Pflegeheime in Deutschland – unterliegen Sie dem trostlosen Einheitsbrei? Ja, das ist wohl so. Aber gerne möchte ich die Frage aufgreifen und vertiefen. Woran liegt das? Dr. Arends Antwort, in der er bei der Verantwortung auf die Planer schaut, ist eigentlich noch zu kurz gegriffen. 

Wie benennt man den Verursacher schlechter Gestalt? Vielleicht hilft zunächst ein Blick auf die Ausgangslage. Allgemein gesprochen: Der Einheitsbrei ist en vogue. Er steht für den Zeitgeist, der Einfamilienhaussiedlungen gleichförmig erscheinen lässt, der Dachpfannen glasiert und Vorgärten schottert, und der Innenstädte mit Handelsketten belegt. Vielleicht könnte man fragen: Wenn ich in jedem Laden, jeder Siedlung und jeder Einrichtung dasselbe geboten bekomme, braucht es dann überhaupt einen Ort? 

Die Gleichförmigkeit ist der unnatürliche Widersacher der Vielgestalt, des Besonderen und die Einzigartigkeit. Oder umgekehrt: Etwas Natürliches ist die Gleichform nicht. Aber sie ist etwas Einfaches und Müheloses – man könnte sagen: Sie ist effizient. Deshalb bietet der sonntägliche Rundgang durch die effiziente Innenstadt dem geschulten Auge oft nur wenig. Man könne doch froh darum sein, entgegnen Kritiker jenen exzentrischen Architekten, die sich allesamt ja nur selbst verwirklichen wollen, aber auch jenen, die dem Generalverdacht der Angleichung noch nicht einmal entgegenwirken wollten. Der Vorwurf der Missgestalt aus Ego-Gründen steht im Raum (oder ist zumindest der skizzierte Anfang eines schlechten Raumes).

Gleichheit und Austauschbarkeit bieten keine Orientierung. Es ist kein Wunder, dass vor allem andersartige Bauten ihren Weg in die sozialen Medien finden. Anders statt artig sind sie Orte der Identität, dienen als Orientierungspunkte. Und, das ist auch kein Geheimnis, gerade die Pflege braucht solche Orte, die Orientierung, Geborgenheit und Willkommensein vermitteln können. Klug ist, wer Ansprüche und Notwendigkeiten neu kombiniert statt repetitiert. Klug ist auch, wenn Architektur das Wollen und das Können unterstützt, zurückhaltend bleibt und somit – trotz aller Sehnsucht der Architekten, ein Zeichen zu setzen – nicht zum Selbstzweck wird. Das Gegenteil von „gut“ ist dabei „gut gemeint“: Die Dosis macht wohl das Gift. Es braucht also keine Leuchttürme und den gestalterischen Exzess, sondern die Vernunft und das rechte Maß. 

Den von Herrn Arends aufgestellten Einwurf erleben wir als im Grundsatz richtig. Aber er geht uns eigentlich noch nicht weit genug. Nicht immer sind es nur das Geld und die Renditeerwartung oder gar die Pragmatik ernüchterter Planer, die solche Immobilien hervorbringen: Es ist ebenso auch das “soziotechnische System”, das hinter vielen Entscheidungen steht. 

Die Erfahrungen aus unserem eigenen Arbeitsleben sollen das an dieser Stelle erklären: Wir versuchen stets, im gemeinsamen Gespräch qualitätvolle Architektur entstehen zu lassen – aber oft genug scheitern wir an den Beteiligten. Und das, obwohl gerade diese dialogische Einbindung der Investoren, Betreiber und vor allem der Nutzer die Kernkompetenz unseres Büros darstellt. Gemeinsamkeit ist aber ein zweischneidiges Schwert. Es entsteht letztlich ein Konsens, der entweder die bestmögliche Lösung für alle Beteiligten darstellt – oder eben den kleinsten anzunehmenden Nachteil und damit das Altbekannte, Effiziente, Gleichförmige, kurz: die Mittelmäßigkeit. Ein schwacher Konsens entsteht durch die Angst um die Unvergleichbarkeit, die Sorge um das Geld, die Angst vor der Kritik und das Korsett der Vorschriften, die es allesamt zu erfüllen gilt.

Mit zwei Beispielen aus der Praxis möchte ich Öl ins Feuer gießen: Bei einem Projekt war der Investor von sich aus bereit, etwas Schönes entstehen zu lassen. Der Versuch, den späteren Betreiber bei der Planung mit ins Boot zu holen, scheiterte: Statt eines Gesprächs gab es Excel-Tabellen voll detaillierter Produktauflistungen für Standart-Einrichtungsgegenstände, die wir Punkt für Punkt abzuarbeiten hatten. Jeder Dialog wurde im Keim erstickt. Ein weiteres Beispiel ist eine ganz einfache Sanierung von Gemeinschaftsräumen in einer Einrichtung. Hier wurden wir aufgefordert, mit Beteiligung der Pflege-Mitarbeitenden ein neues Farbkonzept zu entwickeln. Das matte Ergebnis beziehungsweise die einzige Konsensfindung: eine Rasterdecke, alle Wände in Weiß, der Fußboden in Grau. In beiden Beispielen wurde die fehlende Gestaltung nicht durch eine Renditeerwartung verursacht, sondern durch die mangelnde Vorstellungskraft derer, die darin leben und arbeiten wollen. 

Jeder Architekt oder Planer dürfte ähnliche Geschichten erzählen können und muss sich dabei oft genug an die eigene Nase fassen. Denn letztlich stehen alle Beteiligten in der Verantwortung zur Veränderung. Unser Büro für soziale Architektur und Kommunikation bleibt also dran, den Beteiligten im offenen Gespräch neue Möglichkeiten zu eröffnen und Potenziale aufzuzeigen – und natürlich behalten wir dabei dennoch die Kosten im Blick. Wir glauben jedoch fest daran, dass das entscheidende Investment ganz am Anfang des Prozesses getätigt wird: wenn man sich wertvolle Zeit nimmt und in einen Dialog tritt. Soziale Architektur heißt für uns: Bauen und Planen für Gruppen. Sie beschreibt eher das Vorgehen als einen bestimmten Architekturstil. Ein Architekturstil, der sich ums Leben dreht statt um sich selbst – oder gar ums Geld allein.

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Copyright Fotos: Porträt privat / alberts.architekten

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1 comment
  1. Vielen Dank für den Artikel. Ich denke es braucht im vor der Planung einen pre-Design-Workshop. Darin sollte anhand von Werten und Gestaltungsprinzipien diskutiert werden. Dazu haben Professor Gerald Weisman und vor allem Dr. Emi Kiyota hervorragende Arbeit geleistet.
    Siebe hier https://www.researchgate.net/publication/288436091_Designing_a_better_day_Guidelines_for_adult_and_dementia_day_services_centers

    Und hier:
    https://www.silvercentury.org/2017/04/the-nursing-home-that-changed-peoples-lives/

    Wir durften dies erfolgreich mit Almacasa in der Schweiz umsetzen. Workshops haben wir aber auch schon in anderen Ländern etwa in Australien und Frankreich durchgeführt.

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