Dr. Petra Thees ist Geschäftsführerin der domino-world™ und stellvertretende Vorsitzende der domino-coaching Stiftung. Seit ihrem Eintritt bei domino-world im Jahr 1992 engagiert sie sich als Branchenexpertin dafür, die Pflege von innen heraus zu verändern. Pflege neu zu denken heißt für sie, Potenziale zu nutzen, Selbstbestimmung zu fördern und ein finanziell machbares Pflegesystem für zukünftige Generationen zu schaffen. Dr. Petra Thees ist Jahrgang 1963 und stammt von der Insel Rügen. Doch schon in jungen Jahren zieht es sie nach Berlin. An der Humboldt-Universität studiert sie zunächst Englisch und Deutsch auf Lehramt. Dabei entdeckt sie ihre Leidenschaft für die Linguistik. 1988 promoviert sie in diesem Fach. 1992 lässt sie Forschung und Lehre hinter sich, um eine Laufbahn in der Wirtschaft bei domino-world einzuschlagen.
domino-world verfolgt die Vision einer Welt, in der man „jung bleibt, obwohl man älter wird“. Was steckt konkret hinter diesem Leitgedanken – und wie prägt er den Arbeitsalltag Ihrer Mitarbeitenden?
Dr. Petra Thees: Wir glauben, dass die meisten von uns falschen Altersbildern verfallen: im Alter wird alles schlechter, die körperlichen Fähigkeiten schwinden, wir werden gebrechlich, die geistigen Fähigkeiten verschlechtern sich.
Und wir verbinden damit den Glaubenssatz, dass dies ja nun zwangsläufig so ist, und dass man das nicht ändern kann. Wenn wir so denken, dann impliziert das auch, dass es sich eigentlich nicht mehr lohnt, Alte zu rehabilitieren.
Wir bei domino-world versuchen, ein ganz anderes Bild zu vermitteln: Pflege ist nicht das Ende des Lebenswegs, denn es gibt immer einen Weg zurück ins Leben. Jeder Mensch muss wieder fit gemacht werden für ein eigenständiges Leben. Rehabilitation ist also in jedem Alter möglich.
Damit ändert sich auch die Anforderung an das, was unsere Mitarbeitenden tun:
Statt Satt- und Sauber-Pflege, bei der sich der Zustand der Menschen nicht selten verschlechtert und in einem Teufelskreis von Schwäche und Hilflosigkeit endet, denken unsere Mitarbeitenden als Coaches statt als Pfleger, wir denken an Trainings, Therapie und Rehabilitation.
Wir helfen unseren Patienten, verloren gegangene Selbständigkeit zurückzugewinnen und wieder gesünder, fitter und selbstständiger zu werden.




Sie sprechen von einem „ganz besonderen Pflegeberuf“. Was unterscheidet die Arbeit bei domino-world von klassischen Pflegeeinrichtungen, und warum entscheiden sich Fachkräfte bewusst für Sie?
Dr. Petra Thees: Wir alle wissen, in der Altenpflege zu arbeiten, hat einen schlechten Ruf. Laut Umfrage denkt jeder Zweite der in der Altenpflege Beschäftigten aktuell über einen Berufsausstieg nach. Man muss sich klarmachen: Pflegekräfte sind Menschen mit hohen Idealen, sie wollen die Welt bewegen, Pflegekräfte sind Menschen, die einen Sinn suchen. Und daraus folgt:
Waschen, füttern, pampern reicht nicht für Menschen mit Idealen.
Therapie durchzuführen, bringt Sinn in den Arbeitsalltag. Therapeutische Erfolge machen stolz. Viele Patienten gelten als austherapiert; doch wenn ich als Coach es war, der den Patienten oder die Patientin wieder ins Leben zurückgebracht hat, dann ist das ein Glücksgefühl ohne Gleichen.
Das domino-coachingTM gilt als innovativer, rehabilitativer und therapeutischer Betreuungsansatz. Können Sie erklären, wie dieser Ansatz funktioniert und welche Rolle die Mitarbeitenden dabei einnehmen?
Dr. Petra Thees: Das domino-coaching™ ist ein Konzept, das zu 50 Prozent aus Motivationspsychologie und zu 50 Prozent auf Reha-Techniken aufgebaut ist.
