KI als Führungsaufgabe, Regulatorik als Innovationsbremse: Die siebten Management Parkgespräche der WiBU Gruppe haben gezeigt, dass Lösungen für die Pflege von morgen längst auf dem Tisch liegen. Was fehlt, ist der Mut, sie umzusetzen.
Zum siebten Mal trafen sich Führungspersönlichkeiten der Pflegewirtschaft zu den Management Parkgesprächen der WiBU Gruppe und der Kämmer Beratungsgesellschaft am 10. und 11. Juni 2026 im DORMERO Schlosshotel Reichenschwand. In diesem Jahr unter dem Motto „Attraktiver Wirtschaftsmotor Pflege: Gemeinsam kraftvoll Zukunft gestalten“. Das bewusst klein und exklusiv gehaltene Format bringt Entscheiderinnen und Entscheider der Sozialwirtschaft mit Impulsgebern aus anderen Feldern zusammen, in diesem Jahr erstmals auch mit Führungsnachwuchskräften.
Eine neue Story für die Pflege
Den Auftakt machte Olaf Sehlbach, der mit seiner Stiftung Zukunft Altenpflege für eine neue Erzählung der Langzeitpflege wirbt, die nicht von Mangel, sondern von Zuversicht erzählt. Menschen sollten im Alter nicht länger als bloßer Durchlaufprozess im System betrachtet werden. Den Schlüssel sieht Sehlbach im Wettbewerb um Lösungen und in positiven Bildern, die im kollektiven Bewusstsein entstehen müssen damit Langzeitpflege im Jahr 2040 Zuversicht ausstrahlt.
Aikido als Führungswerkzeug
Einen der eindrücklichsten Impulse lieferte Dr. Till Neunhöffer mit seinem Vortrag zu Aikido als Strategie der Unternehmensführung. Anders als klassische Kampfsportarten zielt die japanische Kampfkunst nicht auf Sieg um jeden Preis, sondern auf eine Win-Win-Situation, aus der beide Seiten unverletzt hervorgehen. Echte Stärke entstehe nicht durch Gegendruck, sondern durch die Fähigkeit, die Energie des Gegenübers aufzunehmen, statt sich ihr entgegenzustellen.
Wie konkret dieser Impuls bei den Teilnehmenden wirkte, zeigt die Rückmeldung von Katja Lohmann von der Pflege und Wohnen Hamburg GmbH (2. von links im Foto):
„Der Vortrag bei den diesjährigen Parkgesprächen zum Thema Aikido nutzen zur Unternehmensführung hat mich sehr beeindruckt. […] Es steht die Win-Win-Situation im Vordergrund, ohne Verletzungen aus dem Konflikt zu gehen. Für mich habe ich viel mitgenommen in Bezug auf Konfliktlösungsstrategie. Die Energie des Gegenübers nutzen, um sie zum Vorteil zu drehen, statt dagegen anzukämpfen. Und es funktioniert! […] Aikido als Konfliktlösungsstrategie in der Unternehmensführung oder im täglichen Miteinander ist definitiv ein Learning für mich.“

Bestehendes zerstören? Eine Gegenrede
Jörg Heynkes wählte für seinen Blick auf KI als vierte Industrierevolution einen bewusst provokanten Leitsatz: „Wer Zukunft gestalten will, muss bereit sein, Bestehendes zu zerstören.“ Es gebe, so Heinkes, kein Wissensproblem in der Pflegewirtschaft, sondern ein Handlungsproblem.
Annett Pohler (1. von links im Foto) von der Katharinenhof Seniorenwohn- und Pflegeanlage Betriebs-GmbH nahm die Provokation auf und widerspricht mit einer eigenen, differenzierten Position:
„Der Satz ‘Wer Zukunft gestalten will, muss bereit sein, Bestehendes zu zerstören’ provoziert – und genau deshalb ist er wertvoll. Ich glaube allerdings nicht, dass wir in der Pflege Bewährtes zerstören müssen. […] Die größte Gefahr ist, dass wir an Prozessen festhalten, die schon heute niemandem mehr helfen. KI kann uns helfen, genau das zu verändern. […] Aber Digitalisierung allein löst kein Problem. Erst wenn wir bereit sind, Arbeitsorganisation neu zu denken, entsteht echter Nutzen. Die Pflege braucht keine digitale Kopie alter Prozesse. Sie braucht den Mut, Prozesse neu zu gestalten – damit wieder mehr Zeit für das bleibt, worum es eigentlich geht: die Menschen.“
Systemkritik auf dem Roten Sofa
Der zweite Tag stand im Zeichen offener Diskussion. Auf dem Roten Sofa brachte FAZ-Journalist Johannes Pennekamp Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Träger zusammen, darunter Eva Lettenmeier (Kursana GmbH), Falk Ostermann (Victor’s Group), Dr. Steffen Hehner (Alloheim Senioren-Residenzen SE), Prof. Dr. Uwe Ufer (Diakonie Michaelshoven e.V.) und Carsten Trapp (Carl Zeiss AG). Einig war sich die Runde: Das geltende Qualitätsmessverfahren messe Arbeitsstunden statt Versorgungsergebnis und bremse damit ausgerechnet den Einsatz von Sensorik- und Digitalisierungslösungen, die technisch längst verfügbar seien. Prof. Dr. Uwe Ufer brachte die Stimmung der Runde auf den Punkt:
„Lasst die Schwätzer schwatzen und die Macher machen.“

Neue Narrative, neue Werkzeuge
Am Nachmittag des zweiten Tages folgten vier agile Workshops, die den Anspruch der Parkgespräche einlösten, vom Denken ins Handeln zu kommen: zu KI im Innovationsprozess, zu wirksamer Führung unter Innovationsdruck, zum Versorgungspfad der Zukunft sowie zu leistbarem Wohnraum durch Sanierung und Neubau.
Ein Forum für Macher
Die siebten Management Parkgespräche haben gezeigt, wofür dieses Format steht: Sie sind kein Kongress zum passiven Konsumieren, sondern ein Denkraum für Menschen, die Pflege aktiv gestalten wollen. Die Botschaft, die Reichenschwand verließ, war trotz aller Systemkritik vom Willen zum Aufbruch geprägt. Die Lösungen sind vorhanden, was fehlt, ist der Mut, sie konsequent umzusetzen.