10.08.2018
Kategorie: MM Marktentwicklung, WP Betreuungskonzepte, FT Technik, PA Interviews
Kerstin Lötzerich-Bernhard

Roboter in der Pflege sind keine Frage des Ob, sondern des Wie!

M. Sc. Hannes Eilers arbeitet hauptberuflich als Laboringenieur im Bereich Robotik an der Fachhochschule Kiel (Fachbereich Informatik & Elektrotechnik – Institut für Angewandte Informatik) und bietet nebenberuflich als freischaffender Ingenieur sein Wissen aus den Bereichen Informatik, Elektrotechnik und Robotik an. Er ist maßgeblich an der Entwicklung und Weiterentwicklung des Pflegeroboters „Emma“ beteiligt.  


Hannes Eilers

Emma im Einsatz in der Demenz-WG

Wie ist der aktuelle Stand Ihres Forschungsprojektes „Emma“? Wie hat sich der Pflegeroboter seit dem ersten Einsatz weiterentwickelt? Wie sieht konkret die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und den Pflegekräften aus?

 

Hannes Eilers: Unser Ansatz war von Anfang an, die Pflegekräfte und Bewohner der Demenz-WG der Diakonie Altholstein in Kiel (in welcher wir entwickeln) stark in die Entwicklung zu integrieren. Seit bereits mehr als zwei Jahrzehnten wird an Pflegerobotern geforscht. Bis zu einem tatsächlichen dauerhaften Praxiseinsatz hat es bisher keiner geschafft. Unserer Meinung nach, liegt dies vor allem daran, dass die Programmierer und Entwickler eines Roboters klassischerweise keinen Bezug zur Arbeitswelt Pflege haben. Die Experten hier sind die Pflegekräfte, welchen auf der anderen Seite der Einblick in die Entwicklung von Roboteranwendungen fehlt. Um dieses Problem zu lösen, sind wir alle 1-2 Wochen in der Demenz-WG in Kiel und erarbeiten im Dialog mit Pflegekräften und Bewohnern neue Anwendungen für den Roboter. Ziel ist es, am Projektende in ca. 5 Jahren einen ersten wirklich praxistauglichen Roboter entwickelt zu haben.

 

Dabei haben wir uns bewusst für das bereits jetzt kaufbare Robotermodell Pepper der Firma Softbank Robotics entschieden. Der Roboter ist zurzeit einer der günstigsten Roboter am Markt, die für einen entsprechenden Einsatz infrage kommen. Im Gegenzug ist der Roboter aber z. B. mechanisch nicht in der Lage, den Tisch zu decken (oder nur unter bestimmten Rahmenbedingungen und unter viel Zeitaufwand). Wir konzentrieren uns deshalb auf die Interaktion mit den Menschen. Uns ist wichtig, dass der Roboter nicht als Ersatz der Pflegekraft verstanden wird, wovon wir in der Praxis auch noch mindestens Jahrzehnte entfernt sind. Das Gerät ist vielmehr als zusätzliches Werkzeug in bestehenden Arbeitsprozessen anzusehen.

 

 

Durch welche Anwendung/Eigenschaften zeichnet sich der Pflegeroboter aus? Und was sind die nächsten Schritte?

 

Hannes Eilers: Um geeignete Anwendungen für den Roboter zu finden und diese auch in den Tagesablauf integrieren zu können, probieren wir gemeinsam entwickelte Ideen aus und testen jede Änderung an der Software, solange bis sie so gut funktioniert, dass eine Betreuung durch einen Ingenieur nicht mehr notwendig ist. Seit Anfang 2017 arbeiten wir nun so zusammen (2017 ohne konkrete Förderung, nur durch Hochschulmittel finanziert). Dabei ist unter anderem eine Musik- und Tanzanwendung entstanden. Damit können Pflegekräfte und Bewohner Musik über den Roboter abspielen, welcher sich dazu auch ein wenig hin- und herbewegt. Wir realisieren darüber eine Tanzstunde, bei der durch die Pflegekräfte die Interaktion mit dem Roboter unterstützt wird. Der Fokus der Aktivität liegt aber immer wieder (insbesondere beim Tanzen) auf dem Roboter und bietet den Pflegekräften ein paar Minuten, in denen sie sich um andere Dinge wie Wäsche wegräumen, ein eingehendes Telefonat annehmen oder das Mittagessen kümmern können. Als zweite Anwendung haben wir ein Memory-Spiel entwickelt.