Jeder Patient/jede Patientin hat einen eigenen domino-coach, einen unserer Pflege-Mitarbeitenden, die alle speziell fortgebildet wurden.
Der Pflegemitarbeitende arbeitet mit seinem Patienten/seiner Patientin so, dass er ihn/sie durch gezielte Kommunikation motiviert. Die Mitarbeitenden sind in der Lage, mit den Patientinnen und Patienten so zu sprechen, dass sie wieder Hoffnung schöpfen, dass sie wieder an sich und die eigenen Kräfte glauben.
Und auf dieser Grundlage wird dann eine Zielvereinbarung zwischen dem Patienten/der Patientin und dem domino-coach abgeschlossen, die weiter stark motiviert.
Die Kernfrage dabei: Was möchten Sie wieder tun können, das Sie schon so lange vermissen?
Darauf bauen die Pflegekräfte dann ein Therapieprogramm mit Reha-Übungen und Muskeltrainings auf. Dadurch gewinnen Patientinnen und Patienten wieder Fähigkeiten zurück, die sie schon verloren hatten.
Domino-world wurde als Arbeitgeber ausgezeichnet. Wie würden Sie Ihre Arbeitgebermarke in wenigen Sätzen beschreiben, und wofür soll sie am Arbeitsmarkt stehen?
Dr. Petra Thees:
Wir bieten Arbeit mit Sinn, denn es macht Mitarbeitende zufrieden und stolz, wenn Menschen mit ihrer Hilfe wieder in ein glückliches Leben zurückkehren.
Wir bieten neue Arbeitsinhalte, denn jeder Pflegemitarbeitende wird in der rehabilitativen Pflege als domino-coach tätig. Der Pflegeberuf wird aufgewertet, die Senkung des Pflegebedarfs bedeutet eine Entlastung für den Mitarbeitenden. All das funktioniert bei uns sehr gut, weshalb wir eine sehr geringe Fluktuationsquote und damit stabile, gut eingespielte Teams haben.
Der Wettbewerb um Pflegefachkräfte ist groß. Mit welchen Maßnahmen gewinnen Sie neues Personal – und was tun Sie, um Mitarbeitende langfristig und nachhaltig an das Unternehmen zu binden?
Dr. Petra Thees: Unser Pflegekonzept hilft uns auch bei der Rekrutierung neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Nicht selten werben unsere Mitarbeitenden ihre zukünftigen Kolleginnen und Kollegen selbst an. Pflegefachkräfte werden durch die Berichterstattung in der Presse und über Social Media auf uns aufmerksam. Und wir rekrutieren in jungen Jahren:
Wir haben enge Kontakte zu allgemeinbildenden Schulen, laden die Schüler in unsere Clubs ein, zeigen ihnen die Fitnessbereiche und werben für ein neues Berufsbild.
Welche Alleinstellungsmerkmale machen domino-world aus Ihrer Sicht einzigartig – sowohl gegenüber Bewerberinnen und Bewerbern als auch im Vergleich zu anderen Trägern?
Dr. Petra Thees: Wir haben uns vor über 25 Jahren mit dem Konzept des Alleinstellungsmerkmals beschäftigt. Dazu haben wir uns gefragt, was denn das Kernproblem unserer Patientinnen und Patienten ist.
Wir haben uns vorgestellt, wir hätten einen Schlaganfall gehabt, wir hatten eine ausgezeichnete Akutversorgung im Krankenhaus, wir werden in einer guten Reha-Einrichtung therapiert, doch irgendwann kommt der Tag, an dem wir nach Hause oder in ein Heim entlassen werden, aber wir können immer noch nicht richtig gehen, wir können kaum Treppen steigen, können uns nicht allein an- und ausziehen. Tja: Wir sind also pflegebedürftig und auf fremde Hilfe angewiesen.
