Das Projekt „Pflege 2030“ wurde über dreieinhalb Jahre im Korian Haus Karlsfeld unter Realbedingungen erprobt. Gemeinsam mit der Korian Stiftung, Korian Deutschland, der Universität Bremen und dem Fraunhofer IIS wurden – gefördert vom Bayerischen Gesundheitsministerium mit 3,1 Millionen Euro – neue Ansätze für Personalbemessung, Digitalisierung und Arbeitsorganisation entwickelt und wissenschaftlich begleitet. Die Ergebnisse sind jetzt in einem Praxishandbuch zusammengefasst.

Herr Gharieb, Sie sind gelernter Altenpfleger und heute CEO von Korian Deutschland. Was hat Sie bei „Pflege 2030“ persönlich am meisten überrascht?

Christian Gharieb: Mich hat beeindruckt, wie offen unsere Mitarbeitenden, aber auch viele Bewohnerinnen und Bewohner, für Veränderungen waren. Oft heißt es, Digitalisierung stoße in der Pflege auf Skepsis. Unsere Erfahrung war genau umgekehrt: Wenn Menschen erleben, dass ihnen etwas den Alltag wirklich erleichtert, entsteht ganz von selbst Akzeptanz – man muss sie nicht überzeugen. Das war für mich die wichtigste Erkenntnis des Projekts.

„Pflege 2030“ wurde im Pflegealltag getestet. Welche Technologien machen aus Ihrer Sicht wirklich einen Unterschied – und wo werden KI und Robotik überschätzt?

Christian Gharieb: Den größten Unterschied machen Lösungen, die Pflegekräften spürbar Zeit verschaffen. Die sprachgestützte Pflegedokumentation spart beispielsweise einer Pflegekraft rund 30 Minuten pro Schicht und verbessert gleichzeitig die Dokumentationsqualität. Auch KI-gestützte Sensortechnik zur Sturzerkennung oder digitale Assistenzsysteme können die Sicherheit erhöhen und Abläufe erleichtern.

Gleichzeitig sollten wir bei KI und Robotik realistisch bleiben. Pflege lebt von Beziehung, Empathie und professioneller Einschätzung. Technik kann unterstützen – aber sie ersetzt keine Pflegekraft.

Was muss sich organisatorisch verändern, damit Digitalisierung tatsächlich entlastet?

Christian Gharieb: Die wichtigste Erkenntnis lautet: Digitalisierung ist kein IT-Projekt. Technik allein verändert noch nichts. Erst wenn Prozesse, Aufgaben und Verantwortlichkeiten mitgedacht werden, entsteht echte Entlastung.

Genauso wichtig ist, die Mitarbeitenden von Anfang an einzubeziehen. Wer neue Lösungen mitentwickeln kann und ausreichend Zeit bekommt, sie kennenzulernen, nutzt sie später auch erfolgreich.

Damit solche Ansätze nicht auf Modellprojekte beschränkt bleiben, braucht es allerdings verlässliche Rahmenbedingungen und eine Refinanzierung von Investitionen in Technik, Qualifizierung und Organisationsentwicklung.

Welche Rolle spielen dabei die Mitarbeitenden?

Christian Gharieb: Eine entscheidende. Unsere Mitarbeitenden waren keine Testpersonen, sondern Mitgestalter. Sie haben Technologien bewertet, ausprobiert und uns ehrlich gesagt, was funktioniert – und was nicht.

Dabei hat sich erneut gezeigt: Pflegekräfte sind deutlich innovationsfreudiger, als häufig behauptet wird. Wenn Digitalisierung Bürokratie reduziert und mehr Zeit für die Bewohnerinnen und Bewohner schafft, ist die Bereitschaft zur Veränderung groß. Sensorik und KI versprechen mehr Sicherheit.

Wie gelingt der Ausgleich zwischen Schutz, Selbstbestimmung und Privatsphäre?

Christian Gharieb: Für uns war klar: Technik muss dem Menschen dienen – nicht umgekehrt. Deshalb haben wir jede Lösung auch unter ethischen Gesichtspunkten bewertet. Interessant war, dass viele Bewohnerinnen und Bewohner digitalen Assistenzsystemen deutlich offener gegenüberstanden als erwartet. Wenn der Nutzen nachvollziehbar ist, etwa mehr Sicherheit oder Selbstständigkeit, werden solche Lösungen häufig positiv angenommen. Transparenz und Freiwilligkeit bleiben dabei unverzichtbar.

Gab es auch Technologien, die sich nicht bewährt haben?

Christian Gharieb: Ja – und genau das macht den Wert des Projekts aus. Unser Ziel war nie, jede Innovation für gut zu erklären, sondern herauszufinden, was im Alltag wirklich funktioniert. Einige Anwendungen haben unsere Erwartungen nicht erfüllt. Entweder war der Nutzen für die stationäre Pflege zu gering, die Integration in den Pflegealltag zu aufwendig oder sie hatten noch nicht die nötige Marktreife. Das zeigt: Nicht die technisch spannendste Lösung kommt am besten an, sondern diejenige, die den Alltag tatsächlich verbessert.

Warum reicht es nicht, einfach neue Geräte in eine Pflegeeinrichtung zu stellen?

Christian Gharieb: Weil Technik allein keine Transformation schafft. Digitalisierung entfaltet ihren Nutzen erst dann, wenn Prozesse, Organisation und Kompetenzen gemeinsam weiterentwickelt werden. Genau das hat „Pflege 2030“ auch eindrucksvoll gezeigt.

Das Praxishandbuch soll anderen Einrichtungen Orientierung geben. Welche drei Empfehlungen würden Sie Trägern mitgeben?

Christian Gharieb: Erstens: die eigenen Abläufe kritisch hinterfragen. Zweitens: Technologien konsequent nach ihrem praktischen Nutzen auswählen – nicht nach ihrem Neuheitswert. Und drittens: die Mitarbeitenden frühzeitig einbinden und qualifizieren. Digitalisierung gelingt nur gemeinsam mit den Menschen, die täglich damit arbeiten.

Wenn Sie an das Jahr 2030 denken: Wie sieht für Sie ein guter Pflegearbeitsplatz aus?

Christian Gharieb: Ein guter Pflegearbeitsplatz ist am Menschen ausgerichtet, aber digital unterstützt. Routineaufgaben laufen im Hintergrund, Informationen stehen jederzeit zur Verfügung und digitale Assistenzsysteme unterstützen Entscheidungen. So bleibt mehr Zeit für das, worauf es in der Pflege wirklich ankommt: den Menschen.

Herzlichen Dank für das Interview!

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