14.11.2017
Kategorie: WP Qualität, FT Medizin, PG Risikomanagement, PA Interviews
Gitta Schröder

Claudia Michelsen, Schauspielerin: „Unser Gesundheitswesen ist in einer Schieflage – nicht in einer Notlage“

Claudia Michelsen, in Dresden geboren, lebt mit ihren zwei Töchtern in Berlin.  Lange spielte sie in „Flemming“ Kommissariatsleiterin Ann Gittel. Den 1. Grimmepreis gewann Michelsen für ihre Rolle in „Der Turm“, den 2. Grimmepreis  für „Grenzgang“.  


Frau Michelsen - wie haben Sie sich auf die Rolle der Dr. Anna Hellberg vorbereitet?
Ich habe mehrere  Tage  mit einer praktizierenden Chirurgin gearbeitet, die mit mir die Situationen des Filmes nachgestellt hat. Damit ich eine gewisse Selbstverständlichkeit im Umgang mit Patienten und Instrumenten herstellen kann.

 

Was denken Sie über die Hygiene-Misere an deutschen Krankenhäusern?

Im weltweiten Vergleich der Gesundheitsversorgung landet Deutschland trotz guter Wirtschaftslage nur auf Platz 20 derzeit. Die offizielle Zahl der Toten verursacht durch Krankenhauskeime  liegt in Deutschland bei 16.000 pro Jahr. Und wir berühren mit diesem Film nur eines von vielen Themen, die dringend thematisiert werden müssten.

 

Da ist offensichtlich einiges in einer Misslage. Wie kann das sein?

Es geht um Profit. Nichts ist transparent. Auch, dass Krankenhäuser Keimbefälle nicht melden müssen. Was sind das für Zustände in einem Land wie diesem.

Vielleicht haben wir zu viele Krankenhäuser, die ja auch alle bewirtschaftet sein wollen. Das heißt, Betten füllen egal wie, einsparen wo es möglich ist, billige  schlecht ausgebildete Arbeitskräfte einstellen. An den Apparaturen sparen…etc.

Aber kommen wir zurück zu unserem Thema.
Dänemark macht es uns  in puncto Hygiene großartig vor,  dass es nicht unmöglich ist.  Ich denke, hier ist die Politik gefragt,  einzugreifen und Verantwortung zu übernehmen. Vielleicht müssen mehr große Kliniken verstaatlicht werden und andere, kleine Häuser geschlossen werden, so wie die Dänen es ja vorgemacht haben. Auch, wenn das sicherlich auf Unmut stößt, weil die Menschen weitere Wege in Kauf nehmen müssten, Arbeitsplätze verloren gehen würden. Aber: Sie können dann in den großen, modernen Häusern endlich wieder qualitativ so arbeiten, wie es eigentlich gehört und man könnte wieder mit Vertrauen und Zuversicht in unsere Krankenhäuser gehen.

 

Was die in Dänemark natürlich auch haben, ist eine weitreichende Digitalisierung im Gesundheitswesen…

 

Ja, auch da gibt es Handlungsbedarf.

 

Aber das ist ja auch eine Datenschutzfrage …

 

Ich weiss aus persönlicher Erfahrung, dass sich Krankenkassen nicht an personifizierte Datenschutzbestimmungen halten. Aber das ist auch wieder ein anderes Thema.

 

Finden Sie, dass die Medien zu viel Panik in puncto Keimbelastung schüren?

Nein. Die Krankenhäuser in Dänemark und in den Niederlanden schaffen es ja auch, bei annähernd gleichen Bedingungen Keime besser in den Griff zu bekommen. Was funktioniert also hier in Deutschland nicht, obwohl wir die finanziellen Mittel hätten? Warum gibt es so viel Mangel? Warum so viele überarbeitete Ärzte und erschöpfte Mitarbeiter in allen Bereichen in den Kliniken? Wieso passieren so viele Fehler?

