Nina Ruge schloss ihr Studium der Biologie an der Technischen Universität Braunschweig mit Auszeichnung ab. Sie startete 1987 eine fast 30-jährige TV-Karriere als Moderatorin täglicher Nachrichtensendungen, politischer Talkshows und Informationsshows. Als Autorin von fünf Bestsellern machte sie sich von 2018 an einen Namen als Wissenschaftsjournalistin für den Fachbereich Healthy Longevity. Heute produziert sie mit ihrem Unternehmen staYoung wöchentliche Expertenpodcasts, Newsletter, hält Vorträge, berät Hotels, organisiert Kongresse und Messeveranstaltungen und ist eine renommierte Verfechterin der wissenschaftsbasierten Longevity-Bewegung für die breite Bevölkerung (https://www.nina-ruge.de/). Für ihr soziales Engagement wurde sie unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet. 

Lifestyle of Longevity ist mittlerweile ein großer Trend geworden. Woher kommt der Trend eigentlich (aus Deutschland, aus dem Ausland)? Wann sind Sie zum ersten Mal mit Longevity in Berührung gekommen?

Nina Ruge: Der Megatrend Longevity hat seine Wurzeln in der Forschung zur Zellbiologie des Alterns. Seit der Jahrtausendwende ist sie hier unglaublich vorangekommen. 2023 wurde dieses immer komplexer werdende Forschungsfeld in The nine Hallmarks of Aging (Die neun Merkmale des Alterns) gegliedert. 2023 wurden zwölf Hallmarks daraus, 2025 sogar 14 riesige Arbeitsgebiete der Wissenschaft! Das heißt, sei es die Alterung unserer Zellkraftwerke, der Mitochondrien, die nachlassende Reparatur unserer DNA, die zunehmenden Entzündungen in unserem Körper etc., wir wissen heute jede Menge über die tiefen Ursachen des Alterns. Und damit finden die Wissenschaftler immer neue Ansätze, die Alterungsprozesse zu verlangsamen. Dieses Wissen kam vor allem aus den USA zu uns. Das brachte natürlich die uralte Sehnsucht der Menschheit wieder auf den Plan: ewige Jugend bis hin zur Unsterblichkeit! Diese Sehnsucht wird selbstverständlich nicht erfüllbar sein. Deshalb muss seriöse Longevity-Forschung immer wieder öffentlich auf die Bremse treten und die Vokabel Longevity, also Langlebigkeit, auf seriöse Weise durch Healthspan Extension ersetzen.

Das Ziel ist es, die gesunden Jahre unseres Lebens zu vermehren – nicht die Lebenszeit an sich.

Ihr Motto lautet: „Healthy Longevity bedeutet nicht einfach, alt zu werden – sondern lange gesund zu bleiben.“ Was hat Sie dazu veranlasst sich mit Longevity bzw. Healthy Longevity zu beschäftigen?

Nina Ruge: Gesundheitsthemen, Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der Medizin haben mich schon immer fasziniert. Meine Mutter und meine Schwester waren Ärztinnen, ich habe Biologie studiert und viele Talkshows, Events zu medizinischen Themen moderiert, gemeinsam mit Experten mehrere populärwissenschaftliche Bücher zu medizinischen Themen geschrieben. Als mir 2017 das Thema Longevity zum ersten Mal begegnete und mich ein Forscher fragte, ob ich dazu ein populärwissenschaftliches Buch dazu schreiben wolle, hat mich das sofort fasziniert. Und so kam es, dass ich das erste deutschsprachige Grundlagenbuch dazu geschrieben habe: „Altern wird heilbar“ – 2020 kam es auf den Markt.

Was sind aus Ihrer Erfahrung heraus die größten Einflussfaktoren für ein gesünderes, energetischeres, längeres Leben?

Nina Ruge: Die wichtigste Abbildung in meinen Vorträgen ist die sogenannte Langlebigkeitspyramide. Der Sockel, auf dem alles basiert, sind die Lebensstilfaktoren. Hier wissen wir heute sehr viel darüber, welche Ernährung, welcher Mix an Bewegung, welche Schlafparameter und welche Faktoren für das Stressmanagement elementar wichtig sind. Die zweite Ebene der Pyramide enthält alles, was wir von außen zuführen können: Nahrungsergänzung, Hormone – vor allem die Hormonersatztherapie für die Frau, aber auch lebenslange Impfungen. An der Spitze stehen die Zukunftstherapien, die ich in meinem letzten Buch „Ab morgen jünger“ erläutert habe. Die großen Hoffnungsträger für die nähere Zukunft sind die sogenannten Abnehmspritzen und Diabetesmedikamente wie Metformin. Umrahmt wird die Pyramide von den vielen Formen der Diagnostik, die wir unbedingt nutzen sollten, um individuelle Risiken einschätzen zu lernen: Gentests, Blut-Checks, MRT und Mammografie, Mundgesundheit und, und, und.