Dieses wird zum Gedächtnistraining genutzt und zeigt zwei Bilder. Der Roboter fragt den Bewohner dann z. B. auf welchem Bild ein Haus ist (links oder rechts?). Das Spiel erkennt die Bewohner durch eine Gesichtserkennung, passt seinen Schwierigkeitsgrad auf jeden Bewohner individuell an und dokumentiert die Spielergebnisse. Diese Ergebnisse können den Pflegekräften als Unterstützung dienen, um z. B. die kognitiven Fähigkeiten der BewohnerInnen einzuschätzen und auch über einen längeren Zeitraum beobachten zu können. Dadurch, dass der Roboter das Spiel durchführt, wird zudem nur eine Assistenz in der Interaktion zwischen Bewohner und Roboter benötigt (bei manchen Bewohnern mehr, bei anderen weniger). So können auch Betreuungskräfte, Ehrenamtliche und Angehörige ein qualitativ hochwertiges Gedächtnistraining durchführen.

 

Welche weiteren Anwendungsmöglichkeiten denkbar sind und vor allem wie wir diese als Gesellschaft bewerten, versuchen wir dieses Jahr im Rahmen des Wissenschaftsjahres herauszufinden. Dazu führen wir in Kooperation mit der Universität Siegen in ganz Deutschland Workshops mit verschiedenen Personengruppen durch. Von Pflegekräften über Angehörige bis zu Schulklassen ist alles dabei. In den Workshops werden konkrete Ideen für Roboteranwendungen in der Pflege entwickelt. Diese Ergebnisse können auf Ausstellungen und online (robotik-in-der-pflege.de) bewertet werden und dienen uns als Ansatzpunkt für weitere Entwicklungen.

 

 

Inwieweit profitieren die Menschen in der Demenz-Wohngruppe vom Pflegeroboter „Emma“? Wie macht sich das bemerkbar?

 

Hannes Eilers: Die Bewohner und Bewohnerinnen der Demenz WG waren beim ersten Kontakt mit dem Roboter selbstverständlich erst zurückhaltend, aber interessiert.

Inzwischen freuen sich alle auf die „Puppe“ die zum Tanzen kommt. Sie sagen immer wieder, dass Emma jedes Mal Freude verbreitet. Sie stellt inzwischen einen festen Bestandteil des wöchentlichen Rahmenprogramms der Demenz-WG dar. In der dauerhaften Anwendung hat sich gezeigt, dass über die Beschäftigung mit Emma teilweise ein neuer Zugang zu einzelnen Bewohnern möglich war. Einzelne ließen sich so zu mehr Bewegung und Teilhabe an Gemeinschaftsaktivitäten aktivieren.

 

Die Wünsche der BewohnerInnen fließen dabei immer wieder in unsere Entwicklung mit ein. So arbeiten wir seit Beginn an dem Touch-Interface, welches Demenz-Patienten anders bedienen als Menschen, die mit dieser Eingabetechnik aufgewachsen sind. Sie erwarten oft, dass sich das Gerät wie ein Lichtschalter verhält. Die Technik ist dafür aber nicht ausgelegt. Auf Wunsch der BewohnerInnen kichert Emma z. B. auch, wenn man ihr über den Kopf streicht. Sie hat zudem ein Halstuch bekommen, damit sie (Zitat Bewohnerin) „[...] nicht immer so nackt ist.“

 

Wie sich Emma in anderen Umgebungen einsetzen lässt, welche Möglichkeiten und Unterstützung Pflegekräfte brauchen, um den Roboter zielgerichtet einsetzen zu können, wollen wir in den nächsten Jahren erforschen und arbeiten zurzeit an Details zum Einsatz weiterer Roboter in anderen Einrichtungen in Schleswig-Holstein.

 

 

Aus Ihrer Sicht: Sollten in allen Pflegeeinrichtungen Pflegeroboter zum Einsatz kommen?

 

Hannes Eilers: Meiner Meinung nach, sind Roboter in der Pflege keine Frage des Ob, sondern des Wie. Keine der zurzeit diskutierten Maßnahmen zur Unterstützung des Pflegesystems ist alleine DIE Lösung. Neben besserer Bezahlung und einer Steigerung des Ansehens des Berufsbildes in der Gesellschaft, werden Roboter auf die ein oder andere Weise in den nächsten Jahren Einzug in die Pflege halten. Wichtig ist, dass wir hier nicht darauf warten, dass internationale Konzerne vorgeben, wie diese eingesetzt werden. Wichtiger ist vielmehr, dass sich sowohl die Pflege als auch die Technik zusammen mit praktisch möglichen und gesellschaftlich gewollten Anwendungsszenarien von Robotern aus der Pflege auseinandersetzt. Der Wunsch, diese Entwicklung mitgestalten zu können ist auch der Grund, warum unsere Partnereinrichtungen in der Pflege mit uns zusammenarbeiten.

 

 

Herzlichen Dank für die Beantwortung unserer Fragen!

 

Fotos: FH Kiel

 


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