Der multiresistente Keim ist einfach das erste Gegenüber, das auftaucht und nicht zu vertuschen ist.

 

Haben Sie persönlich Angst vor einem Krankenhausaufenthalt?

Eigentlich ist Angst kein Begleiter in meinem Leben, aber hier ist man in kompletter Abhängigkeit und angewiesen auf die Hilfe des Anderen. Und es wird nicht einfacher, um so mehr man weiss. Ich hoffe, dass unser Film das Thema aufreißt und etwas in Bewegung bringt.

 

Ist es für Sie schön, dass Sie hier eine politische Rolle spielen, in dem Sie die gesundheitspolitischen Missstände aufgreifen?

Mein Weg heute ist, mich politisch zu engagieren, indem ich so einen Film mache und dadurch eine Diskussion anschiebe oder meine Verbindung zum Kinder und Jugendhilfswerk „Die Arche“. Auch das ist wichtig für mich. Aber in erster Linie empfinde ich mich als Geschichten-Erzählerin.

 

Schöner älter werden – haben Sie da eine Vision, wie und wo Sie mit 70 Jahren sein wollen?

Was heißt denn schöner älter werden? Dieses Aburteilen oder Kategorisieren ist so unglaublich hemmungslos geworden. Mein Wunsch ist einfach nur, in Würde zu altern. Das ist mein Weg hoffentlich. Und damit habe ich sicher schon genug zu tun, bei dem, was uns tagtäglich umgibt und mit Selbstverständlichkeit erwartet wird. Wichtig ist:  Was lasse ich zu? Und was lasse ich nicht mehr zu?

 

Was lassen Sie nicht zu?

Erwartungshaltungen von anderen zu erfüllen. Es sei denn, ich habe da selber große Lust drauf und möchte das, weil ich weiß wofür.

Wofür oder für wen tue ich etwas.

Ich bin eine große Verehrerin von  Bernd Siggelkow, dem Gründer der „Arche“. Die Menschen, die da arbeiten, holen jeden Tag tausende Kinder von der Straße und wissen am Abend, was sie getan haben und für wen.

Auch Uschi Glas hat einen Verein namens brotZeit gegründet, der dafür sorgt, dass  Kinder in 175 Schulen Frühstück bekommen. Sie arbeiten mit Altenheimen zusammen, die für die Kinder Pausenbrote machen und die „Alten“  blühen richtig dabei auf, weil sie  wieder gebraucht werden. Und das lernen Kinder dadurch. So etwas zu verbinden, finde ich großartig.

Nun sind wir wieder bei Würde und Respekt für Alt und Jung angelangt. Das lasse ich natürlich gern zu.

 

Zurück zu den Krankenhäusern. Hören Sie da nicht auch positive Geschichten?

Doch. Da gibt’s sicher auch viele positive Geschichten. Aber ich finde, das ist im Moment nicht das Thema. Sondern wichtig ist es, dahin zu sehen, wo es einen Mangel und einen Missstand gibt.

Wir sind ja im Gesundheitswesen nicht in einer Notlage sondern in einer Schieflage und wir hätten die Mittel, etwas zu ändern.

 

Medizinthriller „Götter in Weiß“
Sendetermin: Mittwoch, 15. November, 20.15 Uhr, Das Erste 

Das teilweise lebensbedrohliche Hygiene-Problem an deutschen Krankenhäusern ist Stoff für den NDR Medizinthriller „Götter in Weiß“. Claudia Michelsen stellt darin die Chirurgin Dr. Anna Hellberg dar, die erfährt, dass sich an ihrer Klinik lebensbedrohliche Vorkommnisse häufen, die aber offenbar vertuscht werden. Je mehr unangenehme Wahrheiten sie aufdeckt, desto stärker wird sie isoliert und angefeindet. An ihrer Seite spielt Anneke Kim Sarnau eine OP-Schwester.  

 

 


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