16.02.2018
Kategorie: MM Zielgruppe, WP Bewegung, PG Gesellschaft, PA Interviews
Angelika Sylvia Friedl

Sportmoderator Yorck Polus: "So viel Spaß und so viel Freude"

Vor den Winterspielen ist nach den Winterspielen. Am 09. März beginnen in PyeongChan in Südkorea die Paralympics. Die deutsche Mannschaft geht mit 19 Athleten an den Start. Insgesamt nehmen 670 Sportler aus 45 Nationen teil und kämpfen in sechs Diszplinen um Medaillen. Als Moderator für das ZDF ist Yorck Polus vor Ort, zusammen mit dem Experten Matthias Berg.


Herr Polus, von den Paralympics zu berichten ist sicherlich für jeden Moderator ein großes Erlebnis. Gibt es etwas, auf das Sie sich besonders freuen?

Tatsächlich vor allem auf die Sportler und Sportlerinnen. Die menschliche Komponente ist hier im Unterschied zu den Olympischen Spielen sehr wichtig, weil die Athleten zum einen tolle Sportler sind und zum anderen eine riesige soziale Verantwortung tragen. Sie haben Vorbildcharakter und sind Menschen, die gelernt haben, mit Schicksalsschlägen umzugehen.

 

Welche Sportlerin oder welcher Sportler hat Sie vor allem beeindruckt?

Da muss ich mehrere aufzählen. Zum Beispiel Vanessa Low. Sie hat mit 15 Jahren beide Beine bei einem Zugunglück verloren.

 

Welche Sportart betreibt sie?

Sie ist Weitspringerin und macht Sprint in der Klasse T42. Bei den Paralympics in Rio sind ihre Orthesen gestohlen worden. Dann hat sie hat eine Entzündung am Bauchnabel bekommen. Aber sie und ihre Kollegen schaffen es immer wieder, mit solchen Rückschlägen umzugehen. Sie sind alle herausragende Persönlichkeiten. Einer der beeindruckendsten ist der Mann an meiner Seite oder ich an seiner Seite, nämlich Matthias Berg. Er hat viele Medaillen sowohl bei den Ski alpin-Wettbewerben als auch in der Leichtathletik gewonnen. Matthias hat mir so viel beigebracht, auch wie man eine positive Lebenseinstellung gewinnt.

 

Gibt es eine Wintersportart, die Sie fasziniert? Beim Ski alpin können sehbehinderte Sportler zum Beispiel Tore und Bodenwellen erst kurz vorher sehen und müssen sich total auf ihr Können und die Anweisungen des guides verlassen.

Ich finde alle Sportarten unglaublich faszinierend. Es geht ja nicht nur um die reine Körperlichkeit, die jeder bei olympischen Spielen mit Händen greifen kann. Wenn ich als Skifahrer mit 120 km Geschwindigkeit den Berg hinunter rase, kann man sich noch vorstellen, wie schwer das für behinderte Sportler ist. Aber bei den Paralympics verstehen nicht gehandicappte Menschen oft nicht, wie ich zum Beispiel als Sehbehinderter ein Biathlonrennen fahren kann.

 

Erzählen Sie bitte, wie ein Rennen abläuft?

Sehbehinderte müssen über die Akustik die Ziele justieren und treffen. Sie schießen mit einem Lasergewehr mit Hilfe eines Infrarot-Systems – zielen also nach Gehör. Die Zielscheibe sendet ein Infrarotsignal, das wird in ein Tonsignal umgewandelt. Je höher der Ton, desto mehr zielt der Schütze in die Mitte. Und beim Laufen braucht man sehr viel Vertrauen in seinen Vorläufer, der einen begleitet. Ich laufe ihm bergauf und bergab nach und lasse mich von seinen akustischen Signalen leiten. Bei den alpinen Läufen geht es natürlich noch viel schneller und das Vertrauen in den Partner muss noch größer sein.

 

Helfen die Paralympics, damit mehr behinderte Menschen Breitensport machen können?

Ja, absolut. Vor zwanzig Jahren ist die paralympische Idee noch ganz klein gewesen, da kannte sie kaum jemand. Aber seit einigen Jahren hat sie enorm Fahrt aufgenommen. Das meinte ich vorhin mit der sozialen Verantwortung, die diese Sportler haben. Bei den Paralympics sind viele dabei, die verunfallt sind. Die nicht bereits von Geburt an, sondern nach ihrem Unfall lernen mussten, ihr Leben neu zu organisieren. Solche Vorbilder helfen immens. Je mehr die Medien darüber berichten, desto selbstverständlicher wird die sportliche Komponente, sowohl im Breitensport, als auch bei der Bewegungstherapie und der Frühmobilisation.

 

Ist Doping ein Problem?

Ja, das Problem gibt es. In Rio de Janeiro ist zum Beispiel die komplette russische Mannschaft nicht am Start gewesen. Das IPC, das Internationale Paralympische Komitee, ist hier deutlich konsequenter als das IOC. Ende Januar soll die Entscheidung fallen, ob das paralympische Team Russlands in PyeongChang an den Start gehen darf (Das Russische Paralympische Komitee bleibt suspendiert. Zwischen 30 und 35 ausgewählte Athleten dürfen aber unter neutraler Flagge teilnehmen-die Red.). Neben dem Doping spielt auch die Klassifizierung der Startklassen eine große Rolle. Je nach dem Schweregrad der Behinderung wird man in eine Startklasse eingruppiert. Da gibt es natürlich viele Möglichkeiten zu manipulieren und zu betrügen, also in eine günstigere Startklasse zu kommen, in der die Gegner vielleicht schwerer gehandicappt sind.

 

Sie waren Ruderer und Leistungssportler und sind von der Ausbildung her Sportmediziner. Wie kamen Sie als Moderator zu den Paralympics?

Das kann ich gar nicht mehr so genau sagen. Es wurden Reporter gesucht und ich bin gefragt worden, ob ich mich nicht in das Thema einarbeiten will. Erstmals war ich 2004 als Reporter in Turin bei den paralympischen Spielen. Und wer einmal dabei war, der bleibt auch dabei. Das beobachte ich bei allen Kollegen. Die Sache macht so viel Spaß und so viel Freude. Wir haben mittlerweile deutlich mehr Bewerbungen für die Redaktion als wir Leute beschäftigen können.

 

Zum Schluss bitte noch einen Blick in die Glaskugel. Wie viele Medaillen kann die deutsche Mannschaft gewinnen?

Das ist bei den Paralympics immer schwer vorherzusagen. Natürlich gibt es einige gute Kandidaten wie zum Beispiel Frau Schaffelhuber bei den Alpinen. Aber das hängt sehr von den Gegebenheiten vor Ort ab. Die Alpinen fahren auf den gleichen Hängen wie die Athleten bei der Olympiade. Gut möglich, dass einige Teile zu steil sind oder zu viele Buckel dabei sind. Das fordert die Sportler sehr heraus. Also, Prognosen sind schwierig. Aber wenn wir aus deutscher Sicht die Ergebnisse von Sotschi halten können - dort waren es 15 Medaillen – können wir sehr zufrieden sein.

 


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