abläufe in Kliniklaboren bei der Diagnostik von Blutproben, Assistenzroboter unterstützen Menschen im direkten Kontakt.

Gerade in der Pflege geht es um sehr persönliche Situationen. Wo sehen Sie die Grenze: Welche Aufgaben sollte ein Roboter übernehmen und welche sollten ganz bewusst beim Menschen bleiben?

Kerstin Wagner: Roboter sollten meiner Meinung nach klar definierte Routine-, Transport- und Assistenzaufgaben übernehmen. Die Kontrolle, Verantwortung sowie persönliche Pflege und medizinische Behandlung sollten stets beim Menschen bleiben: Beim Medikamententransport liefert der Roboter auftrags- und zimmergenau, die Kontrolle und Verabreichung übernimmt aber weiterhin das Fachpersonal. 

Wie reagieren Patientinnen und Patienten auf Roboter? Gibt es bei der Akzeptanz Unterschiede etwa nach Alter, Vorerfahrung oder Unterstützungsbedarf?

Kerstin Wagner: Die meisten Menschen reagieren auf unsere Roboter – vor allem humanoide Roboter – mit fast kindlicher Neugier, Freude und Interesse. Und wenn erst einmal der erste Kontakt geglückt ist, baut sich so etwas wie eine Beziehung auf. Denn der soziale Aspekt ist nicht zu unterschätzen: Die verbale Kommunikation mit einem menschenähnlichen Roboter beugt Einsamkeit vor und trainiert kognitive Fähigkeiten. In dieser Hinsicht konnten wir mit Pepper, dem humanoiden Vorläufer-Modell von uMe, bereits sehr positive Erfahrungen sammeln. Pepper wird auch heute noch vor allem in Gesundheitseinrichtungen eingesetzt und bietet nachweislich Vorteile für die Pflege älterer Menschen. Aber auch das Fachpersonal reagiert positiv auf Roboter: In vielen Kliniken oder Laboren, in denen unsere Service-Roboter eingesetzt werden, bekommen die Roboter sogar Namen und werden ganz selbstverständlich wie ein neues Teammitglied behandelt.

Besonders spannend ist die Frage bei Menschen mit Demenz: Wie reagieren sie auf Roboter und welche Erfahrungen haben Sie hier bereits gemacht? 

Kerstin Wagner: Ja, gerade für Menschen mit Demenz kann ein sozial-assistiver Roboter eine sinnvolle Sache sein, was wir mit Pepper bereits selbst erlebt haben: Dank der interaktiven und intellektuellen Benutzeroberfläche, die zu körperlichen und kognitiven Übungen motiviert und anregt, ist Pepper eine wichtige Hilfe für ältere Menschen – mit oder ohne Demenz. 

Und da wir wissen, dass soziale Isolation ein großer Risikofaktor für Demenz ist, ist die Kommunikation mit einem Roboter für viele ältere Menschen eben auch besser als gar keine Kommunikation. 

Und was müsste ein Roboter können beziehungsweise wie müsste er gestaltet sein, damit sein Einsatz bei Menschen mit Demenz sinnvoll und verantwortungsvoll ist?

Kerstin Wagner: Für Menschen mit Demenz muss ein Roboter vor allem eines können: sich an den Menschen anpassen – und nicht umgekehrt. Er muss geduldig sein, Dinge wiederholen können, ohne Ungeduld zu zeigen, sehr klar kommunizieren und Veränderungen im Verhalten wahrnehmen. Gleichzeitig darf er nie den Eindruck erwecken, menschliche Nähe ersetzen zu können. Ich sehe seine Rolle eher darin, Orientierung zu geben, zu aktivieren, an Dinge zu erinnern oder einfach ein zusätzliches Gesprächsangebot zu machen. Und ganz wichtig: Angehörige und Pflegekräfte müssen jederzeit nachvollziehen und bestimmen können, was der Roboter tut.

Welche Rolle spielt das Design? Muss ein Roboter möglichst menschlich wirken, damit wir ihn akzeptieren – oder kann gerade eine eindeutig technische Gestaltung Vertrauen schaffen?

Kerstin Wagner: Ein Roboter muss nicht möglichst menschlich aussehen, aber sein Design prägt definitiv die Akzeptanz. Ein freundliches, sprechendes Gesicht, wie das von Pepper oder uMe, kann Hemmschwellen senken und die Interaktion verständlicher machen. Der Roboter sendet beispielsweise Signale, wann er zuhört, spricht oder auf eine Eingabe reagiert. Entscheidend ist vor allem, dass ein Roboter nicht vorgibt, ein Mensch zu sein: Vertrauen entsteht vor allem, wenn er eindeutig als Maschine erkennbar bleibt und keine menschlichen Gefühle vortäuscht. Ruhige Bewegungen und eine einfache Bedienung geben im Pflegealltag zusätzliche Orientierung und Sicherheit.

Wenn Roboter sich autonom durch eine Klinik oder Pflegeeinrichtung bewegen, wird Sicherheit zu einem zentralen Thema. Welche Anforderungen müssen erfüllt sein, damit Menschen und Roboter selbstverständlich dieselben Räume nutzen können?