Und dann kommt also am Morgen, wenn wir nach einer schlaflosen Nacht voller Sorgen noch im Bett liegen, ein fremder Mensch zu uns. Er hat unseren Wohnungsschlüssel, wir hören, wie er die Wohnung aufschließt. Er ruft „Guten Morgen“ und kommt in unser Schlafzimmer. Er hilft uns beim Aufsetzen, bringt uns in unser Badezimmer, setzt uns auf die Toilette, zieht uns das Nachthemd über den Kopf, bringt uns ans Waschbecken, und er beginnt, uns zu waschen. Wenn er uns angezogen und auf die Couch gesetzt hat, geht er in unsere Küche, geht an unseren Kühlschrank, schmiert uns ein Brot, stellt uns das Essen hin und geht wieder. Und dann sitzen wir da, mit der Fernbedienung auf dem Tisch, und warten, dass der Tag endlich zu Ende geht.
Wenn man sich diese schreckliche Situation vor Augen führen, spürt man es hautnah: Pflegebedürftig zu sein, ist mit so viel Leid verbunden, dass es fast unerträglich ist. Und das Schlimme ist, dass es keinen Weg gibt, der aus dieser Situation herausführt. Es gibt keine Rehabilitation, die paar Physiotherapieeinheiten, die Sie vielleicht bekommen, sind angesichts der Schwere Ihres Problems für die Katz.
Es gibt also keine Hoffnung, dass Sie jemals wieder Ihr altes Leben führen können, Sie werden nie wieder bei Ihren Kindern Weihnachten feiern, werden nie wieder im Garten grillen, nie wieder spazieren gehen, nie wieder im Café sitzen und Torte essen oder am Kiosk eine Bratwurst … alles vorbei.
Auf dieses Drama gibt es aus unserer Sicht nur eine Lösung:
Wir müssen den Menschen Therapie und Rehabilitation geben. Wir müssen ihnen helfen, sich aus dem Dunkel herauszukämpfen.
Aus diesen Gedanken heraus ist das domino-coaching entstanden: Wir lösen damit das Kernproblem unserer Kunden sichtbar besser als der Wettbewerb.
Welche Entwicklungs- und Karrierechancen bietet domino-world? Wie unterstützen Sie Mitarbeitende dabei, sich fachlich und persönlich weiterzuentwickeln?
Dr. Petra Thees: Alle unsere Pflegemitarbeitenden bekommen von uns eine Ausbildung zum domino-coach und regelmäßige, monatliche Supervisionen. Darüber hinaus nehmen natürlich Fachfortbildungen zu Themen wie Sarkopenie, Muskelaufbau durch trainingswirksame Reize, Placebo, Selbstwirksamkeit einen großen Raum in unserem Fortbildungskatalog ein.
Dass man bei uns Karriere machen kann, zeigt sich bei einem Blick auf unsere langjährigen Mitarbeitenden. Nicht selten haben sie als Auszubildende bei uns angefangen, sind nun Praxisanleiter, Teammanager, Pflegedienstleitende.
Am Ende profitieren Mitarbeitende und Patienten gleichermaßen. Können Sie an einem Beispiel schildern, wie sich Ihr Betreuungsansatz positiv auf beide Seiten auswirkt?
Dr. Petra Thees: Hier möchte ich gerne eine Geschichte von einem unserer „Leuchttürme“ erzählen. So nennen wir Patientinnen und Patienten, die nach einem Schlaganfall, einem schweren Sturz oder einem Herzinfarkt in unsere stationären Einrichtungen kommen, und die dann durch intensives Training wieder so fit gemacht werden, dass sie nach zwei bis drei Monaten wieder nach Hause in ein selbstständiges Leben zurückkehren können.
In diesem Jahr haben wir uns vorgenommen, insgesamt 120 Menschen wieder fit nach Hause zu entlassen – die Kennzahlen sehen aktuell so aus, dass wir das Ziel schaffen.
Herr K. war so ein Fall: Nach einem langen Krankenhausaufenthalt, Koma und Schlaganfall konnte er nichts mehr, er hat nur im Bett gelegen. Bei uns wurde er trainiert, er hat am Muskelsaufbau gearbeitet, das Stehen und das Gehen wieder gelernt und konnte so wieder in die eigene Häuslichkeit zurückkehren.
Die Mitarbeitenden, die mit ihm diesen tollen Erfolg erreicht haben, sind natürlich sehr stolz. Beim Auszug von Herrn K. standen die Mitarbeitenden Spalier und haben ihn – sehr emotional – gefeiert.
Wir danken Ihnen für dieses Interview.
Fotos: domino-worldTM; Fotograf: Andreas Friese