Wichtig ist: Die Wege zu langanhaltender Gesundheit sind individuell. One fits for all, das gibt es hier genauso wenig wie in der Medizin.

Hinsichtlich der demografischen Entwicklung: Wir werden immer älter, wie wirkt sich im Hinblick darauf Longevity auf unsere Gesellschaft aus?

Nina Ruge: Es wäre großartig, wenn wir es in unserer Gesellschaft schaffen würden, das höchste Ziel der Longevity-Forschung zu erreichen: weniger Jahre der Krankheit und des Siechtums am Ende unseres Lebens. Derzeit sind es in Deutschland rund elf Jahre für jeden. Wenn wir alle länger gesund und fit bleiben, können wir alle länger arbeiten – und bleiben in der Folge noch länger gesund. Der Ruhestand macht viele krank. Außerdem könnten die horrenden medizinischen Kosten der alternden Bevölkerung reduziert werden.

Es braucht dafür einen Wechsel der Einstellung in unseren Köpfen: Lange Aktivität bis ins hohe Alter ist großartig – natürlich mit längeren Phasen der Regeneration.

Doch hängen lassen können wir uns dann noch lang genug: im Grab. 

Sie blicken auf ein extrem forderndes Berufsleben im medialen Umfeld zurück: Können Sie beschreiben, wie sich Longevity auf unser Arbeitsleben auswirkt?

Nina Ruge: Ich verwende viel lieber die Vokabel Preventive Healthcare als Longevity. Und Preventive Healthcare hat als wichtigstes Ziel: Selbstverantwortung, Wissen, Achtsamkeit und Selbstfürsorge – für die eigene Gesundheit – ein Leben lang.

Nicht erst an die Gesundheit denken, wenn sie schon droht verloren zu gehen oder es bereits tut.

Wenn eine arbeitende Gesellschaft so denkt und fühlt, werden Ärztinnen und Ärzte ein völlig neues Selbstverständnis finden, werden Krankenversicherer Präventionsmaßnahmen vergüten und wird die Politik für uns möglichst viele Optionen bereitstellen, um lange gesund bleiben zu können. Diesen Paradigmenwechsel von Sickcare zu Healthcare braucht es dringend.

Würden Sie sagen, dass Longevity Wohnen im Alter unterstützen/verbessern kann?

Nina Ruge: Unbedingt! Und zwar, wenn zum Wohnen auch Einrichtungen für Krafttraining, Walking, Dehnung, Gleichgewichtsübungen und mentale Anregungen in Form zum Beispiel von Begegnungsräumen gehören. Wenn einfache Gesundheitstests wie Schnelltests zu wichtigen Blutwerten wie Fett- und Zuckerstoffwechsel dazugehören – aber auch Tracker, die Blutdruck und Puls und Sauerstoffsättigung messen, plus Menschen, die helfen, all diese Daten auszulesen und zu verstehen, und – nicht zu vergessen – wenn Ruhe, gute Luft und Licht hinzukommen.

Haben Sie ein paar Tipps für unsere Leserinnen und Leser: Welche praxistauglichen Strategien kann jeder sofort anwenden?

Nina Ruge: Mit ein paar Tipps ist es nicht getan. Am schönsten wäre es, wenn jede/r eine unbändige Neugier dafür entwickeln würde, was er/sie individuell für sich selbst tun kann und dann auch die körperliche Fitness und Gesundheit getrackt und gemessen wird. Zugleich sollte sich zum Beispiel jede/r seriös informieren wollen, welche Ernährung die optimale ist, wie viel Ausdauersport und Kraftsport zum gesunden Körper und Geist gehören und wie viel guter Schlaf.

Wer Lust hat, kann ja immer mal in meinen Podcast hineinhören: staYoung, mit Topexperten – jeden Freitag neu! Und in meiner monatlichen Kolumne in der Apothekenzeitschrift MyLife findet sich auch einiges für ein gesundes, langes Leben!

Herzlichen Dank für dieses Interview.

Fotocredit: © Stefan Görlich

QR-Code zu Nina Ruges Podcast staYoung. Jeden Freitag gibt es hier eine Stunde lang spannende, seriöse Gesundheitsinformationen:

Und hier noch ein Buchtipp (Nina Ruge, „Alles wird gut, aber nicht von alleine!).

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