Kerstin Wagner: Die Grundvoraussetzung ist ein klar definierter Einsatzbereich sowie eine Schulung der Anwenderinnen und Anwender einschließlich Bedienungsanleitungen. Zudem statten wir unsere Roboter mit hoch-sensibler Sensorik zur Hinderniserkennung aus, die eigenständige sicherheitsgerichtete Stopps bei Hindernissen oder kritischen Zuständen ermöglichen, sowie Nothalt- und Schutzstopp-Funktionen. Denn Roboter müssen Menschen und Hindernisse natürlich erkennen und sicher ausweichen können. In typischen Alltagssituationen wie der Lokalisierung und dem Öffnen von Türen, in umgestellten Zimmern oder bei Transporten müssen sie sich stets gut zurechtfinden können. Entscheidend ist hier vor allem die Erprobung unter realistischen Bedingungen; ebenso müssen Datenschutz, Cybersicherheit und die Einbindung in die bestehende Klinik-IT geklärt sein. Dennoch bedarf es je nach Einsatzfeld eines entsprechend darauf ausgerichteten Sicherheitskonzepts für Navigation, Bewegung und Interaktion mit Menschen. Was weiterhin zur Sicherheit beiträgt, sind klar erkennbare Betriebszustände und Statusanzeigen von Robotern, aber auch geregelte Prozesse für Inbetriebnahme, Service und Dokumentation. Und für den Fall des Falles sind für den Kunden-Support eine Fehlerbehandlung über Nutzerinterfaces und klare Eskalationswege unabdingbar.

Pflegeeinrichtungen sind baulich sehr unterschiedlich. Welche Voraussetzungen müssen Gebäude und Infrastruktur mitbringen? Und müssten wir bei Neubauten heute eigentlich schon „robotergerecht“ planen?

Kerstin Wagner: Jede Einrichtung ist anders, deshalb integrieren wir den jeweiligen Anwendungsfall immer in die konkrete Umgebung vor Ort. Dank modernster Sensorik orientieren sich die Systeme an ihrer Umgebung und sind nicht auf einen Raum oder ein Stockwerk beschränkt. Daher sind eigentlich keine baulichen Veränderungen erforderlich, um Roboter zu integrieren. Um die Integration aber zu optimieren und effizienter zu gestalten, stehen wir mit einem Architekten-Büro in engem Austausch, das auf Kliniken, Labore und weitere Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen spezialisiert ist.

Ein Blick nach vorn: Wenn wir in fünf oder zehn Jahren eine Pflegeeinrichtung betreten, welche Aufgaben werden Roboter dort Ihrer Einschätzung nach ganz selbstverständlich übernehmen?

Kerstin Wagner: In fünf Jahren werden wir wahrscheinlich gar nicht mehr darüber sprechen, ob ein Roboter in einer Pflegeeinrichtung eingesetzt wird. Er wird bei vielen Aufgaben einfach Teil der Infrastruktur sein – so selbstverständlich wie heute ein Aufzug oder ein automatisches Türsystem. Roboter werden Material, Medikamente, Wäsche und Essen transportieren, einfache Kontroll- und Dokumentationsaufgaben übernehmen, nachts bestimmte Bereiche unterstützen und Menschen bei Bedarf begleiten oder Orientierung geben. In zehn Jahren wird sich aus meiner Sicht vor allem das Zusammenspiel verändern. Dann wird nicht mehr ein einzelner Roboter eine einzelne Aufgabe erledigen, sondern unterschiedliche Robotersysteme, Medizintechnik, Gebäude und Software werden miteinander verbunden sein und gemeinsam Prozesse organisieren. Der entscheidende Fortschritt ist für mich deshalb nicht der eine Roboter, der plötzlich alles kann. Vielmehr ist es eine Umgebung, in der viele spezialisierte Systeme intelligent zusammenarbeiten – und der Mensch entscheidet, was er davon nutzen möchte.

Und zum Schluss ganz persönlich: Welche Aufgabe würden Sie niemals einem Roboter überlassen?

Kerstin Wagner: Die Kontrolle und Verabreichung von Medikamenten müssen weiterhin beim Menschen bleiben. Ebenso die Entscheidungen, bei der ein Mensch einen anderen Menschen wirklich braucht. Einen Roboter kann ich sehr vieles organisieren, beobachten oder vorbereiten lassen. Aber wenn jemand Angst hat, eine schlechte Nachricht bekommt oder eine Entscheidung über seine Gesundheit treffen muss, gehört für mich ein Mensch an seine Seite. Vielleicht liegt genau darin sogar der größte Wert von Robotik: nicht darin, den Menschen zu ersetzen, sondern ihm die Zeit für genau diese Momente zurückzugeben.

Titelfoto: Robotik-Familie im Demoraum Pflege: Mehrere Robotiksysteme im Pflege-Demoraum des URG-Robotik-Trainingszentrums in Gelsenkirchen: uLab Mobile, uMe sowie uServe, und uLog (v.l.n.r.). Gemeinsam stehen die Systeme für den Ansatz, unterschiedliche Aufgaben in Klinik, Pflege, Logistik und Service mit jeweils passenden Robotern zu unterstützen.

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